Nazi-Vergangenheit Fischer knöpft sich alte Diplomaten-Elite vor

"Mit dem Weißewäschewaschen muss Schluss sein!" Ex-Minister Joschka Fischer verlangt Konsequenzen aus dem Historikerbericht zur Nazi-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes. Bei der Verlagsvorstellung in Berlin protestiert er gegen die alten Eliten - und ehrt die Frau, die alles ans Licht brachte.

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Fischer während der Buchpräsentation: "Tief berührt"
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Fischer während der Buchpräsentation: "Tief berührt"


Berlin - Joschka Fischer gibt sich bescheiden an diesem Abend in Berlin. Die Plätze im Haus der Kulturen der Welt sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Publikum will hören, was der ehemalige Außenminister zur Nazi-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes zu sagen hat. Er hat in seiner Amtszeit die Historikerkommission eingesetzt, über deren belastende Studie nun alle debattieren und die an diesem Abend vorgestellt wird - ihr sinnfälliger Titel: "Das Amt und die Vergangenheit".

Doch Fischer erinnert erst einmal an Marga Henseler.

"Marga Henseler hat sich um Deutschland verdient gemacht", sagt er. Applaus brandet auf. "Es ist Marga Henseler, die meiner Ansicht nach hier Geschichte gemacht hat." Fischer ruft den Bundespräsidenten fast nebenbei auf, über eine Ehrung der betagten, über 90-jährigen Frau nachzudenken.

Hensel arbeitete früher als Übersetzerin im Auswärtigen Amt. In der Hauspostille "Intern AA" las sie einen Nachruf auf den Diplomaten Franz Nüßlein - in dem verschwiegen wurde, dass er eine Nazi-Vergangenheit hatte und einst als Kriegsverbrecher gesucht wurde. Henseler war empört. Sie schrieb im Mai 2003 einen Brief an den damaligen Minister Fischer. Das Schreiben wurde ihm im Amt nicht weitergereicht. Erst als die resolute Frau, die 1979 in Ruhestand gegangen war, das Bundeskanzleramt informierte und Kanzler Gerhard Schröder seinen Vize auf den Fall aufmerksam machte, kam etwas ins Rollen.

Fischer verfügte eine Nachrufsperre. Bald erregten sich ehemalige Mitarbeiter, als die Regelung zum ersten Mal gegen einen der ihrigen angewandt wurde: Franz Krapf, ein früheres SS-und NSDAP-Mitglied. Ein Aufstand der Altdiplomaten brach los. Fischer rief im Verlaufe des Streits die Historikerkommission ins Leben - die nun Ungeheuerliches zur Vergangenheit des Auswärtigen Amtes zutage gebracht hat.

"Der größte Mann in dieser Geschichte ist Joschka Fischer"

Henseler hat Fischers Lob kürzlich in einem Radiointerview zurückgegeben. "Der größte Mann in dieser Geschichte ist Joschka Fischer, der den Mut gehabt hat, das zu machen", sagte die 92-Jährige.

Tatsächlich ist Fischer an diesem Abend ergriffen.

Dieser Tag sei kein normaler für ihn, sagt der Grüne. Er sei "tief berührt". Er versteht es noch immer, mächtig Tremolo in seine Stimme zu legen. Er ist noch immer kämpferisch, der einstige Straßenkämpfer, der gewandelte Staatsmann, wenn auch in Maßen. Er habe sich damals gefragt, warum die alten Diplomaten so wütend auf seine Ehrensperre reagierten. Heute wisse er, dass es ihnen mit den Nachrufen in diesem "Blättchen des AA" offensichtlich um "den letzten, über den Tod hinausreichenden Persilschein" gegangen sei.

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Auswärtiges Amt in der NS-Zeit: Braunes Haus
Er bereut nun manches. "Ich hatte die Entscheidung getroffen: Du fasst die Strukturen nicht an", sagt er. Geschichtspolitik sei für ihn damals nach seinem Amtsantritt keine Frage gewesen. "Ein Fehler." Heute würde er es anders machen, Strukturen verändern.

In den vergangenen Tagen drangen Details aus Henselers Personalakte an die Öffentlichkeit. Fischer sieht darin den Versuch, die Geschichte zu drehen. Er verlangt, dass das Archiv des Ministeriums ins Bundesarchiv überführt und damit öffentlich wird: "Dieses Weißewäschewaschen geht offensichtlich weiter. Damit muss endlich Schluss sein!" Der Saal applaudiert.

"Das wird zu den Dingen gehören, die bleiben"

Fischer redet über seine Erfahrungen im Amt an diesem Abend. Nur über Guido Westerwelle, den aktuellen Amtsinhaber, verliert er kein einziges Wort, selbst in der anschließenden Debatte mit den vier Historikern nicht, die maßgeblich an der Studie gearbeitet haben.

Eigentlich wollte der Blessing-Verlag, dass Fischer und seine Nachfolger Frank-Walter Steinmeier und Westerwelle zusammen auf dem Podium diskutieren. Doch der Liberale zog es vor, am selben Nachmittag die Studie im Auswärtigen Amt selbst zu würdigen. Er hat Fischer und Steinmeier ausdrücklich gedankt. Umgekehrt fällt das aus.

