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Neonazi-Satire "Mein Krampf": Storch Heinar klappert um die Weltherrschaft

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Oberschnabelbartträger im Satire-Einsatz - Storch Heinar ist zurück und hat sein politisches Manifest gleich mitgebracht: "Mein Krampf", eine 88 Seiten starke, 8,88 Euro teure Frontal-Attacke auf die Neonazi-Szene.

Storch Heinar: "Krampf" gegen Neonazis Fotos
Stefanie Link

Für eine halbe Portion hat es Storch Heinar weit gebracht. Der schmalbrüstige Vogel ziert Tausende T-Shirts, Pardon, T-Hemden. Er war zentraler Streitpunkt eines spektakulären Gerichtsverfahrens und geht wohl so ziemlich jedem Neonazi von Flensburg bis Garmisch gehörig auf den Wecker. Doch genug hat der Oberschnabelbartträger deshalb noch lange nicht. Sein Endziel ist die Weltherrschaft. Nächste Zwischenetappe: die Veröffentlichung seines Manifestes "Mein Krampf".

"Was - außer der Weltherrschaft - sollte denn das Ziel sein, um dem schlechten Geschmack in allen Lebenslagen den Garaus zu machen?", fragt Mathias Brodkorb vom Internetportal Endstation Rechts, der "Mein Krampf" zusammen mit Julian Barlen und Robert Patejdl herausgibt - auch wenn sich alle drei lieber als Privatsekretäre des Storchs bezeichnen.

In erschütternden Details schildert "Mein Krampf" den beschwerlichen Weg des Jungstorchs. Die Spielkameraden hänseln ihn wegen seiner gebrechlichen Statur, immer wieder fliegen in wüsten Auseinandersetzungen die Federn. Dazu sorgt eine Froschfleisch-Intoleranz bei Küken Heinar für üble Flatulenz, wegen der er schließlich aus dem elterlichen Nest fliegt. Mitstreiter findet der gebeutelte Vogel nur im debilen Rudolph, dem fetten Hermann und dem lahmen Joseph.

Als ihm dann auch noch der Zug ins afrikanische Winterquartier vor dem Schnabel wegfährt, reift in Heinar ein Plan. Im weiteren Verlauf spielen Benito Storcholini, Eva Braunstorch und raue Mengen Eierlikör wichtige Rollen.

"Es gibt zwei Wege, sich mit Neonazis und der NPD auseinanderzusetzen. Eine Variante ist über Aggression und Attacke - aber damit spielt man ihnen in die Karten. Aggressives Verhalten kann keiner so gut wie sie", sagt Brodkorb. Mit seinen Mitstreitern hat er sich für die zweite Angriffsvariante entschieden: die Satire. "Damit bieten wir dem Gegner keine Angriffsfläche. Wie soll ein Mensch ohne Humor eine solche Attacke kontern, ohne sich selbst angreifbar zu machen?"

Doch nicht nur inhaltlich, auch formal strotzt das Buch vor Anspielungen und Seitenhieben auf die Codes und Symbole der braunen Szene. 88 Seiten ist "Mein Krampf" stark - die Zahl 88 gilt in rechten Kreisen als Chiffre für den "Heil Hitler"-Gruß. Auch über den Preis mussten Brodkorb, Barlen und Patejdl nicht lange grübeln: 8,88 Euro bedeuteten eine weitere Stichelei in Richtung NPD und Co. Mit den Erlösen finanzieren sie die Arbeit ihres Bündnisses gegen rechts.

Die 18 Episoden schließlich verweisen auf das Kürzel AH (für den ersten und den achten Buchstaben im Alphabet) und damit auf die Initialen Adolf Hitlers. Durch die terroristische Neonazi-Organisation Combat 18 erlangte diese Buchstabenkombination internationale Bekanntheit. "Wir werden oft gefragt, ob man sich Themen wie dem 'Dritten Reich' und Büchern wie Hitlers 'Mein Kampf' satirisch nähern darf. Man darf nicht nur - man muss", sagt Brodkorb.

Das Ei und der Wehrmachtshelm

Seit 2008 dokumentiert der SPD-Abgeordnete im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern die Ereignisse rund um den bärtigen Großvogel. "Mein Krampf" soll nun eine Zwischenbilanz liefern. Genug zu berichten gibt es tatsächlich. Mit der Kunstfigur zogen Brodkorb und Co. vor rund drei Jahren in den Kampf gegen rechtes Gedankengut und entsprechende Modetrends.

Storch Heinar gilt als Antwort auf das Klamotten-Label Thor Steinar, das sich in der Neonazi-Szene größter Beliebtheit erfreut. Der Hersteller mischt nordische Mythologie, Zweideutigkeiten im Zusammenhang mit Gewalt, dem Zweiten Weltkrieg oder der Kolonialzeit des Deutschen Reiches.

