"Die Rechte"-Gründer Christian Worch: Streithansel der Neonazi-Szene

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Er ist rechtsextremer Überzeugungstäter, saß wegen Volksverhetzung, Aufstachelung zum Rassenhass und Verunglimpfung fünfeinhalb Jahre im Knast. Ausgerechnet der Neonazi Christian Worch will jetzt mit einer neuen Partei Stimmen im bürgerlichen Lager holen.

Neonazi Christian Worch: Parteigründer und Mann der Straße Fotos
Recherche-Nord

Hamburg - Immerhin - ein Logo hat die neue Partei schon einmal: "Die Rechte" prangt über dem bisher dürftigen Internetauftritt, und nicht nur der Name erinnert unweigerlich an die auf der anderen Seite des politischen Spektrums verortete Partei Die Linke. Selbst der charakteristische rote Keil, der ein "i" im Namen "Die Linke" ziert, findet sich in dem Logo - nur zeigt er selbstverständlich in die entgegengesetzte, die rechte, Richtung.

Geht es nach Christian Worch, ist diese Assoziation geradezu das wichtigste Kapital der "Rechten". Für den Gründer und Vorsitzenden soll die Partei leisten, was der Linken quasi spiegelverkehrt in einem laut Worch "bemerkenswerten Spagat" gelungen ist: Einerseits die vielen, oftmals zerstrittenen Strömungen des rechtsradikalen und -extremen Lagers unter einem Dach zu vereinen. Darauf zielt die offizielle Positionierung zwischen Republikanern und NPD.

Andererseits will Worch jenes "ungenutzte Potential" an "Normalbürgern" heben, die sich rechts von der Union verorten, denen aber NPD, Republikaner und Pro-Bewegung suspekt sind oder die sich von ihnen bereits abgewandt haben. Eine Sammelbewegung soll "Die Rechte" werden, die "ein breites Spektrum" von Meinungen beheimate, so proklamiert es Worch.

Das Abstruse ist nur: Kaum jemand könnte schlechter dafür geeignet sein, die politische Rechte zu integrieren und salonfähig zu machen, als der 56-jährige Worch. Ausgerechnet einer der extremsten Köpfe der deutschen Neonazi-Szene tritt als vermeintlicher Versöhner der zersplitterten Rechten an - mehr noch, als Türöffner bis weit in bürgerlich-konservative Wählerschichten hinein. Wie weit der Weg ist, den Worch zu diesem Ziel zurücklegen müsste, wird klar, wenn man sein bisheriges Treiben betrachtet.

Über fünf Jahre in Haft

Das "Handbuch deutscher Rechtsextremismus" befand bereits 1996: "Christian Worch ist einer der erfahrensten und angesehensten Funktionäre des neofaschistischen Lagers der Bundesrepublik." Das Strafregister des einflussreichen Ideologen ist lang. Insgesamt fünfeinhalb Jahre saß Worch im Gefängnis - wegen Volksverhetzung, Aufstachelung zum Rassenhass und Verunglimpfung des Staates.

Stolz brüstete sich Worch im Jahr 2001 damit, er habe so gut wie kein Propagandadelikt ausgelassen. Er leugnete den Holocaust, kämpfte sogar für die Neugründung der NSDAP und gründete zwei militante Rechtsradikalen-Zirkel mit, die später verboten wurden. Er ließ sich nach eigener Aussage in Wehrsportgruppen an Waffen ausbilden und entwickelte Anfang der neunziger Jahre maßgeblich die "Anti-Antifa" mit: Echte und vermeintliche Gegner, darunter Richter, Gewerkschafter, Politiker und Journalisten, sollten ausgespäht und ihre Personendaten in einschlägigen Postillen veröffentlicht werden - ein kaum verhohlener Aufruf zur Gewalt.

Auf der Straße provozieren

Worch wuchs in Hamburg auf und lebt nun im mecklenburgischen Parchim. Er war 14 Jahre alt, als er den Nationalsozialismus entdeckte - "Mein Kampf" stand im Buchregal seiner Mutter. Das war um 1970. Ende der siebziger Jahre machte er sich mit einer öffentlichen Provokation einen Namen in der Szene: Der Arztsohn zog mit Gleichgesinnten, die sich Eselsmasken aufgesetzt und ein Schild mit der Aufschrift "Ich Esel glaube noch, dass in deutschen KZs Juden vergast wurden" umgehängt hatten, durch Hamburg.

