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Neonazi-Satire: Storch Heinar sucht das heilige Ei

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Die Marke Thor Steinar steht bei Rechtsextremisten hoch im Kurs. Nun bringt das Projekt Endstation Rechts die "einzig wahre Nazi-Mode" auf den Markt: Pate für die Rechtsextremisten-Satire steht der frustrierte Storch Heinar - mit fieser Froschfleisch-Allergie und einer Vorliebe für Eierlikör.

Berlin - Heinar war schon immer ein schmächtiges Kerlchen. Die anderen Störche piesacken ihn ob seiner Schmalbrüstigkeit, machen sich lustig über die artfremden schwarzen Büschel in seinem Federkleid, die seine Mutter stets weiß zu überpudern versucht. Zu allem Überfluss plagen ihn auch noch unangenehme Verdauungsprobleme, hervorgerufen durch eine Froschfleisch-Intoleranz. Die üble Flatulenz stellt ihn vor die Wahl: mein Krampf oder kein Mampf.

Heinar wird flügge, und als im kalten Germanenland der Winter naht, will er sich aufmachen ins wohligwarme Afrika. Doch der missratene Storch verpasst den Zug: Um 19.33 Uhr war Abfahrt, Heinar hetzt um 19.45 Uhr aufs Gleis. Es reicht - er beschließt, Rache zu nehmen und die Welt Demut zu lehren. Beim Eierlikör in der Bahnhofskneipe verkündet er: "Ich habe einen Plan …"

Es ist der Moment, in dem er seinen Namen zur Marke erhebt: Storch Heinar.

"Storch Heinar ist die einzige wahre Nazi-Mode", sagt Mathias Brodkorb, einer der geistigen Väter des gepeinigten Schreitvogels. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern von Endstation Rechts, einem Internet-Portal gegen Rechtsextremismus, hat er sich die Figur ausgedacht und bringt unter ihrem Logo nun eine Klamotten-Kollektion auf den Markt, die den aktuellen Neonazi-Chic persifliert.

Mode-Persiflage auf Thor Steinar

Das Original heißt Thor Steinar und wird seit 2003 von der im brandenburgischen Zeesen ansässigen Firma Mediatex vertrieben. Die Marke ist in der rechtsextremen Szene beliebt, der Brandenburger Verfassungsschutz spricht gar von einem "identitätsstiftenden Erkennungszeichen". Gegen diese Einschätzung klagt das Unternehmen, man fühlt sich verunglimpft, spricht von Geschäftsschädigung.

Das Design von Thor Steinar ist juristisch nicht angreifbar: Der Hersteller spielt mit nordischer Mythologie, Zweideutigkeiten im Zusammenhang mit Gewalt, dem Zweiten Weltkrieg oder der Kolonialzeit des Deutschen Reiches. Im zweiten Teil des Markennamens sieht manch einer eine Abwandlung von Felix Steiner, General der Waffen-SS. Deren Emblem, die doppelte Sig-Rune, wollten Richter vor Jahren auch im Thor-Steinar-Logo wiedererkannt haben, die Benutzung wurde zeitweise verboten, die Marke gab sich ein neues Abzeichen.

Dieses von Ermittlungsbehörden als unbedenkliches "Andreaskreuz mit zwei Punkten" eingestufte Markenzeichen spiegelt sich nun auch in der Satireversion von Endstation Rechts wieder. Da streckt Storch Heinar die sonst so lahmen Flügel rechts und links in die Höhe, auf dem Kopf sitzt ein Wehrmachtshelm, unter dem ein schwarzer Scheitel hervorlugt, auch der Zweifingerbart darf nicht fehlen. Zwischen den staksigen Beinen liegt ein Ei.

Knapp 20 Euro sollen die "T-Hemden", wie die Shirts natürlich im korrekten Szenedeutsch heißen, mit Logo und Schriftzug des Storchenführers kosten, für die Dame gibt es auch Spaghetti-Tops, pardon, "Nudelhemden". Nach und nach wollen die Erfinder die Kollektion erweitern, Taschen, Regenschirme, Unterhosen, alles ist denkbar, sagen sie. Die Erlöse fließen in die redaktionelle Arbeit gegen Rechtsextremismus.

Es gibt einen kompletten Storch-Heinar-Kosmos

Die Klamotten sind nur das Herzstück eines ganzen Storch-Heinar-Kosmos. Am Dienstagabend hatte der Möchtegern-Führervogel seinen ersten Auftritt im Rostocker Lokalradio Lohro. Regelmäßig soll Heinar dort nun seine Geschichte erzählen, auch Comics und Trickfilme sind in Arbeit, diese sollen wie seine Podcasts und Texte auf einer eigenen Internet-Seite eingestellt werden.

Dort lässt sich verfolgen, wie sich Heinar mit seiner "Division Storch Heinar" von der Bahnhofsgaststätte aus auf die Suche nach dem heiligen Ei macht - eine Anspielung auf die vor wenigen Wochen erst wieder aufgeflammte Diskussion, ob Adolf Hitler tatsächlich nur einen Hoden hatte. "Warum hatte Hitler nur einen Hoden? Und was hat das mit dem Zweiten Weltkrieg zu tun?" Dies, sagt Mathias Brodkorb, seien die "metaphysischen Kernfragen" der Satire. Und: Eierlikör werde bei der Aufklärung eine große Rolle spielen.

Als SPD-Abgeordneter im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern hat Brodkorb täglich mit der NPD zu tun, seit fast drei Jahren beobachtet er mit Endstation Rechts die Szene, auch die Debatte um Thor Steinar, um Verbote in Schulen, Stadien und Parlamenten, um umstrittene Läden, in denen die Klamotten verkauft werden. "Es war auf die Dauer einfach etwas unbefriedigend, immer nur ganz sachlich und politisch korrekt über Rechtsextremismus aufzuklären", sagt er. "Nun wollten wir den Gegner auch mal auf die Schippe nehmen." Die Opferperspektive, betont er, bleibe dabei aber auf jeden Fall tabu.

Gerne gibt Brodkorb zu, dass eine andere Neonazi-Satire einen guten Schuss Inspiration lieferte. Seit 2004 marschiert die "Front Deutscher Äpfel" regelmäßig strammen Schrittes bei Protesten gegen rechtsradikale Kundgebungen auf, in schwarzen Uniformen und roten Armbinden mit Apfellogo - gegen Südfrüchte und faules Fallobst.

"Wir machen die Apfelfront zum Anziehen", sagt Brodkorb.

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Neonazi-Satire: Heinar und seine Freunde


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