Zum Tod von Lothar Bisky: Abschied von einem Nachdenklichen

Von Stefan Berg

Als jungen Mann zog es Lothar Bisky von Schleswig-Holstein in die DDR - aus Überzeugung. Erst mit der Wende 1989 ging er in die Politik. Er war ein schlechter Redner, ein guter Zuhörer und ein überzeugter Parlamentarier. Jetzt ist er im Alter von 71 Jahren gestorben.

Lothar Bisky war ein Anti-Politiker. Er war ein äußerst schlechter Redner. Er holperte und polterte durch die Redemanuskripte, wie ein Traktor über die Krume. Er war auch kein Machtmensch. Er hasste die Intrigen in seiner Partei und anderswo. Er war nicht fähig, Leute wegzudrängen. Einer wie Bisky hätte heute keine Chance zum politischen Aufstieg, in keiner Partei.

Lothar Bisky, geboren 1941, hatte auch sicher nie vorgehabt, Politiker zu werden. Er war Sozialist, wollte die DDR, war 1959 freiwillig in dieses Land gekommen. Er machte Karriere im Arbeiter- und Bauernstaat. Am Ende war er Chef der staatlichen Filmhochschule, natürlich SED-Mitglied. Aber nie hat einer seiner ehemaligen Studenten geklagt, der Bisky habe Leute schikaniert. Im Gegenteil: Er hat sich schützend vor kritische Studenten gestellt. Das brachte ihm Ärger ein. Dennoch hat er später viel mehr über seine Anpassung gesprochen. Beides unterschied ihn von vielen SED-Mitgliedern.

Als er im Herbst 1989 in die Politik ging, dachte er, es ginge um ein paar Monate. Er sagte: "Ich will endlich wieder Zeit für Filme haben."

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Linke: Trauer um Lothar Bisky
Daraus wurde nichts. Einer seiner engsten Vertrauten, Gregor Gysi, nahm ihn immer wieder in die Pflicht, und Bisky war Pflichtmensch und auf erstaunliche Weise seiner Partei treu. Manchmal wirkte er dabei naiv. Er war die kluge, nachdenkliche Fassade, hinter der Gysi tricksen konnte. Wenn Gysi ihn bat, dann konnte Bisky nicht nein sagen. Zweimal Parteichef derselben Partei, das zehrte an ihm. Wer ihn in der Parteizentrale in Berlin besuchte, der traf auf einen vollkommen deplatzierten Menschen. Da, wo Ernst Thälmann einst die Faust geschwungen hatte, da musste er selber lachen.

Schließlich hatte er genug von Lafontaine

Biskys Rolle im Herbst 1989/1990 beim Umbau der SED zur PDS blieb immer umstritten, über seine Kontakte nach Moskau und zum Oberspion Markus Wolf wurde viel spekuliert. Seinen Beitrag zur Demokratisierung der knapp zwei Millionen ehemaligen SED-Mitglieder aber hat er geleistet. Er war stolz, Parlamentarier zu sein, er war von leidenschaftlicher Toleranz. Und hat für diese Demokratie geworben.

In den letzten Jahren ließ er die Parteiarbeit schleifen, wie er manchmal über sich selbst spottete. Zu viele Stalinisten, zu viele Sektierer. Und er hatte genug von Oskar Lafontaine. Es zählte zu den seltsamen Wendungen in Biskys Leben, dass er die Meinungsfreiheit in seiner Partei ausgerechnet gegen einen Ex-Sozialdemokraten verteidigen musste. Wenn er darüber sprach, dann war ihm gar nicht komisch zumute. Es stank ihm gewaltig.

Lothar Bisky konnte ein sehr fröhlicher Mensch sein, und die größte Freude bereiteten ihm die beiden Söhne: einer ein feinsinniger Journalist, der andere ein erfolgreicher Maler - in der Bundesrepublik. Das gefiel ihm. Der Tod seines dritten Sohnes im Alter von 23 Jahren hat ihn schwer getroffen.

Im Jahr 2005 kandidierte Lothar Bisky als Bundestagsvizepräsident. Angela Merkel schlich damals durch die Reihen und flüsterte ihren Leuten zu: "Bloß keine Märtyrer schaffen...". Bisky wurde nicht gewählt, diese Niederlage hat ihn enttäuscht. Die Lernfähigkeit anderer war eben nicht immer so groß wie seine. Vielleicht fällt dem Bundestag ja etwas ein, wie man einen Menschen mit dieser Vita ehrt. Mit seinem Tod verliert das Land jedenfalls einen Nachdenklichen.

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1.
Tommi16 13.08.2013
Zitat von sysopDPAAls jungen Mann zog es Lothar Bisky von Schleswig-Holstein in die DDR - aus Überzeugung. Erst mit der Wende 1989 ging er in die Politik. Er war ein schlechter Redner, ein guter Zuhörer und ein überzeugter Parlamentarier. Jetzt ist er im Alter von 71 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/nachruf-zum-tod-von-lothar-bisky-a-916435.html
zu diesem Anlass braucht es kein Forum. Beileid an die Familie. Er war ein toller Dozent. Ein ehemaliger seiner Studenten.
2. Sehr guter Artikel
hatem1 13.08.2013
Danke Stefan Berg. Bisky war ein sehr sympathischer und angenehmer Mensch. Der Familie herzliches Beileid.
3. Ein echter Parlamentarier
FairPlay 13.08.2013
ist er gewesen. Auch wenn böse Zungen ihm übles wie z.B. Angela Merkel nachredeten, so war er kein Intrigant wie Merkelin. Schade um ihn, da haben die Linken einen sehr guten Mann verloren.
4. einer..
refused_23 13.08.2013
.. von dem sich manch ein politiker ein stück abschneiden sollte: "..ein guter zuhörer und ein überzeugter parlamentarier.." - besser hätte man es nicht ausdrücken können! mein beileid! :(
5. Aufrichtiges Beileid
hubertrudnick1 13.08.2013
Zitat von sysopDPAAls jungen Mann zog es Lothar Bisky von Schleswig-Holstein in die DDR - aus Überzeugung. Erst mit der Wende 1989 ging er in die Politik. Er war ein schlechter Redner, ein guter Zuhörer und ein überzeugter Parlamentarier. Jetzt ist er im Alter von 71 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/nachruf-zum-tod-von-lothar-bisky-a-916435.html
Mein aufrichtigs Beileid, mit Herrn Bisky verlieren wir einen aufrichtigen Menschen, einer der bei den Menschen zu Hause war und imgrunde nie ein Parteichef sein wollte. Das ist ein sehr guter Artikel und gibt den Herrn Bisky so wieder wie er war. Man kann sich für eine Sache einsetzen und muss trozdem kein Betonkopf sein und eine politische Führungsarroganz hinaushängen so wie es nicht nur etliche Linke, sondern auch sehr viel Parteileute aus anderen politischen Grppierungen ständig tun.
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