Wegen der optischen Nähe zum Wappen der Waffen-SS musste die Firma zwischenzeitlich sogar ihr Label ändern. Die Steinar-Shirts tragen nun ein "Andreaskreuz mit zwei Punkten" - und genau dieses findet sich in der Satireversion wieder. Da streckt Storch Heinar die sonst so lahmen Flügel rechts und links in die Höhe. Zwischen den Beinen liegt ein Ei, auf dem Kopf sitzt schief der Wehrmachtshelm.

Begonnen hatte Endstation Rechts mit T-Shirts und Spaghetti-Tops, natürlich korrekt eingedeutscht und als T-Hemden und Nudelhemden vertrieben. In der linken Szene wurden die bunten Shirts schnell zum Verkaufsschlager. Inzwischen bietet die Internetseite eine ganze Kollektion, sogar das Haustier kann in der sogenannten "Hundepelle" standesgemäß gekleidet werden. Bei Facebook zählt Heinar rund 30.000 Freunde.

Streit um T-Hemden endete vor Gericht

Beim Thor-Steinar-Hersteller Mediatex zeigte man sich ob der Satire-Breitseite aus Mecklenburg-Vorpommern dagegen wenig begeistert. Nach Angaben eines Gerichtssprechers sah sich die Firma "in unsachlicher Weise herabgesetzt und verunglimpft". Bis vor das Landgericht Nürnberg-Fürth zog Mediatex im Oktober 2010 - und verlor auf der ganzen Linie. "Bedingungslose Kapitulation" nennt Brodkorb die Schlappe des brandenburgischen Unternehmens, das auf eine Berufung verzichtete.

Seit dem Sieg vor Gericht war es ruhiger geworden um das Heinar-Team, mit dem neuen Buch soll sich das ändern. Und die Marketing-Offensive ist noch nicht beendet: Im Sommer steht die erste CD in den Regalen ("Storchkraft statt NPD"), im Mai veranstaltete das Endstation-Rechts-Bündnis einen Musikwettbewerb mit 48 Bands. Am 4. September schließlich wird in Mecklenburg-Vorpommern ein neuer Landtag gewählt - und der Storch will als "ultimativer Gegner der NPD" auf die Listen.

Der nächste potentielle Verkaufsschlager des geschäftstüchtigen Schreitvogels steckt noch in der Planung. So viel will Privatsekretär Brodkorb aber schon einmal verraten: Es könnte etwas mit Heinars Stammgetränk zu tun haben.

Und das ist bekanntlich Eierlikör.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 103 Beiträge
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1. cool
wolfgangl, 01.06.2011
Die Jungs sind echt cool drauf. Ich finde das klasse!
2.
Zapallar 01.06.2011
Coole Sache! Mit Intellekt und offenenm, aufgeklärtem Denken gegen die Neonazis. Respekt Jungs, starke Aktion :)! Ruhig auch mal ins Linksextreme Lager treten .. "Die Geschichte von Sterni ... dem roten Stern mit dem Palituch" ...
3. Auslachen ist effizienter als anbrüllen.
Elektrikern, 01.06.2011
Das Schlimmste, was man einem Menschen antun kann, ist, ihn der Lächerlichkeit preis zu geben. Damit radiert man ihn aus. Deswegen fürchtet und ahndet jeder Diktator und jede Diktatur den politischen Witz, nicht selten mit der Todesstrafe. Jemand, der von seiner Umgebung ausgelacht wird, besonders wenn er von sich glaubt, here Ziele zu verfolgen, unersetzbar oder sonst ein Elite Exemplar des homo sapiens zu sein, verfällt dann in Schwermut und Passivität, verliert die Lust an seinem Tun. Deswegen kann man nicht genug über die braune Sauce lachen.
4. Titellos und Spass dabei...
Tom Taler, 01.06.2011
Es ist wirklich bemerkenswert, was die Damen und Herren hinter Storch Heinar seit Jahren so auf die Beine stellen. Weiterhin viel Erfolg!
5. .
Haio Forler 01.06.2011
Zitat von ElektrikernDas Schlimmste, was man einem Menschen antun kann, ist, ihn der Lächerlichkeit preis zu geben. Damit radiert man ihn aus. Deswegen fürchtet und ahndet jeder Diktator und jede Diktatur den politischen Witz, nicht selten mit der Todesstrafe. Jemand, der von seiner Umgebung ausgelacht wird, besonders wenn er von sich glaubt, here Ziele zu verfolgen, unersetzbar oder sonst ein Elite Exemplar des homo sapiens zu sein, verfällt dann in Schwermut und Passivität, verliert die Lust an seinem Tun. Deswegen kann man nicht genug über die braune Sauce lachen.
Genau so ist das! Daher war für mich Frage: "Darf man sich satirisch nähern" schon vor 30 Jahren keine ernstzunehmen Frage ... man darf nicht nur, man muss.
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