Nachruf auf Jürgen W. Möllemann "Sein größter Gegner ist er selbst"

Sein politischer Ziehvater Hans-Dietrich Genscher bezeichnete ihn als "political animal im umfassendsten Sinne des Wortes". Jürgen W. Möllemann machte diesem Ruf alle Ehre - auf einer politischen Achterbahnfahrt mit heimlichen Bewunderern und unheimlichen Feinden.




Sprang in den Tod: Jürgen W. Möllemann
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Sprang in den Tod: Jürgen W. Möllemann

Berlin - Es war sein letzter Auftritt im Fernsehen und das klang nicht nach Abschied. In altbekannter Art platzierte Jürgen Möllemann am Sonntagabend bei Sabine Christiansen einen dieser Schlusssätze, in denen er all das verband, was seine Persönlichkeit und Politik beschreibt: "Vielleicht machen wir das ja alle zusammen", sagte der ehemalige FDP-Politiker über die Spekulationen, ob er nun doch noch eine neue Partei gründen werde und erntete ein paar Lacher. Touché. Denn mit "alle" waren die anderen Politik-Outlaws wie Oskar Lafontaine und Gregor Gysi gemeint.

Es war ein typischer Möllemann-Satz: Ein wenig zynisch-ironisch, provozierend, selbsterhebend, bar jeden Realitätsbezugs in der Gegenwart, aber im Gefühl den Eindruck vermittelnd: Alles ist möglich, wenn man mich nur lässt.

Man hatte ihn lange gelassen. Nach dem Geschmack vieler Parteifreunde zu lange. Konnte er ohne? Möllemann war auf dem Höhepunkt seiner Karriere 1992/93 Wirtschaftsminister und Vizekanzler in der Regierung von Helmut Kohl (CDU). Er musste 1993 vom Amt des Wirtschaftsministers zurücktreten, weil er sich für die Vermarktung eines Einkaufswagen-Chips eines Verwandten eingesetzt hatte. Lange hatte er damals gezögert und geglaubt, das im Urlaub aussitzen zu können, bis ihn sein Ziehvater Hans-Dietrich Genscher zur Räson brachte. Schon damals entwickelte er ein Schema, mit dem er seine Niederlagen für sich erträglich gestaltete. Ging etwas schief, sah er sich als Opfer, wahlweise von Parteiintrigen, Kleinmut, Zeitgeist, betonierten Strukturen. Wer konnte ihn schon verstehen?

In der FDP rückte er später wieder zum stellvertretenden Vorsitzenden auf und war Erfinder des "Projekts 18". Kurz vorher hatte er der FDP in Nordrhein-Westfalen als Spitzenwahlkämpfer einen glänzenden Wiedereinzug in den Landtag verschafft und herrschte unangefochten im größten Landesverband. Wegen seines antiisraelischen Flugblatts kam es zwischen Möllemann, der ein erklärter Freund der arabischen Welt und seit 1993 Präsident der deutsch-arabischen Gesellschaft war, und der Partei zum Bruch. Nicht nur die windige Finanzierung der Kampagne, auch der einkalkulierte antisemitische und antiisraelische Unterton war Made by Möllemann.

Windiger Ruf

Wohl kaum ein anderer Politiker besaß einen so windigen Ruf in der politischen Klasse und in der Journaille - und wurde doch immer wieder (an)gerufen, weil man ja wusste, dass er für Schlagzeilen und knackige Zitate gut war. Möllemann war ein Magnet. In der Rolle als kalkulierender Politik-Proll nutzte er die Medien nicht nur - er war auch ihr Produkt.

Dem Politiker war es immer egal, wer unter ihm FDP-Vorsitzender war. Denen die Ämter, mir den Ruhm, war seine Devise. Nur einmal versuchte er Parteichef zu werden und fiel durch. Nach Liebesentzug verkroch er sich immer eine Weile schmollend, um dann doch wieder zurückzukehren. Er lebte vom Kurzzeitgedächtnis, dem eigenen und dem der anderen. Zusammen mit seinem FDP-Bruder im Geiste, Wolfgang Kubicki aus Schleswig Holstein, trieb er seine Parteigenossen des Öfteren an den Rand des Wahnsinns, wo ihn viele selbst oft verorteten. "Man fragt sich manchmal: Ist der Mann bei all seiner Begabung, bei all seinem politischen Geschick, ist der normal?", grübelte der FDP-Ehrenvorsitzende Otto Graf Lambsdorff öffentlich. Er meinte die Frage rhetorisch.

Aber in der Verachtung durch andere, die er fast masochistisch-genießend auf sich zog, schwang auch immer heimliche Bewunderung mit. Das wusste er, das spürte er. Wie oft hatte man ihn ab- und weg geschrieben? Wie oft feierte er ein Comeback? Spott-Titel sammelte er wie Orden: "Der Riesen-Staatsmann Mümmelmann" (Franz Josef Strauss), "der Quartalsirre" (Hermann Otto Solms) "Intrigantes Schwein" (Irmgard Adam-Schwaetzer). Er selbst bezeichnete sich gerne als Stehaufmännchen. Negative Aufmerksamkeit ist auch eine Form von Aufmerksamkeit. Das hatte er schnell gelernt. Und wer sie bekommt, fühlt sich bestätigt und groß.

