Neonazi-Aufmarsch in Dresden Schaulaufen der Geschichtsfälscher

Sie spielen Trauermusik und ziehen mit Fackeln durch die Stadt. Hunderte Neonazis missbrauchen den Jahrestag der Bombardierung Dresdens für einen bizarren Propagandamarsch. Es ist nur das Vorspiel zu einer noch größeren Demonstration in sechs Tagen.

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Aus Dresden berichtet


Als in Dresden um kurz nach 16 Uhr wie jedes Jahr am 13. Februar Krieg ausbricht, drängt Albrecht Schröter ans Polizei-Gitter. Der Jenaer Oberbürgermeister redet auf die Beamten ein. Er möchte hindurch gelassen werden zu den Demonstranten hinter der Absperrung. Der SPD-Mann hat für das Wochenende Urlaub beantragt, um die Neonazis zu blockieren. Er hat zwei Busse gemietet, um mit Vertretern des Jenaer Aktionsnetzwerks gegen Rechtsextremismus nach Dresden zu reisen. "Für mich ist das Bürgerpflicht", sagt er.

In der sächsischen Landeshauptstadt treffen sich auch in diesem Jahr wieder Horden Rechtsextremer zum größten Neonazi-Aufmarsch Europas. Hubschrauber kreisen über der Stadt, die Polizei hat Straßensperren errichtet, mehrere tausend Beamte sind im Einsatz.

Die Neonazis missbrauchen den 13. Februar, um den "Bombenholocaust" der Alliierten zu beklagen. Engländer und Amerikaner hatten 1945, wenige Monate vor Kriegsende, Dresden bombardiert. 25.000 Menschen kamen bei dem Angriff ums Leben. Der Tag ist bis heute eines der umstrittensten Ereignisse jüngerer deutscher Geschichte. Immer wieder wird Dresden Kulisse eine Kampfes: Rechtsextreme und Bürger ringen ums Gedenken.

Im vergangenen Jahr ist es einem Bündnis aus Parteien, Gewerkschaften, Vereinen und Kirchen erstmals gelungen, den Neonazi-Aufmarsch zu verhindern. In der Altstadt hatten sich 15.000 Bürger zu einer Menschenkette zusammengeschlossen. In der Neustadt hatten fast ebenso viele Demonstranten die Straßen blockiert.

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Demos in Dresden: Weiße Rosen und böse Geister
Doch in diesem Jahr treten die Rechten noch massiver auf. Gleich zwei Mal innerhalb einer Woche suchen sie Dresden heim: Mehrere hundert Neonazis ziehen am Sonntag durch die Innenstadt. Sie tragen schwarz-weiß-rote Fahnen und Plakate: "Nie wieder Bombenholocaust". Mit Fackeln in der Hand marschieren sie durch die Straßen. Die Polizei hält alle Gegendemonstranten auf Abstand, so dass es gar nicht erst zu Blockaden kommt. In sechs Tagen soll es noch schlimmer werden. Für den 19. Februar haben die Neonazis europaweit mobilisiert.

Das Lager der Nazi-Gegner ist gespalten. Seit jeher zieht sich ein Riss durch die Stadt. Die konservative Stadt-CDU tut sich schwer, Seite an Seite mit der Linken zu protestieren. Blockaden lehnen die meisten Alt-Dresdner ebenso ab wie Solidaritätskonzerte. CDU-Kreischef Lars Rohwer kanzelte Unterstützer aus anderen Städten schon einmal mit den Worten ab, auf "Demonstrationstouristen" könne Dresden verzichten.

Aus den Fehlern der Vorjahre nicht gelernt

Die Anti-Rechts-Aktivisten klagen, sie fühlten sich von Politik und Justiz verfolgt. Im vergangenen Jahr leitete die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren ein und erwirkte Untersuchungsbeschlüsse. Plakate wurden beschlagnahmt, Unterlagen, Computer und Festplatten. "Die Kriminalisierung linker Demonstranten ist tödlich", sagt der Berliner Schriftsteller Ingo Schulze, der schon im vergangenen Jahr in Dresden gegen die Neonazis auf die Straße ging. Er hält es für unvermeidlich, das rechte Schaulaufen durch Blockaden zu verhindern. "Symbolpolitik genügt nicht. Wir müssen handeln."

An vielen Orten gelang es Bürgern und Behörden, rechte Aufmärsche zurückzudrängen. In Leipzig oder Jena gab es so lange Widerstand, bis die Neonazis kapitulierten. In Dresden marschieren die braunen Horden noch immer. Jenas Oberbürgermeister Schröter sagt, er sei entsetzt, wie wenig Dresdner Politiker aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hätten. "Die Verantwortlichen in der Stadt müssen die Demonstranten endlich uneingeschränkt unterstützen."

