Zum Tod von Roman Herzog Der Ruckruf-Präsident

Er trat ein schweres Erbe in Bellevue an, eine Rede gegen den Reformstau ist sein wichtigstes Vermächtnis: Der jetzt gestorbene Altbundespräsident Roman Herzog war ein Leben lang ein unbequemer Mahner.

action press

Ein Mann - ein Wort, und das hieß Ruck. Bundespräsidenten haben unterschiedliche Wege gefunden, um ihren Abdruck im kollektiven Gedächtnis zu hinterlassen. Roman Herzog, der siebte im Amt nach Richard von Weizsäcker, tat es auf seine Weise, doch kaum minder prägnant als dieser. Jetzt ist er im Alter von 82 Jahren gestorben.

Es wäre nicht einmal fair, in Herzog ein Gegenbild zu seinem Vorgänger sehen zu wollen. Dazu war er zu eigenständig, zu originell im besten Sinne: ein Spitzenjurist mit glanzvoller akademische Karriere bis hin an die Spitze des höchsten Gerichts, versierter Politiker. Ein konservativer Protestant aus dem niederbayerischen Landshut, hoch gebildet und weltläufig, unprätentiös, selbstironisch und ausgestattet mit Drang und Gabe zu einer Deutlichkeit, die sich nicht immer um Konventionen scherte. Ein Intellektueller, der es vermochte, so zu reden, dass ihn jeder verstand.

Fotostrecke

11  Bilder
Roman Herzog: Unermüdlicher Reformer

Dabei war eigentlich gar nicht vorgesehen, dass er 1994 zum Ersten Mann im Staate werden würde. Einheitskanzler Kohl, der Herzog früh für die Politik entdeckt und ihn einst in sein Kabinett in Rheinland-Pfalz geholt hatte, wollte ursprünglich den sächsischen Justizminister Steffen Heitmann ins Schloss Bellevue schicken. Doch der entpuppte sich als allzu rechts, eine Art irrlichternder Vorläufer der späteren unseligen Pegida-Bewegung. Und so musste der Präsident des Bundesverfassungsgerichts ran, als zweite Wahl sozusagen. Die Kür gelang auch erst im dritten Wahlgang, nachdem die FDP Hildegard Hamm-Brücher zurückgezogen hatte.

Herzog stand im Ruf des aufgeklärten, liberalen Konservativen. Er war allerdings nicht völlig unumstritten, seit er als Innenminister von Baden-Württemberg die Polizei mit Reizgas für Demo-Einsätze ausgestattet hatte. Dass dies durchaus als pragmatische Maßnahme zur Deeskalation gedacht war, verstand nicht jeder. In seinen frühen Jahren als Juraprofessor in Berlin hatte er als Gutachter zum Fall Benno Ohnesorg den Schusswaffengebrauch verurteilt. Anfangs von den Linken auf dem Campus der FU akzeptiert, bekam er doch irgendwann den Stempel "reaktionär" verpasst.

Aufruf gegen den Reformstau

Der unruhigen Zeiten im wilden Berlin müde, zog er mit seiner Familie vorübergehend zurück in die Provinz nach Speyer - um sich anschließend umso nachdrücklicher ins politische Spiel zu bringen, in der CDU, in Bonn, dann in Lothar Späths Ländle. Und schließlich dann die Karriere in Karlsruhe, die - anders, als von manchen befürchtet - keineswegs einen konservativen Kurswechsel in der höchsten Rechtsprechung bewirkte. So einfach machte er es Freunden wie Gegnern nicht.

"Unverkrampft" wolle er sein Land repräsentieren, erklärte er als frisch gewählter Bundespräsident. Manche unterstellten ihm einen Schlussstrich-Verdacht, nicht nur die Sozialdemokraten, die frustriert waren, weil sie ihren Johannes Rau (noch) nicht durchgebracht hatten. Doch solche Bedenken verflüchtigten sich rasch. Wie sehr gerade diesem Präsidenten der angemessene Umgang mit der deutschen Vergangenheit ein Anliegen war, zeigte schon seine erste Auslandsreise nach Polen, wo er mit seiner "Bitte um Vergebung" zum 50. Jahrestag des Warschauer Aufstands und seinem Schweigen in Auschwitz weltweit beachtete Zeichen setzte. Und er war es, der den 27. Januar als Holocaust-Gedenktag durchsetzte.

