Nazi-Äußerungen Hammelsprung gegen Trittin-Entlassung

Umweltminister Jürgen Trittin ist wohl noch einmal davongekommen: Wegen seines Skinhead-Vergleichs gegenüber CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer stand er tagelang unter Beschuss. Jetzt lehnte der Bundestag es mehrheitlich ab, über seine Entlassung zu debattieren.


Jürgen Trittin: Verbale Ausrutscher
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Jürgen Trittin: Verbale Ausrutscher

Berlin/München - 320 Parlamentarier von SPD, den Grünen und PDS stimmten gegen den Unionsantrag, 235 von CDU/CSU und FDP sprachen sich dafür aus. Die Abstimmung erfolgte mit dem so genannten "Hammelsprung". Dieser wird bei einer Abstimmung im Bundestag notwendig, wenn das Votum unklar ist. Dabei schreiten die Abgeordneten durch eine "Ja"- oder "Nein"-Tür. In dem Antrag der Union hatte es geheißen: "Bundeskanzler Schröder muss Umweltminister Trittin entlassen, um weiteren Schaden von der Bundesrepublik Deutschland abzuwenden."

SPD und Grüne sind gegen Trittins Entlassung. Sie nutzten am Donnerstag die Gelegenheit, dem bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber ebenfalls eine verbale Entgleisung um die Ohren zu hauen. Er hatte die Agrarpolitik von Verbraucherministerin Renate Künast mit der "Reichsnährstandsideologie" der Nazis verglichen.

Kramte auch ganz unten in der rhetorischen Kiste: Edmund Stoiber
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Kramte auch ganz unten in der rhetorischen Kiste: Edmund Stoiber

Stoiber hatte den Vergleich am Dienstagabend bei einem Journalistengespräch in München gezogen. Der Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Rezzo Schlauch, nannte die Wortwahl einen "Skandal". "Hier wird versucht, die Verbraucherschutzministerin in die Nähe nationalsozialistischer Ideologen zu rücken", erklärte Schlauch in Berlin.

Stoiber ließ am Donnerstag erklären, mit "Aufgeregtheiten" der wegen Trittin in der Ecke stehenden Grünen könne von der Sache nicht abgerückt werden. Künast nähre die Illusion einer nationalen autonomen deutschen Agrarpolitik, sagte er, ohne ausdrücklich von seinem Vergleich abzurücken. Er fügte hinzu: "Ich habe bei dieser Kritik auch von Anfang an klargestellt, dass es im Übrigen doch absurd wäre, Frau Künast irgendwelche Nähe zur NS-Ideologie zu unterstellen." Auf Fragen nach einer Entschuldigung ging die Staatskanzlei nicht ein.

Trittin hatte sich am Donnerstagabend noch einmal öffentlich dafür entschuldigt, dass er Meyer wegen dessen Äußerungen zur Asylpolitik in einem Interview mit Skinheads verglichen hatte. Die Union hält gleichwohl an ihrer Forderung nach Entlassung fest. "Ich habe von Anfang an gesagt, dass es mir nicht allein um mich persönlich geht", sagte Meyer. "Es geht darum, dass Herr Trittin erstens den Rechtsextremismus instrumentalisiert und zweitens die gesamte CDU diffamiert. Und beides ist unentschuldbar."

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Jürgen Trittins Meyer-Schelte

Minister Trittin attestierte in einem Interview dem Unions-General Laurenz Meyer Skinhead-Mentalität sowie "geistige Flachheit" ebensolcher Personen. Starke Worte - ist eine Entschuldigung fällig?

Im Antrag der CDU/CSU-Fraktion an den Bundestag heißt es: "Bundesminister Trittin hat mit seinen diffamierenden öffentlichen Äußerungen gegenüber dem Generalsekretär der CDU Deutschlands, Laurenz Meyer, die Gemeinsamkeit der Demokraten verlassen." Trittin hatte vor seiner Entschuldigung Meyer und seiner Partei "deutschtümelnde Töne" vorgehalten. Seine scharfe Kritik begründete er unter anderem damit, dass Meyer mit dem Satz "kokettiere", er sei "stolz, ein Deutscher zu sein". Dies sei "die populärste Parole auf den T-Shirts von Skinheads", schrieb er.



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