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Nachruf auf Hans Filbinger: Ministerpräsident, Marinerichter, Mitläufer

Von Reinhard Mohr

In den 40er Jahren wirkte er an Todesurteilen mit, in den 60er Jahren war er ein beliebter Landesvater: Hans Filbinger wurde zum Symbol für die Uneinsichtigkeit all jener, die einem verbrecherischen Regime gedient hatten, darin aber nur ihre Pflichterfüllung sehen wollten.

De mortuis nil nisi bene. Die alte römische Weisheit, über Tote nur Gutes zu sagen, stellt nicht nur in diesem Fall eine gewisse Herausforderung dar. Das Erste, was vielen bei der Nachricht vom Tode des früheren CDU-Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Dr. jur. Hans Filbinger, durch den Kopf gegangen sein mag: Also hat er bis eben noch gelebt. Das hätte man gar nicht gedacht.

Man hatte ihn schon vergessen, lange nichts von dem 93 Jahre alt gewordenen Politiker gehört, obwohl er Ehrenvorsitzender der baden-württembergischen Christdemokraten war, bis 1997 als Präsident, danach als Ehrenpräsident des rechtsnationalen Studienzentrums auf Schloss Weikersheim fungierte und noch vor wenigen Monaten, Ende 2006, am Landesparteitag seiner Partei teilgenommen hat – wie stets in den vergangenen Jahrzehnten.

Natürlich hat jeder Westdeutsche und Altbundesrepublikaner, der heute in den mittleren Jahren ist, das Wort vom "Marinerichter" parat: Nach zwölf Jahren im Amt des Ministerpräsidenten musste Filbinger zurücktreten, als durch einen Artikel von Rolf Hochhuth in der "Zeit" öffentlich und unabweisbar geworden war, dass er im Januar 1945 als Marinestabsrichter der Nazi-Wehrmacht – in diesem Fall als Sitzungsvertreter der Anklage – am Todesurteil für einen deutschen Soldaten, den 22-jährigen Matrosen Walter Gröger, wegen "Fahnenflucht" mitgewirkt hatte.

Im Laufe der öffentlichen Auseinandersetzung, in der auch Enthüllungen des SPIEGEL eine maßgebliche Rolle spielten – bis zum Schluss sprach Filbinger von "gelenktem Rufmord" und "Rufmord-Kampagne" – gab der Attackierte schließlich zu, noch an zwei weiteren Todesurteilen im Januar und April 1945 beteiligt gewesen zu sein – wenige Tage vor der Kapitulation des "Dritten Reiches".

Populärer Landesvater, korrekter Seitenscheitel

Filbinger war ein äußerst populärer Landesvater gewesen, dessen säuselnde Stimme zum schwäbischen Trollinger passte wie seine rechtskonservative Weltanschauung zum stets korrekten Seitenscheitel.

Noch 2003 schrieb sein Nach-Nachfolger Erwin Teufel über ihn, er habe "wie kein anderer gegen die Umsturzpläne der 68er-Bewegung angekämpft. Und zwar mit Erfolg."

Mit der legendären Parole "Freiheit oder Sozialismus", die auch der heute eher links gesonnene Ex-Generalsekretär Heiner Geißler gern als Waffe gegen die "Sozis" einsetzte, gewann er bei der Landtagswahl 1976 sensationelle 56,7 Prozent.

Doch während der passionierte Bergsteiger, Bezwinger von Mont Blanc und Matterhorn, für Häuslebauer und Spätzleesser ein kongenialer Repräsentant war, der absolute Mehrheiten hinter sich versammelte, wurde er für die in den siebziger Jahren erstarkende deutsche Linke zum Inbegriff des Reaktionärs, zum ideologischen Feindbild, dem das Nazi-Etikett dann auch noch mit amtlicher Berechtigung angeheftet werden konnte.

Dies umso mehr, da Filbinger, darin vielen Spitzenpolitikern bis heute gleich, die einen Fehler, gar ein schweres Vergehen partout nicht zugeben wollen, einen fatalen, inzwischen notorischen Satz sagte:

"Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein"

Was als Verteidigung, gar Entschuldigung gedacht war, trug ihm Attribute wie "furchtbarer Jurist" (Rolf Hochhuth) und "Blutrichter" mit einem "pathologisch guten Gewissen" (Erhard Eppler) ein.

So wurde er zum Symbol für die Uneinsichtigkeit all jener, die einem verbrecherischen Regime gedient hatten, darin aber nur ihre berufliche und vaterländische Pflichterfüllung sehen wollten.

1995 kam es zu einer heftigen Kontroverse zwischen Filbinger und dem SPIEGEL über den Einfluss der DDR-Staatssicherheit auf den Marinerichter-Skandal – mittels einer angeblichen Lancierung von Akten. Auslöser war das Buch zweier früherer Stasi-Offiziere, die über eine "Irreführungskampagne" der DDR in Sachen Filbinger berichteten.

Die CDU hatte mit Filbinger längst Frieden geschlossen, obwohl sie ihn damals selbst fallen gelassen hat.

"Verstrickung" in die Nazi-Tyrannei

Dennoch blieb Filbinger für den Rest seines Lebens im Schatten dieser Affäre, die nicht zuletzt die Angelegenheit seiner Generation ist, die er in seiner Autobiographie "Die geschmähte Generation" nannte: jene ambivalente schuldlose, schuldhafte "Verstrickung" in die Nazi-Tyrannei, die bis in die sehr späten Bekenntnisse eines deutschen Literaturnobelpreisträgers hineinreicht.

Nach allem, was inzwischen von Historikern erforscht wurde, war Hans Filbinger kein fanatischer Nazi. Er hat, wie hier und da bezeugt wird, sogar versucht zu helfen und zu mildern.

Aber er war ein Mitläufer, dem wie Millionen Deutschen, der Mut zum Nein, zum Nicht-Mitmachen, gar zum Widerstand, fehlte. Filbinger war von 1933 bis 1936 Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes, 1934 bis 1937 Mitglied der SA, 1937 trat er in die NSDAP ein.

Filbinger verfolgte seine Karriere und promovierte 1937 zum Doktor der Jurisprudenz. Thema seiner Dissertation: "Die Schranken der Mehrheitsherrschaft im Aktien- und Konzernrecht".

1940 legte er die große juristische Staatsprüfung ab, und kam dann zur Marine – später abkommandiert als Offizier der Kriegsgerichtsbarkeit.

Zu diesem Zeitpunkt war der etwa gleichaltrige Sebastian Haffner, selbst ein junger aufstrebender Jurist, vor Hitlers Terror schon längst nach London geflohen und verfasste sein nachgelassenes Werk "Geschichte eines Deutschen", bevor er seine "Anmerkungen zu Hitler" begann – die Analyse einer europäischen Katastrophe.

Das Leben von Hans Filbinger blieb bis zu seinem Tod ein Teil des deutschen Dramas.

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Vom Landesvater zum "furchtbaren Juristen" : Hans Filbinger ist tot

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