Polizei könnte Blockaden den Nazi-Gegner räumen

Bisher geschieht das Gegenteil. Ein jüngstes Urteil des Dresdner Verwaltungsgerichts erschwert den Protest. Die Richter mahnten, die Polizei hätte im Vorjahr den "Trauermarsch" der Neonazis durchsetzen müssen. Sollte es am 19. Februar wie erwartet zu massenhaften Blockaden kommen, ist davon auszugehen, dass die Polizei sie räumt.

"In Dresden laufen Sachen, die im Rest der Republik undenkbar sind", sagt Ralf Hron vom sächsischen DGB. "Die Stadt hat Gegenaktivitäten nicht nur nicht unterstützt, sondern phasenweise behindert."

Eine Demonstration am 13. Februar entlang der Täterspuren der Nazis in der Innenstadt hat die Polizei geräumt. Gleichzeitig marschierten die Rechten mit Fackeln durch die Innenstadt. Der Großkundgebung der Neonazis am 19. Februar hat die Stadt bislang außer Mahnwachen überhaupt noch nichts entgegenzusetzen.

Judith Förster, Sprecherin des Bündnisses "Dresden nazifrei", will sich mit der Ignoranz der Stadtoberen nicht abfinden. Gemeinsam mit anderen Studenten, Künstlern, Polit-Aktivisten organisiert sie Gegenaktionen: Konzerte, Kundgebungen, Blockaden. Förster hat in den vergangen Wochen nicht viel geschlafen. In ganz Deutschland hat sie um Unterstützer geworben. Aus Berlin, München, der Schweiz sind Demonstranten angereist. "Wir dürfen Dresden nicht den Nazis überlassen", sagt Förster. Am Sonntag waren sie nur einige hundert. Doch für den 19. Februar erwartet sie mehrere tausend. "Dann geht es hier richtig rund."



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caecilia_metella 13.02.2011
1. Ist das alles?
Hier gibt es ebenfalls einen interessanten Artikel zum Thema. http://www.focus.de/politik/deutschland/tid-17204/dresdner-bombennacht-erst-zerstoert-und-dann-missbraucht_aid_479118.html Zum Thema Geschichtsfälschung fällt mir noch viel mehr ein, aber das demnächst in diesem Kino.
Alfrid 13.02.2011
2. Grundrechte
Es macht eben gerade ein Grundrecht aus, dass es für ALLE gilt, auch für den jeweiligen politischen Gegner. Jeder soll friedlich demonstrieren dürfen. Blockaden angemeldeter Demonstrationen sind kein Mittel, das in einer Demokratie geduldet werden darf. Die LINKE hat ja genügend Erfahrungen damit, ihren politischen Gegnern die Grundrechte abzuerkennen - aus Zeiten, als sie noch 99% der Wählerstimmen bekam...
ddddd_k 13.02.2011
3. Ich dachte immer...
...Demokratie bedeutet auch Meinungsvielfalt. Wie würde man reagieren, wenn die NPD dazu aufriefe, einen Kundgebung der Linken zu "blockieren"? Extremisten begegenet man weder mit Pflastersteinen noch mit Gummiknüppeln, sondern mit Argumenten und einem klaren Verstand. Sonst sind wir wieder da, wo wir in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts schon mal waren.
nica27 14.02.2011
4. Nun ja
die aus Dresden kamen nicht umsonst aus dem Tal der Ahnungslosen und eigentlich wollen sie nicht zugeben, dass die Bombennacht Ergebnis des sog. Hitlerfaschismus war und nicht aus heiterm Himmel kam. Naja die ewig Gestrigen werden wohl nie aussterben. Ziviler Ungehorsam ist das Mittel!
opportunistenverachter, 14.02.2011
5. Keine Bilder mehr von solchen Trottelzügen!
Bitte, bitte keine Bilder mehr von solchen Trottelzügen, oder mir wird schlecht! Diese bringen -absolt keinen- Zugewinn zum Text. Die Fakten kurz und verdichtet in einem Text aufzuführen, hat wohl seine Notwendigkeit. Doch diese Bilder dazu? Wozu? Wenn solche Bilder noch verbreitet werden, so ergötzen sich diese Trottel doch nur dran. Mir haben diese absolut gar nichts gebracht. Für nichts anderes, als so gesehen zu werden, zogen sie dort entlang. Somit haben sie nur erreicht, was sie wünschten, weitreichend gesehen zu werden. Bitte laßt solche Volltrottel wenigstens optisch aussterben!!! Kritischer Text hat im Gegensatz dazu noch seinen Wert und ist ungeeignet für solche Deppen, sich an dieser demonstrierten Dummheit zu erfreuen! Schei3e kann ich mir auch nach dem Gutenmorgenschi3 anschauen. Und die finde ich noch deutlich weniger übel!
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