Steinmeier, Fischers direkter Nachfolger im Amt, ist ins Haus der Kulturen der Welt gekommen. Er macht in seiner Rede, direkt an den Grünen gewandt, die historische Dimension klar: "Das wird zu den Dingen gehören, die bleiben."

Fischer wäre nicht Fischer, würde er nicht mit einer überraschenden Volte aufwarten. Zu Westerwelles neuer, aufgeweichter Nachruf-Verfügung macht er einen eigenen Vorschlag. "Jeder kriegt seinen Nachruf mit ganzer Biografie", fordert er. Der Saal lacht. Und dann führt Fischer aus, was das im Fall Franz Nüßlein bedeuten würde. Nicht nur den Satz: "Generalkonsul, tätig in der Zentralabteilung". Sondern außerdem: "Er war auch gesuchter Kriegsverbrecher." Für Gnadengesuche, für zahlreiche Todesurteile zuständig, "die er bestätigt hat".

Forum - Holocaust - wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten?
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adolf66meier 23.10.2010
1. Das ist kaum zu beantworten
Zitat von sysopDas Wissen der deutschen Diplomaten des Dritten Reiches über die Vernichtungspläne der Nazis wurde bisher nur unvollkommen thematisiert, eine Mitschuldfrage kaum gestellt. Wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten am Holocaust?
Das ist natürlich schwer zu sagen. Ich frage mich immer, wie hätte ich mich verhalten in einer Diktatur? Vor allem, wenn ich Verbrechen hätte begehen müssen und diese nur ablehnen konnte, indem ich mein eigenes Leben verliere. Wahrscheinlich hätte ich mitgemacht. Ich bin dafür, dass man diesen SPIEGEL-Forum-Strang gründlich diskutiert, jedoch sollte auch immer gesehen werden: Auch die Diplomaten bekamen ihre Befehle. Sie hätten mutig sein können wie die "Weiße Rose", aber die ist ja leider ausgehoben worden.
Heks 23.10.2010
2. Sehen wir doch in den Spiegel.
Zitat von sysopDas Wissen der deutschen Diplomaten des Dritten Reiches über die Vernichtungspläne der Nazis wurde bisher nur unvollkommen thematisiert, eine Mitschuldfrage kaum gestellt. Wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten am Holocaust?
Die deutschen Diplomaten waren nur ein Spiegelbild der deutschen sowie europäischen Gesellschaft. Diese betrachteten in ihrer Mehrheit die Juden (und andere Minderheiten)als in vieler Hinsicht minderwertige Menschen. Mehrheiten neigen in Krisenzeiten dazu ihre durch die Krise aufkommenden Aggressionen auf Minderheiten abzuleiten. Latent vorhandene Vorurteile der schweigenden Mehrheit ermuntern zur Tat. Sehen wir uns Deutschland heute an so können wir ganz zeitnah solche Entwicklungen erleben und nachvollziehen. Ja, die deutschen Diplomaten hatten eine Mitschuld am Holocaust. Ja, die schweigende Mehrheit der Mitläufer in Deutschland hatte eine Mitschuld am Holocaust. Ja, die schweigenden Mehrheiten in Gesellschaften in denen Minderheiten diskriminiert und untedrückt werden hatten und haben eine Mitschuld an voekommender Gewalt gegenüber Minderheiten.
ddorfer 23.10.2010
3.
Zitat von sysopDas Wissen der deutschen Diplomaten des Dritten Reiches über die Vernichtungspläne der Nazis wurde bisher nur unvollkommen thematisiert, eine Mitschuldfrage kaum gestellt. Wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten am Holocaust?
Genauso viel wie das übrige Regime.Schließlich waren sie ja ein Teil des Machtapparats.
Gandhi, 23.10.2010
4. 2% oder 20%?
Zitat von sysopDas Wissen der deutschen Diplomaten des Dritten Reiches über die Vernichtungspläne der Nazis wurde bisher nur unvollkommen thematisiert, eine Mitschuldfrage kaum gestellt. Wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten am Holocaust?
Eine hypothetische Frage. Wer als Diplomat von der Vernichtungsmaschinerie wusste und dennoch Diplomat blieb (in vielen Faellen haette man ja den dienst quittieren koennen und irgendwo politisches Asyl beantragen), der war mitschuldig. Ueber dem Umfang der Schuld kann man sich Gedanken machen, doch waeren die Verbrechen sicher auch ohne diplomaten durchgezogen worden.
Emil Peisker 23.10.2010
5.
Werter M M Sie verstecken Ihren radikalen rechten Ansatz ganz gut. Und wenn Sie auch gerne pseudowissenschaftlich argumentieren, gleichzeitig dem Spiegel "Auftragslosigkeit" vorwerfen, so sind Sie ein gefärlicher Relativierer, der "andere" diktaturen und andere "Böse" Trittin, Fischer, Schily et al als "ebenfalls" radikal anbietet, um die Nazi-Zeit als eine Dikatur in einer langen Reihe gleichwertiger Regime zu verharmlosen. Lassen Sie es, nach "Studium" Ihrer älteren Beiträge kann man Ihren Duktus gut erkennen, und die angebliche wissenschaftlich fundierte "Ausgewogenheit" entlarvt sich als Relativierungsmethode. Gruß Emil
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