Zum Tode Günter Schabowskis Ein Satz fürs Geschichtsbuch

Putschist oder Parteibonze? Günter Schabowski sah sich als der Held, der die Mauer zu Fall brachte. Dabei legte er eine astreine SED-Karriere hin. Sein berühmter Satz war nur ein Versehen, das er hinterher fleißig umdeutete.

Ex-SED-Funktionär Schabowski: Bonze par exellence
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Ex-SED-Funktionär Schabowski: Bonze par exellence

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Man kann sich nicht satt sehen an dieser Szene vom 9. November 1989: Günter Schabowski, grauer Anzug mit Parteiabzeichen, sitzt auf einem roten Sessel hinter einem holzgetäfelten Podium, vor ihm ein Heer von Journalisten.

In dem ihm eigenen Berliner Dialekt liest Schabowski einen Text vor, der eine "neue Reiseregelung" verheißt. Jeder DDR-Bürger könne demnach jederzeit in den Westen fahren. Da wird der Mann, der die Journalisten mit "Genossen" anredet und dem diese den Spitznamen "Schabe" verpasst haben, gefragt, wann denn die neue Regelung in Kraft trete. Er brummelt etwas unsicher, blättert und dann entfährt ihm jener historische Satz: "Das tritt nach meiner Kenntnis...ist das sofort, unverzüglich." Kurze Zeit später läuft eine Meldung um die Welt: "Die Mauer ist offen."

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Günter Schabowski hat es mit diesem einen Satz ins Geschichtsbuch gebracht. Als der Mann, der die Mauer öffnete, wird er oft bezeichnet - und so sah er sich selbst. Dass ihm ein Lapsus unterlaufen war, dass die Grenzsperren zwischen Ost und West eigentlich geordneter fallen sollten, das mochte er nicht hören. Schabowski hat sich gern als Held feiern lassen. Als Maueröffner, Putschist, Verschwörer.

Der Lebensweg des in Anklam in Vorpommern geborenen Günter Schabowski war der eines Bonzen par exellence: Der Klempner-Sohn wurde Parteijournalist. Er begann als Redakteur bei der Gewerkschaftszeitung "Tribüne", trat 1952 in die SED ein und wurde schon ein Jahr später Stellvertretender Chefredakteur des Blattes. Er studierte Journalismus in Leipzig. Wie es sich für angehende Führungskader gehörte, folgte eine Ausbildung auf der Parteihochschule in Moskau.

Damit war er gut präpariert für höhere Weihen, für eine Leitungstätigkeit im "Zentralorgan", so die offizielle Bezeichnung des Parteiblatts "Neues Deutschland", das in einer Millionenauflage die Parolen und die Sichtweise der SED-Spitze unters Volks brachte. Schabowskis Werdegang zeigt, wie eng Partei und Parteiblatt verwoben waren: In der Redaktion stieg er auf bis zum Chefredakteur und in der SED bis zum Mitglied des Politbüro, dem mächtigsten Gremium im Arbeiter- und Bauernstaat. Nebenbei war er auch noch Mitglied der DDR-Volkskammer, dem Pseudo-Parlament.

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Günter Schabowski: Der Mann mit dem Zettel
Schließlich fiel die Entscheidung für die Partei-Karriere: 1985 wurde Schabowski hauptamtlicher Parteichef Ost-Berlins, offizieller Titel: Erster Sekretär der SED-Bezirksleitung. Ein wichtiger und einflussreicher Posten, denn damit war er der ranghöchste Parteifunktionär der "Hauptstadt der DDR", er trug damit auch Verantwortung für die "Grenzsicherung", wie Mauer und Todesstreifen beschönigend genannt wurden, er saß in der sogenannten Bezirkseinsatzleitung mit den Genossen des Ministerium für Staatssicherheit. Diese informierten ihn über "Grenzdurchbrüche", "Provokationen" und "Verletzung der Staatsgrenze". Er lebte in der Bonzen-Siedlung in Wandlitz, abgeschirmt vom eigenen Volk.