Bis heute ist es das, was Worch will - auf der Straße provozieren. Das hat er sich von seinem früheren Gefährten, dem verstorbenen Hamburger Neonazi-Führer Michael Kühnen, abgeguckt. Dutzende Kundgebungen hat Worch im ganzen Bundesgebiet bereits angemeldet, nicht selten kam es bei den Aufmärschen zu Ausschreitungen. Mittlerweile ist er Experte für Demonstrationsrecht, der wortgewandte Ideologe streitet sich immer wieder mit Behörden vor Gericht. Die Zeit dazu hat er - als Erbe mehrerer Häuser ist Worch finanziell unabhängig.

Kultivierte Arroganz

Eines war Worch in seiner langen Karriere als Neonazi-Führer aber nie: Parteiaktivist. Auch wenn er NPD und DVU jahrelang unterstützte, um sich dann enttäuscht abzuwenden, wie er betont. "Zu verkrustet" seien die Strukturen. Was er nicht sagt: Er hat sich bisher mit fast jedem Mitstreiter überworfen. Was daran liegen kann, dass er sich nach eigener Aussage den meisten Menschen intellektuell überlegen fühlt und seine Arroganz gezielt kultiviert. Er wetterte gegen "schlichtweg unfähige" DVU-Funktionäre, als sie die Fusion mit der NPD besiegelten.

Dennoch dürfe Worchs herausgehobene Stellung bei deutschen Neonazis nicht unterschätzt werden, sagt der Berliner Rechtsextremismusexperte Hajo Funke: "Durch seine radikale Überzeugungstäterschaft ist er ein wichtiger Orientierungspunkt in der Szene."

Von der NPD ist Worch enttäuscht, zu lasch fand er das Auftreten der kriselnden Partei. Er lehnte vor Jahren großspurig den angetragenen NPD-Landesvorsitz in Hamburg ab und keilte aggressiv gegen die Partei, bis sie ihn mit einem Auftritts- und Redeverbot belegte.

Heute spricht Worch von "Aversionen" gegen die NPD. Dem jetzigen Parteichef Holger Apfel traut er wenig zu, schon gar nicht, die Partei auf Vordermann zu bringen. Das hindert den 56-Jährigen aber nicht daran, nun unverblümt Apfels Seriositäts-Strategie für die eigene Partei zu kopieren.

Mitgliederzahl ist ein Geheimnis

Soll "Die Rechte" also die erfolgreichere NPD werden? "Ganz primitiv ausgedrückt ja", sagt Worch - um dann genüsslich gegen die NPD zu sticheln. Die sächsischen Abgeordneten etwa, die 2004 in das Parlament einzogen und wegen ihrer Herkunft aus dem kleinbürgerlichen Milieu "auf den Kulturschock im Landtag in keiner Weise vorbereitet" gewesen seien und damit "nicht kompetent" umgehen konnten. Nicht jeder wird deshalb in Worchs Partei willkommen sein, er will sich die Vergangenheit von neuen Parteimitgliedern "genauer ansehen" - "wir werden nicht unbedingt jeden aufnehmen".

Noch fehlen der "Rechten" arbeitsfähige Strukturen, wie Worch offen zugibt - und wahrscheinlich auch die Basis. Wie viele Mitglieder die Partei bereits habe, will er jedenfalls nicht sagen. "Das ist eine Information, die wir zurzeit nicht öffentlich machen."

Dass seine extreme Vita potentielle Anhänger und Wähler abschrecken könnte, fürchtet Worch nicht: "Maximal ein Prozent der Bevölkerung ist politisch genügend informiert, um mich zu kennen." Und wenn doch, setzt Worch darauf, dass man ihm eine politische Entwicklung zugesteht. Einen Vergleich dafür hat er schnell zur Hand: "Sahra Wagenknecht hat sich noch wesentlich weiter von ihren Ursprüngen entfernt als ich." Es habe ihr offenbar nicht geschadet - "auch das Hummeressen nicht". Ein weiteres Mal muss die Linke als Argumentationshilfe herhalten.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Christian Worch habe Ende der siebziger Jahre mit Eselsmaske und Transparent gegen die "Holocaust-Lüge" demonstriert. Tatsächlich hat er zwar demonstriert - aber ohne Verkleidung und Banner. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

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