Neonazi-Fest in Ostritz Braune Nachbarn

Hunderte Neonazis nehmen über mehrere Tage den sächsischen Ort Ostritz in Beschlag. Die Polizei fährt ein Großaufgebot auf, die Bewohner wehren sich mit massiven Gegenprotesten gegen das schlechte Image.

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Aus Ostritz berichten , Florian Barth und Thies Schnack (Video)


Am Vorgarten von Christian Schreiber herrscht Ausnahmezustand: Denn wenige Meter weiter befindet sich das Areal, auf dem bis zu 1000 Neonazis über das Wochenende das Fest "Schild und Schwert" im sächsischen Ostritz feiern wollen. Nur ein Seitenarm der Neiße trennt den Garten vom Veranstaltungsgelände der Rechtsextremen.

Entsprechend hoch sind dort die Sicherheitsvorkehrungen. Die Polizei hat nahe des Festival-Geländes Sperrzonen eingerichtet - so wie an Schreibers Vorgarten. Dutzende Polizisten kontrollieren jeden, der in Richtung des rechten Treffens läuft. Über der Stadt kreisen unentwegt Polizeihubschrauber, Wasserwerfer werden unweit des Geländes in Stellung gebracht. Bis zu 1000 Beamte sollen für einen ruhigen Ablauf sorgen.

Mit dem Großaufgebot will die Polizei verhindern, dass Rechtsextreme und linke Gegendemonstranten direkt aufeinander treffen. Denn die versammeln sich unter dem Motto "Rechts rockt nicht" nur 100 Meter entfernt auf einer Wiese. Das Wohnhaus von Christian Schreiber, der in Ostritz aufgewachsen ist und sich an dem Wochenende gegen die Neonazis einsetzt, liegt damit genau zwischen Gegendemonstranten und Rechtsextremen.

An diesem 20. April, dem Geburtstag von Adolf Hitler, erinnert sonst nur wenig an das normale Leben in der idyllischen 2300-Einwohner-Stadt südlich von Görtlitz. Die Neonazis haben drei Hektar rund um das Hotel Neißeblick in Beschlag genommen, das direkt an der deutsch-polnischen Grenze liegt.

Das Hotelgelände war einst eine Textilfabrik, entsprechend weitläufig ist es. Genug Platz für größere Feiern von Neonazis. Gekauft hat es nach der Wende der Hesse Hans-Peter Fischer. Ursprünglich war es als Ausflugslokal gedacht, sogar Schlagerstar Helene Fischer und die Wildecker Herzbuben traten hier in früheren Jahren auf, wie mehrere Medien berichten.

Angriff auf Journalisten

Doch davon war in den vergangenen Jahren keine Rede mehr: 2012 traf sich die NPD zu ihrem Bundesparteitag auf dem Gelände. Auch über ihn selbst gibt es mehrere Berichte, die zeigen, dass Fischer Sympathien für die rechte Szene hegt.

Wie viele Neonazis genau für das Treffen am Freitagabend schon angereist sind, ist nicht ganz klar. Der Veranstalter will den Gleichgesinnten aber einiges bieten: Rechtsrock von Bands wie der "Lunikoff-Verschwörung", Kampfsport-Shows, Tattoos und rechte Propaganda. Initiator des Festes ist Thorsten Heise, der thüringische NPD- Landesvorsitzende und Bundesvize ist schon lange in der Szene aktiv.

Interviews lehnt Heise an diesem Tag ab, so wie viele andere Rechtsextreme auch. Sie wollen unter sich bleiben. Das zeigen sie deutlich, als Journalisten unter Polizeischutz über das Gelände geführt werden. Ein Teil des Treffens ist als politische Versammlung angemeldet, der Zutritt muss also gewährt werden.

Als der Journalisten-Tross gerade wieder Richtung Ausgang läuft, wird eine Festival-Besucherin im Gedränge gegenüber einem Reporter von SPIEGEL ONLINE plötzlich handgreiflich, zerstört die Kamera. Die Polizei schreitet ein.

Auf dem Gelände selbst ist zu diesem Zeitpunkt noch wenig los. Die rechtsextremen Besucher sitzen in Bierzelten, weiter hinten auf dem Gelände wird allerlei Neonazi-Nippes verkauft - einige bekannter Gesichter der Szene dürfen natürlich nicht fehlen. So hat etwa Tommy Frenck seinen Stand aufgebaut. Er hatte im vergangenen Jahr das rechte Treffen im thüringischen Themar organisiert. Auch Hotelbesitzer Fischer ist vor Ort, lehnt Gespräche ab. Nur so viel: "Läuft doch alles gut."

"Wir ergeben uns den Neonazis nicht"

Christian Schreiber ist vorsichtshalber mit seiner Familie für die Zeit des rechen Treffens ausgezogen - zu Verwandten in der Ortsmitte, nahe des Marktplatzes. Dort haben er und andere Ostritzer das Friedensfest organisiert. Es ist neben "Rechts rockt nicht" die zweite große Gegenveranstaltung. "Wir ergeben uns den Neonazis nicht", sagt Schreiber.

Christian Schreiber
SPIEGEL ONLINE

Christian Schreiber

Schreiber ist nach seinem Lehramtsstudium bewusst in seine Heimatstadt zurückgekehrt, will sich in der Gemeinschaft einbringen und der Abwanderung entgegenwirken, die so viele kleine Gemeinden in Ostdeutschland betrifft. Da sei Ostritz noch einigermaßen gut aufgestellt, findet Schreiber. Arbeitsplätze seien in der Stadt vorhanden, auch die Nähe zu Görlitz sei ein Vorteil. Für ihn ist jedenfalls klar: "Die Rechten haben die Heimatverbundenheit nicht für sich gepachtet."

"Sollen die doch in Ruhe den Geburtstag von Hitler feiern"

Für ihn passt das Treffen gar nicht nach Ostritz. Es gibt eine deutsch-polnische Grundschule, ein aufgeschlossenes Klima bei den Einwohnern, kaum Rechtsextreme. "Wir sind eigentlich der unbraunste Ort in der Region."

Wer sich in Ostritz umhört, mit Anwohnern spricht, bekommt den Eindruck, dass nicht alle so denken. Einige haben kein Problem mit dem Fest, so wie Nicole Tzschoppe. "Sollen die doch in Ruhe den Geburtstag von Hitler feiern", sagt die 32-Jährige. Das sei ihr egal. Durch den linken Gegenprotest sei erst die Aufmerksamkeit auf Ostritz gelenkt worden. Das hätte nun für die Probleme im Ort gesorgt . Auch wenn sie nichts gegen die Linken hätte, sagt sie.

Nicole Tzschoppe
SPIEGEL ONLINE

Nicole Tzschoppe

Wer auf die Wahlergebnisse schaut, erkennt schnell, dass der Ort keine braune Hochburg ist. Die NPD erhält meist nur wenige Prozent. Bei der Bundestagswahl ging der Wahlkreis zwar an die AfD verloren, doch in Ostritz wählte die Mehrheit CDU - auch der Gemeinderat ist CDU-dominiert.

Umso wichtiger ist es Christian Schreiber, ein Zeichen gegen Rechtsextremismus zu setzen. Viele tun es ihm an diesem Abend gleich. Der Marktplatz, auf dem das Friedensfest stattfindet, ist voll. Auch Ministerpräsident Michael Kretschmer ist als Schirmherr der Veranstaltung angereist. Er stammt aus der Region und ermutigt die Menschen, sich gegen Rechts zu engagieren: "Das ist meine Heimat, wir halten zusammen - und stellen uns den Neonazis entgegen."



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