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Nazi-Zeit: Weizsäckers Vater soll Thomas Manns Ausweisung gebilligt haben

Das Auswärtige Amt war tiefer in den Nationalsozialismus verstrickt als bisher bekannt: Der Diplomat Ernst von Weizsäcker billigte 1936 die Ausbürgerung des Schriftstellers Thomas Mann. Nach SPIEGEL-Informationen beteiligte sich das Ministerium sogar aktiv an der Judenvernichtung.

Thomas Mann mit Ehefrau Katja (1955 in Lübeck): Staatsangehörigkeit verloren Zur Großansicht
dpa/dpaweb

Thomas Mann mit Ehefrau Katja (1955 in Lübeck): Staatsangehörigkeit verloren

Hamburg - Es sind erschreckende Ergebnisse, die Historiker da zusammengetragen haben: Das Auswärtige Amt war weit tiefer in nationalsozialistische Verbrechen verstrickt als bisher bekannt. Entsprechend deutlich fällt die Reaktion des heutigen Außenministers und seiner direkten Vorgänger aus. Ein "gewichtiges Werk" sei die Studie, erklärte Guido Westerwelle (FDP) im SPIEGEL. "Unglaublich", kommentierte Frank-Walter Steinmeier (SPD). "Ich las den Bericht und war entsetzt", sagte Joschka Fischer (Grüne) der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

Worum geht es? Nach Recherchen von Historikern hat das Auswärtige Amt maßgeblich an der Ermordung der europäischen Juden während des Zweiten Weltkriegs mitgewirkt. Dies geht aus einer vom ehemaligen Außenminister Fischer in Auftrag gegebenen Studie hervor. "Das Auswärtige Amt war eine verbrecherische Organisation", sagte der Kommissionsleiter, der Marburger Historiker Eckart Conze, dem SPIEGEL.

Anders als vom Auswärtigen Amt über Jahrzehnte verbreitet, schirmte sich das Ministerium nicht etwa vom nationalsozialistischen Apparat ab, sondern arbeitete diesem auch bei der Judenvernichtung aktiv zu. "Das Auswärtige Amt war an allen Maßnahmen der Verfolgung, Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung der Juden von Anfang an aktiv beteiligt", sagte Conze. Nach 1945 sei ein erheblicher Aufwand betrieben worden, das zu vertuschen. "Das ist in dieser Gesamtschau tatsächlich schockierend."

"Eine Täterschutzstelle"

Offiziell soll die Studie der internationalen Historikerkommission kommende Woche in Berlin vorgestellt werden. Die Kommission war 2005 von Fischer eingesetzt worden, um die Geschichte des Ministeriums während der Nazi-Zeit und dessen Umgang mit der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik zu erforschen.

Fischer zeigte sich nun erschüttert. Laut "FAS" empörte sich der ehemalige Außenminister vor allem über die Rolle der "zentralen Rechtsschutzstelle" des Ministeriums nach 1945. "Tatsächlich scheint es sich dabei um eine Täterschutzstelle gehandelt zu haben", sagte Fischer. So seien Listen von im Ausland gesuchten Kriegsverbrechern angefertigt und verteilt worden, damit keiner von ihnen dorthin fahre, wo ihm Verhaftung oder Verurteilung gedroht hätten.

Der frühere Außenminister und jetzige SPD-Fraktionschef Steinmeier sagte dem SPIEGEL, es sei "unglaublich", dass bis zu einer systematischen Aufarbeitung fast 60 Jahre vergangen seien. Amtsinhaber Westerwelle will die Studie nun in die Attaché-Ausbildung einbeziehen.

Nach SPIEGEL-Informationen befasst sich der Bericht der Historikerkommission auch mit der Rolle Ernst von Weizsäckers, der seit April 1938 Staatssekretär im Auswärtigen Amt gewesen war. Der Vorwurf: Er habe im Mai 1936 die Ausbürgerung des Schriftstellers und Literatur-Nobelpreisträgers Thomas Mann gebilligt. Es bestünden gegen die Ausbürgerung keine Bedenken, nachdem der Schriftsteller feindselige Propaganda gegen das Reich im Ausland betrieben habe, heiße es in einem Brief Ernst von Weizsäckers. Diese Stellungnahme habe den Ausschlag dafür gegeben, dass Mann seine deutsche Staatsangehörigkeit verlor.

"Das Auswärtige Amt war eine verbrecherische Organisation"

Ernst von Weizsäckers Sohn, Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, sagte der "FAS", sein Vater habe "bei allen Veränderungen der europäischen Situation unbedingt den Frieden bewahren" wollen. Deswegen sei dieser - anders als in der Studie suggeriert - auch keine paradigmatische Figur, an der sich die Verstrickung des Auswärtigen Amts in den Holocaust exemplarisch belegen lasse. Ernst von Weizsäcker war in einem Prozess 1948/49 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Weit schwerer wiegt jedoch die Beteiligung der Diplomaten an der Ermordung der Juden. "Das Auswärtige Amt war eine verbrecherische Organisation", sagte Kommissionsleiter Conze dem SPIEGEL. Es habe "die nationalsozialistische Gewaltpolitik zu jeder Zeit mitgetragen".

