Rechtsrock-Konzert in Thüringen Eine Kleinstadt rechnet mit 5000 Neonazis

In der thüringischen Kleinstadt Themar werden am Wochenende Tausende Neonazis erwartet - sie besuchen ein riesiges Rechtsrock-Konzert. Der Bürgermeister erklärt, warum die Gemeinde nichts dagegen ausrichten kann.

Bürger wollen Zeichen gegen Neonazis in Themar setzen
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Bürger wollen Zeichen gegen Neonazis in Themar setzen

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Eine Stadt stellt sich auf ein unruhiges Wochenende ein: 2913 Menschen leben in der thüringischen Kleinstadt Themar. Bis zu 5000 Neonazis werden dort am Wochenende erwartet. Die Szene hat ein Rockkonzert organisiert, es könnte das bundesweit größte Treffen dieser Art in diesem Jahr werden. Die Sicherheitsbehörden befürchten Schlimmes. Rund 1000 Polizeibeamte werden deshalb nach Themar reisen.

Die rechte Szene rückt das Bundesland Thüringen immer wieder in den Fokus. Laut Landesinnenministerium fand 2016 rund ein Fünftel der bundesweit 68 Konzerte Rechtsradikaler in dem Bundesland statt. Auf verschiedenen Wegen versuchte der Landkreis bis zuletzt, das Konzert noch zu verhindern. Bisher erfolglos.

Wir sprachen mit Bürgermeister Hubert Böse darüber, wie sich die Stadt auf die Ankunft der Rechtsextremen einstellt. "Ich hoffe, es bleibt gewaltfrei", sagt er.

Zur Person
  • picture alliance/ ZB
    Hubert Böse, 54,ist seit dem Jahr 2000 Bürgermeister der Stadt Themar in Thüringen. Der Diplomingenieur ist parteilos. Seit fünf Jahren führt er das Amt ehrenamtlich.

SPIEGEL ONLINE: Herr Böse, was machen Sie am Samstag?

Böse: Mit Sicherheit werde ich nicht in der Nähe des Geländes sein, auf dem das Rockkonzert der Neonazis stattfindet. Daran habe ich absolut kein Interesse.

SPIEGEL ONLINE: Der Verfassungsschutz rechnet mit bis zu 5000 Neonazis, die zu dem Konzert in ihre Stadt kommen wollen. Das Motto lautet: Rock gegen Überfremdung. Ist ihre Stadt überfremdet?

Böse: Nein, absolut nicht. Uns wurde in der Flüchtlingskrise kein einziger Asylbewerber zugewiesen. Der Ausländeranteil liegt bei 2,7 Prozent, die Menschen sind alle gut integriert. Wir lehnen dieses furchtbare Motto strikt ab.

"Refugees not welcome": Fahnen auf dem geplanten Festivalgelände in Themar
DPA

"Refugees not welcome": Fahnen auf dem geplanten Festivalgelände in Themar

SPIEGEL ONLINE: Die Polizei wird mit bis zu tausend Beamten vor Ort sein. Wie reagiert die Stadt auf die Ankunft von Tausenden Rechtsextremisten?

Böse: Die Menschen in unserer Stadt haben zum Teil Angst. Viele Bürger denken nun an die Bilder von den Krawallen beim G20-Gipfel. Die Gewalt in Hamburg hat gezeigt, dass man sich Sorgen machen muss. Ich hoffe, es kommt nicht zu Auseinandersetzungen.

SPIEGEL ONLINE: Warum wurde gerade ihr 2900-Einwohner-Ort ausgewählt?

Böse: Das hat vor allem damit zu tun, dass eine Person diesen Platz zur Verfügung gestellt hat.

SPIEGEL ONLINE: Es handelt sich um einen Regionalpolitiker, der bis vor Kurzem AfD-Mitglied war. Der Landesvorstand hat sich zuvor bereits von ihm distanziert.

Böse: Mehr will ich zu ihm nicht sagen. Das Schlimme ist, dass wir als Stadt nichts gegen dieses Konzert unternehmen konnten. Die Veranstaltung ist vom Versammlungsrecht gedeckt. Der Rechtsstaat macht es diesen Leuten sehr leicht, unter dem Deckmantel der Versammlungsfreiheit solch ein Konzert zu veranstalten.

SPIEGEL ONLINE: Wie bereitet sich die Stadt darauf vor?

Böse: Wir haben einige Veranstaltungen geplant, mit denen wir zeigen, dass wir uns offensiv gegen Rassismus stellen. Die Vielfalt in unserer Gesellschaft, in unserer Stadt, stellen wir nicht in Frage. Es wird ein Marktfest geben, da kann sich die Bevölkerung von dem Neonazi-Konzert mental ablenken. Zudem gibt es einen Demonstrationszug und Initiativen von Vereinen. Sie können mir glauben: Ich hätte mir lieber eine andere Aufmerksamkeit durch die Medien gewünscht, als nun zu diesem Treffen Stellung zu nehmen.

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