Mahnwache nach Terror in Paris Gauck dankt Muslimen

"Das ist ein patriotisches 'Ja' zu unserem Land": Bundespräsident Gauck dankt bei einer Mahnwache in Berlin den muslimischen Gemeinschaften für das Zeichen gegen Terror. Den Tätern von Paris rief er zu: "Euer Hass ist unser Ansporn."

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Berlin - Bundespräsident Joachim Gauck hat alle Menschen in Deutschland unabhängig von Religion und Herkunft zum Einsatz für Demokratie und Weltoffenheit aufgerufen. "Wir alle sind Deutschland", sagte Gauck bei einer Mahnwache vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Besonderen Dank richtete er an die muslimischen Gemeinschaften und Muslime, die sich von Terror distanzierten: "Das ist ein patriotisches 'Ja' zu dem Land, in dem wir gemeinsam leben - zu unserem Land."

Nach den islamistischen Anschlägen von Paris mit 17 Toten hatten der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) und die Türkische Gemeinde Berlin (TGB) zu der Mahnwache aufgerufen. Nach Polizeiangaben kamen etwa 10.000 Menschen zu der Gedenkveranstaltung.

Das Ziel der Angreifer in Frankreich sei es gewesen, offene Gesellschaften zu spalten, sagte Gauck: "Erreicht haben sie das Gegenteil." Der Bundespräsident sprach bei der Veranstaltung vor der französischen Botschaft in Berlin, nachdem der Opfer von Paris mit einer Schweigeminute gedacht worden war.

Gauck: "Euer Hass ist unser Ansporn"

Gauck fand jedoch auch kritische Worte für Fremdenhass und Antisemitismus: "Die Feindbilder und Konflikte im Nahen Osten wirken häufig bis auf unsere Straßen." Terroristen wolle er sagen, was er zu Beginn seiner Präsidentschaft den Rechtsextremen gesagt habe: "Wir schenken euch nicht unsere Angst, euer Hass ist unser Ansporn."

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Der Bundespräsident mahnte dazu, sich gesamtgesellschaftlich gegen Hass und Angriffe zu wehren. Zu Brandanschlägen auf Moscheen sagte er: "Es ist nicht allein Sache der Muslime, dem zu wehren, es ist unser aller Sache." Das Gleiche gelte für den Kampf gegen Antisemitismus: "Es ist nicht allein Sache der Juden, sich dagegen zu wehren, es ist unser aller Sache."

Vor dem Bundespräsidenten hatte der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Abraham Lehrer, vor einer "immer stärkeren Radikalisierung" des Islam gewarnt. "Vor allem die Muslime selbst sind daher aufgerufen, gegen diesen Terrorismus vorzugehen", sagte Lehrer. Auch in Deutschland sei die muslimische Gemeinschaft gefordert. "Antisemitismus unter vor allem jungen Muslimen darf nicht einfach hingenommen werden", forderte Lehrer.

"Nicht zulassen, dass unsere Gesellschaft zerrissen wird"

Zu Beginn der Mahnwache trugen die Initiatoren zwei Koranverse vor, die zu Frieden aufrufen. Als der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, den französischen Botschafter begrüßte, brandete spontan Beifall auf.

Mazyek sagte bei der Kundgebung: "Die Terroristen haben nicht gesiegt und werden auch in Zukunft nicht siegen." Es gebe keine Rechtfertigung für Gewalt, Journalisten und Karikaturisten müssten die Freiheit des Wortes haben. In Erinnerung an die in einem Supermarkt ermordeten Juden in Paris sagte Mazyek: "Je suis juif", "Ich bin jüdisch". Man werde es nicht zulassen, dass "unsere Gesellschaft von Extremisten, die nur das Ziel haben, Hass und Zwietracht zu stiften, auseinandergerissen wird", so der Zentralratsvorsitzende. Man müsse nun zusammenstehen und sich noch mehr für das gesellschaftliche Miteinander anstrengen.

Zu der Demonstration hatten Muslime aufgerufen - bei der Kundgebung waren sie nicht in der Mehrheit -, die Teilnehmer waren bunt gemischt, auch Familien mit kleinen Kindern nahmen teil. Plakate mit "Für die Freiheit" wurden in die Luft gereckt, französische und israelische Flaggen.

Ein älterer Mann, Muslim, er stammt aus dem Irak, sagte, er sehe es als seinen Beitrag für die Gesellschaft an, gegen Gewalt aufzustehen. Sie sei hier, um zu zeigen, dass der Islam friedlich sei, dass sie mit Extremisten nichts zu tun haben wolle, so eine junge Frau mit Kopftuch, Schülerin aus Berlin.

Aber unter die Demonstranten mischten sich auch Verschwörungstheoretiker. Eine Gruppe junger Männer, die Flaggen der islamistischen Vereinigung "Milli Görüs" in die Luft reckten, war dabei. Er sei hier, um sich gegen Terror zu stellen, sagte einer von ihnen. Allerdings gelte ja die Meinungsfreiheit immer nur für die anderen, wenn Muslime etwas sagten, werde das verboten, behauptete er.

anr/mka/dpa

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