Conze nennt auch ein konkretes Beispiel. Zusammen mit seinen Historikerkollegen Norbert Frei, Peter Hayes und Moshe Zimmermann habe er bei der Akteneinsicht im Politischen Archiv in Berlin eine Reiseabrechnung des Leiters des sogenannten Judenreferats im Auswärtigen Amt, Franz Rademacher, gefunden, der als Grund für eine Dienstreise von Berlin nach Belgrad und Budapest angibt: "Liquidation von Juden in Belgrad und Besprechung mit ungarischen Emissären in Budapest". Außerdem gehörte zur Ausbildung der Attachés von Mitte der dreißiger Jahre bis Kriegsausbruch 1939 ein Besuch bei Adolf Hitler auf dem Obersalzberg und im Konzentrationslager Dachau.

Auslöser für die Untersuchung war ein Streit während Fischers Amtszeit als Außenminister über Nachrufe für Diplomaten, die durch ihre nationalsozialistische Vergangenheit belastet waren. Fischer hatte solche Nachrufe abgeschafft. Mit Blick auf den jetzt vorliegenden Historikerbericht sagte er, jetzt hätten solche Diplomaten "den Nachruf bekommen, den sie verdient haben".

wal/dpa/AFP/dapd

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Forum - Holocaust - wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten?
insgesamt 1097 Beiträge
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1. Das ist kaum zu beantworten
adolf66meier 23.10.2010
Zitat von sysopDas Wissen der deutschen Diplomaten des Dritten Reiches über die Vernichtungspläne der Nazis wurde bisher nur unvollkommen thematisiert, eine Mitschuldfrage kaum gestellt. Wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten am Holocaust?
Das ist natürlich schwer zu sagen. Ich frage mich immer, wie hätte ich mich verhalten in einer Diktatur? Vor allem, wenn ich Verbrechen hätte begehen müssen und diese nur ablehnen konnte, indem ich mein eigenes Leben verliere. Wahrscheinlich hätte ich mitgemacht. Ich bin dafür, dass man diesen SPIEGEL-Forum-Strang gründlich diskutiert, jedoch sollte auch immer gesehen werden: Auch die Diplomaten bekamen ihre Befehle. Sie hätten mutig sein können wie die "Weiße Rose", aber die ist ja leider ausgehoben worden.
2. Sehen wir doch in den Spiegel.
Heks 23.10.2010
Zitat von sysopDas Wissen der deutschen Diplomaten des Dritten Reiches über die Vernichtungspläne der Nazis wurde bisher nur unvollkommen thematisiert, eine Mitschuldfrage kaum gestellt. Wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten am Holocaust?
Die deutschen Diplomaten waren nur ein Spiegelbild der deutschen sowie europäischen Gesellschaft. Diese betrachteten in ihrer Mehrheit die Juden (und andere Minderheiten)als in vieler Hinsicht minderwertige Menschen. Mehrheiten neigen in Krisenzeiten dazu ihre durch die Krise aufkommenden Aggressionen auf Minderheiten abzuleiten. Latent vorhandene Vorurteile der schweigenden Mehrheit ermuntern zur Tat. Sehen wir uns Deutschland heute an so können wir ganz zeitnah solche Entwicklungen erleben und nachvollziehen. Ja, die deutschen Diplomaten hatten eine Mitschuld am Holocaust. Ja, die schweigende Mehrheit der Mitläufer in Deutschland hatte eine Mitschuld am Holocaust. Ja, die schweigenden Mehrheiten in Gesellschaften in denen Minderheiten diskriminiert und untedrückt werden hatten und haben eine Mitschuld an voekommender Gewalt gegenüber Minderheiten.
3.
ddorfer 23.10.2010
Zitat von sysopDas Wissen der deutschen Diplomaten des Dritten Reiches über die Vernichtungspläne der Nazis wurde bisher nur unvollkommen thematisiert, eine Mitschuldfrage kaum gestellt. Wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten am Holocaust?
Genauso viel wie das übrige Regime.Schließlich waren sie ja ein Teil des Machtapparats.
4. 2% oder 20%?
Gandhi, 23.10.2010
Zitat von sysopDas Wissen der deutschen Diplomaten des Dritten Reiches über die Vernichtungspläne der Nazis wurde bisher nur unvollkommen thematisiert, eine Mitschuldfrage kaum gestellt. Wie viel Verantwortung trugen deutsche Diplomaten am Holocaust?
Eine hypothetische Frage. Wer als Diplomat von der Vernichtungsmaschinerie wusste und dennoch Diplomat blieb (in vielen Faellen haette man ja den dienst quittieren koennen und irgendwo politisches Asyl beantragen), der war mitschuldig. Ueber dem Umfang der Schuld kann man sich Gedanken machen, doch waeren die Verbrechen sicher auch ohne diplomaten durchgezogen worden.
5.
Emil Peisker 23.10.2010
Werter M M Sie verstecken Ihren radikalen rechten Ansatz ganz gut. Und wenn Sie auch gerne pseudowissenschaftlich argumentieren, gleichzeitig dem Spiegel "Auftragslosigkeit" vorwerfen, so sind Sie ein gefärlicher Relativierer, der "andere" diktaturen und andere "Böse" Trittin, Fischer, Schily et al als "ebenfalls" radikal anbietet, um die Nazi-Zeit als eine Dikatur in einer langen Reihe gleichwertiger Regime zu verharmlosen. Lassen Sie es, nach "Studium" Ihrer älteren Beiträge kann man Ihren Duktus gut erkennen, und die angebliche wissenschaftlich fundierte "Ausgewogenheit" entlarvt sich als Relativierungsmethode. Gruß Emil
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