Enormes Talent auf Irrwegen

Er besaß enormes politisches Talent, aber kein Maß, keine innere Sperre. Tabus zu brechen war ihm eine Lust. Er kokettierte gerne damit, dass er den Politikbetrieb nicht brauche, weil er ja erfolgreicher Unternehmer sei. Aber wer sich so hochschraubt, fällt tief - und erst in der Not spürt man, ob man auch Freundschaften gepflegt und gewonnen hat. Wirkliche Freunde, keine Parteifreunde. Er bezeichnete seine Partei gerne als "Familie" und "Heimat". Das glaubte ihm nicht jeder, dafür war es zu emotional. Ganz sicher war sie sein Nährboden, auf dem er 33 Jahre lang als Mitglied abwechselnd gedieh und verdarb, aber er war mit ihr genauso verwachsen wie mit der Politik, die seine Bühne war.

Möllemann: Leidenschaftlicher Fallschirmspringer
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Möllemann: Leidenschaftlicher Fallschirmspringer

Der studierte Lehrer kam 1972 für die Liberalen in den Bundestag, Er trat nach der Bonner Wende 1982 als Staatsminister im Auswärtigen Amt unter Genscher sein erstes Regierungsamt an. 1987 wurde er Bildungsminister, 1991 Wirtschaftsminister. Nach dem Rücktritt seines Mentors Genscher übernahm der 1945 in Augsburg geborene Möllemann auch das Amt des Vizekanzlers und Stellvertreters von Helmut Kohl (CDU).

Bei allem, was er seiner Partei zugemutet hatte, gehört auch zur Wahrheit, dass sie ihn immer wieder gerne (be)nutzte. Seine Qualitäten als Wahlkämpfer, als Antreiber, als Medienmagnet verschaffte den Liberalen immer wieder Aufmerksamkeit. Möllemann kannte dieses ambivalente Verhältnis der Partei zu ihm: "Ich weiß, dass manche bei meinen Sprüngen nur so lange geklatscht haben, wie der Fallschirm noch zu war", sagte er am 24. September 2002, einen Tag nach seinem Rücktritt als stellvertretender FDP-Bundesvorsitzender.

Schuld hatte "der Münsteraner"

Als der nordrhein-westfälische Grünen-Politiker Jamal Karsli der israelischen Armee vorwarf, gegen die Palästinenser "Nazi-Methoden" anzuwenden, fand er Asyl in Möllemanns FDP-Fraktion. Lange sah Parteivorsitzende Guido Westerwelle dem Treiben zu, noch vorsichtig tastend, ob da nicht was zu holen sei, ob der Möllemann nicht vielleicht doch einen guten Riecher für Stimmungen im Volk hatte. Der FDP-Chef nutzte ebenso gerne Möllemanns Kampagnenideen vom Projekt 18 und lenkte nach der enttäuschenden Bundestagswahl 2002 die Verantwortung für die Niederlage auf "den Münsteraner", wie er am Ende nur noch genannt wurde, und das desaströse Faltblatt, in dem Möllemann eine Woche vor der Wahl erneut die antisemitische Karte spielte: Er glaubte es, wie immer, besser zu wissen.

Möllemann verließ im März unter Druck seine Partei und die Bundestagsfraktion, wie immer mit einem Türknall und dem Opferblick auf sich selbst: "Wie ich zu einer so falschen Einschätzung der FDP kommen konnte, dass ich eine solche Jagd auf einen aus den eigenen Reihen für ausgeschlossen hielt, darüber will ich erst nachdenken, wenn mich das nicht mehr buchstäblich mitten ins Herz trifft", sagte er, an Herzrhythmusstörungen erkrankt. Doch zu dem Zeitpunkt glaubte ihm nicht mal mehr jeder, dass er krank war. Möllemann, das war sein von ihm genährter Fluch, traute man alles zu.

"Political animal"

Angesichts des Todes verbietet sich Spekulation. Ungehörig erscheinen die Assoziationen vom tiefen Fall, der Reißleine, der letzten großen Schlagzeile oder Inszenierung. Aber das Leben kennt keinen Zufall. Erinnerungen werden wach an andere politische Todesfälle wie dem von Schleswig-Holsteins ehemaligen Ministerpräsidenten Uwe Barschel - mit dieser Mischung aus Politik- und Medienbetrieb in einer Erregungs-Gesellschaft, den verschwimmenden Grenzen aus Schuld und Unschuld, Tragik und fast vorgezeichnetem, selbst gewähltem Weg. Möllemann wird uns weiter beschäftigen und - darf man das sagen? - es passt zu ihm.

Hans-Dietrich Genscher hielt 1997 zum 25-jährigen Bundestagsjubiläum Möllemanns eine Festrede: "Jürgen Möllemann ist ein "political animal" im umfassendsten Sinne des Wortes. Sein größter Gegner allerdings ist er selbst."

Neben der Leidenschaft für Schalke 04, wo er als Aufsichtsrat fungierte, war der Fallschirm sein Markenzeichen. Bei einem Fallschirm-Sprung ist Jürgen Möllemann am Donnerstag ums Leben gekommen. Er hinterlässt Frau und drei Kinder. Und viele Fragen.



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