Dies war die andere Seite des Roman Herzog und ein Verdienst, das in seiner Amtsbilanz womöglich etwas zu sehr von dem enormen Echo auf die legendäre Ruckruf-Aktion überlagert wurde. Aber jene erste "Berliner Rede" vom 26. April 1997 im noch nach Baustaub riechenden, wieder entstandenen Hotel Adlon passte einfach zu gut in die damalige politische Landschaft und reflektierte ein weit verbreitetes Empfinden.

"Reformstau" lautete ein landauf, landab zu vernehmendes Seufzerwort. Denn die Einigungseuphorie war verflogen und es zeigte sich, dass der Aussitz-Kanzler Kohl genau dort (nicht) weitermachte, wo er eigentlich schon 1989 hätte aufhören müssen, wäre ihm nicht die Einheit gelungen. Dass endlich ein Ruck durchs Land gehen müsse, wie Herzog forderte, fanden viele, auch wenn offenbar niemand so recht der Erste sein mochte. Denn genau hier lag das eigentliche Defizit, wie er diagnostizierte: nicht in den Erkenntnissen, sondern im Willen, sie auch zu verwirklichen.

Ein rebellischer Geist

"Ich vermisse bei unseren Eliten in Politik, Wirtschaft, Medien und gesellschaftlichen Gruppen die Fähigkeit und den Willen, das als richtig Erkannte auch durchzusetzen", klagte Herzog, der fortan wie kein anderer Präsident Regelungswut und bürokratische Schwerfälligkeit anprangerte.

Herzog hatte mit dem deutschen Reformbedarf und den Mühen der Erneuerung sein Lebensthema gefunden, dem er sich auch nach seiner Amtszeit mit kaum verminderter Verve widmete, unter anderem in der nach ihm benannten Herzog-Kommission zur Gesundheitsreform, mit Vorschlägen für eine EU-Charta und immer wieder durch Weckrufe und nicht von jedermann gern gehörte Warnungen, wie etwa jener vor der "Rentnerdemokratie", in der die Alten die Jungen ausnähmen. Jeder Antrag an eine Behörde solle als genehmigt gelten, wenn das Amt nicht innerhalb von drei Monaten über ihn entschieden habe. Das war so ein typischer Herzog-Vorstoß, anschaulich und lebensnah.

So blieb er auch auf seine älteren Tage vor allem eines: ein rebellischer Geist, der sich nicht abfinden mochte mit vorgeblich schwer Veränderbarem. Dass er nach dem Tod seiner Frau Christiane in zweiter Ehe Alexandra Freifrau von Berlichingen heiratete und auf das Schloss des Götz von Berlichingen zog, passte da fast ein wenig klischeehaft ins biografische Bilderbuch. Er habe "den niederbayerischen Erbfehler, gelegentlich gegen den Strom zu schwimmen", meinte er einmal. Es blieb nicht dabei, dass er dies nur gelegentlich tat.



insgesamt 90 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
linoberlin 10.01.2017
1. Ein angenehmer Mensch,
den ich gerne in Erinnerung behalten werde. Besonders gerne auch die First Lady an seiner Seite.
klugscheißer2011 10.01.2017
2. Einer der Besten
Roman Herzog war einer der Besten unter den Bundespräsidenten. Ich verneige mich vor ihm und seiner Lebensleistung! Am besten hatte mir gefallen, dass er kein Parteipolitiker war und das, was er sagte, hatte Hand und Fuß. Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker, Johannes Rau und Roman Herzog bräuchten wir heute dringend! Und einen Ruck in Form eines "Aufstandes der Anständigen" gegen zunehmende rechte Gesinnung haben wir bitter nötig.
goethestrasse 10.01.2017
3. Daß er als Mahner in Erinnerng bleiben wird..
... reicht ihm zur Ehre. Leider hat keine/r , der was zu Sagen hat, auf ihn gehört. Beim Staatsakt werden sie versammelt sein und sich in Lobpreisungen überbieten, ebenso wie beim üblichen twittern.
troy_mcclure 10.01.2017
4.
Von den Bundespräsidenten, die ich bisher erlebt habe (bewusst ab Weizsäcker) war Herzog der Beste
pacificwanderer 10.01.2017
5. Heute noch richtig!
"Ich vermisse bei unseren Eliten in Politik, Wirtschaft, Medien und gesellschaftlichen Gruppen die Fähigkeit und den Willen, das als richtig Erkannte auch durchzusetzen", RIP
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.