Nie ist Schabowski in dieser Zeit als Reformer in Erscheinung getreten. Bis in die Schlusstage der DDR propagierte er den Sieg des Sozialismus und bekämpfte dessen Feinde. Als sich Mitarbeiter eines Berliner Theaters im Herbst 1989 zusammensetzten und ihren Unmut über die Zustände in der DDR formulierten, erschien Schabowski wenig später auf einer Versammlung und polterte gegen angebliche Klassenfeinde in den eigenen Reihen los.

Dieser Polterton blieb, auch nachdem Günter Schabowski im Herbst 1989 seine radikale persönliche Wendung vollzogen hatte. Aus dem hundertprozentig linientreuen Propagandisten wurde ein hundertprozentiger Ankläger der bisherigen Weggefährten. Der "Maueröffner" schrieb Bücher über das "Politbüro", er rechnete mit sich und seinesgleichen gnadenlos ab ("Der Absturz"), gab Interviews, saß in Talkshows. Unverwechselbar war der Ton, in dem er über die "Arschlöcher" und "Vollidioten" herzog. Vorzugsweise titulierte er so frühere Politbüromitglieder wie Kurt Hager und Egon Krenz. Schabowski wiederum wurde dafür als "Verräter" beschimpft.

Ein Rest Zweifel blieb immer an Schabowskis persönlicher Wende. War das Opportunismus? Oder Cleverness? Immerhin erklärte er öffentlich und vor Gericht, er "empfinde Schuld und Schmach" bei dem Gedanken an die Mauertoten und immerhin bat er die "Angehörigen und Opfer um Verzeihung". Das hob ihn wohltuend ab von den SED-Betonköpfen, die im Herbst 1989 eine Konterrevolution sahen oder eine Verschwörung Michail Gorbatschows. Im Unterschied zu anderen akzeptierte Schabowski auch eine Verurteilung wegen seiner Mitverantwortung für das Grenzregime. Nach knapp einem Jahr im offenen Vollzug wurde er entlassen.

Noch einmal war er als Journalist tätig, im Westen, fernab seiner alten Wirkungsstätte, bei einer westdeutschen Regionalzeitung ackerte er als leitender Redakteur und verdiente sich seinen Lebensunterhalt. Öffentlich trat er nur noch ab und an auf, als Kronzeuge wetterte er gegen Gregor Gysi ("Quatschkopp") oder gegen die neu entstandene Partei Die Linke ("gefährliches Retrobündnis").

Schabowski starb nach langer Krankheit am 1. November 2015. Sein Satz vom 9. November 1989 bleibt unvergessen.

9. November 1989

insgesamt 75 Beiträge
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viceman260 01.11.2015
1. ein unentwegter karrierist,
der selbst "über leichen" ging. der wäre damit in jedem system "was geworden".bezeichnend er schmiss die familie des vorher verstorbenen grüneberg aus wandtlitz raus, weil deren haus ihm zustehe...
boehme_h 01.11.2015
2. Günter Schabowski
Egal was er war oder parteiisch getan hat,sein Satz damals :das jeder Bürger ab sofort nach den Westdeutschen Lande reisen könnte, war der Satz des Jahrhuntert.Ich danke ihm heute noch für sein Versprecher.
webman 01.11.2015
3. der satz....
auslöser war die nachfrage des italienischen journalisten an herrn schabowski .....insofern gebührt dem italiener der ewige dank.... https://de.wikipedia.org/wiki/Riccardo_Ehrman
postit2012 01.11.2015
4. An Herrn Schabowski
habe ich in den letzten Wochen oft gedacht.
ayberger 01.11.2015
5. Ich tue mich schwer damit,
ihn gerecht einzuordnen - ihm für seinen politischen Lebensweg positive Handlungen und Einstellungen zuzugestehen, immerhin war er über viele Jahre eine hohe und verläßlche Stütze des DDR-Unrechtsstaates, aber er hat nun einmal - sei es auch nur durch ein Versprecher - die goldenen und erlösenden Worte gesprochen und damit den einmalig historischen Vorgang der spontanen Grenzöffnung ausgelöst, dafür war ich ihm immer dankbar. Ich vergesse es bie, wie gebannt saß ich an jenem Tag bis tief in die Nacht allein vor dem Fernseher - Frau und Kinder lagen schon tief im Schlaf - und wurde mir bewußt, heute hast du einen besonderen Augenblick der Weltgeschichte miterlebt, davon zehre ich noch heute.
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