Neonazi-Szene in Wismar: Werwölfe im Weltkulturerbe

Von , Wismar

Sie vernageln ihre Fenster, attackieren Nachbarn, beschießen Demonstranten mit Stahlkugeln. Neonazis verschrecken in Wismar Einwohner und Touristen. Die Stadt sieht sich als Hochburg des Rechtsextremismus gebrandmarkt - und reagiert hilflos: mit einer Imagekampagne.

Wismar - Zwischen historischer Schönheit und zeitgenössischem Schandfleck liegen nur ein paar Schritte. Vom Alten Hafen aus, wo die Touristen das barocke Baumhaus mit den zwei Schwedenköpfen bewundern oder zum Bootstrip in die Wismarer Bucht starten, geht es durch das spätgotische Wassertor über geputztes Kopfsteinpflaster auf den Spiegelberg. Um das große Fenster im Hochparterre des Altbaus mit der Hausnummer 21 rankt sich üppiger Efeu. Bis vor kurzem war die Scheibe noch mit einem großen Holzbrett vernagelt - "Nazis raus" und "Fight Fascism" hatte jemand mit Edding darauf geschmiert.

Auch jetzt, wo der Sichtschutz auf Druck des Ordnungsamts entfernt wurde, ist nicht viel zu erkennen. Doch jeder weiß, womit hinter der Scheibe des "Werwolfshops" Geld verdient wird. Hier gehen einschlägige CDs von Bands wie "Kraftschlag" über den Tresen, Reichskriegsflaggen, Rudolf-Hess-Poster oder T-Shirts mit "Combat 18"-Aufdruck, dem militanten Arm des hierzulande verbotenen Neonazi-Netzwerks "Blood and Honour". Es gibt alles, was das braune Herz begehrt.

Die potentielle Kundschaft des Ladens muss man in der Hansestadt nicht lange suchen. Stolz trägt sie das Stadtwappen auf der Brust, dazu den Schriftzug "Fronthafenstadt Wismar". Oder Kapuzenpullover der bei Rechtsradikalen beliebten Marke Thor Steinar. Man sieht sie in der Fußgängerzone der Altstadt, die die Unesco zum Weltkulturerbe erhoben hat, zwischen den Touristengruppen auf dem Marktplatz - man sieht sie vor dem Geschäft am Spiegelberg.

Der "Werwolfshop" ist einer von drei Treffpunkten einer rechtsextremen Wismarer Szene, deren aggressives Selbstbewusstsein den Bürgern zunehmend Angst macht. Nachbarn berichten von Drohungen und Pöbeleien auf offener Straße, von tätlichen Angriffen auf Passanten. Neonazis, die betrunken vor dem Haus abhingen, beschimpften eine Anwohnerin als "Kommunistenschwein", weil sie ein rotes T-Shirt trug. "Mach die Juden-Musik aus", brüllten Skinheads einer anderen ins Fenster, die einer Oper lauschte.

Stahlgeschosse aus der Wolfshöhle

Ein Teil der braunen Clique lebt direkt um die Ecke, in der "Wolfshöhle II", einem rechtsextremen Wohnprojekt, das sich im vergangenen Jahr in der Fischerstraße 2 eingerichtet hat. An der Haustür in der engen Gasse hängt ein kleines Poster mit Werwolf-Motiv und Handy-Nummer zur Kontaktaufnahme. Die Neonazis gehen auf Nummer Sicher: In der Mitte des Logos "Werwolf Wismar" haben sie die dazu gehörenden, nur leicht entfremdeten SS-Runen nachträglich mit einem Fragezeichen überklebt. Laut Impressum residiert mit dem "Totenkopfversand" hier auch einer der größten Neonazi-Internetshops, der bis vor kurzem noch als "H8-Store" firmierte und zu dessen Szene-Imperium auch der Werwolfshop gehört.

Als im April eine von Wismarer Antifaschisten organisierte Demonstration an der von der Polizei abgeriegelten Fischerstraße halt machte, schossen Neonazis vom Dach der "Wolfshöhle" mit Zwillen Stahlkugeln in die Menge der rund 300 linken Protestierer. Einer von ihnen wurden von einem Geschoss am Kopf verletzt. Beamte durchsuchten anschließend das Haus, nahmen einen mutmaßlichen Täter fest - und stellten zehn mit Stacheldraht umwickelte Axtstiele sicher.

Schon acht Monate zuvor war die Situation bei einer Demo gegen die Wismarer Rechtsextremisten eskaliert. Seinerzeit hatte sich eine Handvoll Neonazis vor dem "Werwolfshop" - damals noch in der Neustadt beheimatet - mit Baseballschlägern dem Protestzug entgegengestellt. Mehrere Polizisten hielten die Werwolf-Gang daraufhin mit durchgeladenen Dienstwaffen in Schach. Von der Internetplattform YouTube ging das Video der dramatischen Szenen um die Welt.

Hitlergruß in der Berufsschulklasse

Das Schaufenster des Tattoo-Studios "Needle of Pain" in der ABC-Straße ist zerborsten. Das kommt häufiger vor, es ist ein Katz-und-Maus-Spiel: Wenn irgendwo das Glas an einem einschlägigen linken oder rechten Treffpunkt splittert, dauert es oft nur einen halben Tag, bis es auf der Gegenseite scheppert. Das "Needle of Pain" ist der dritte Neonazi-Brennpunkt; hier sollen die Kunden neben Körperschmuck auch mit rechtsextremen Propagandamaterial versorgt werden.

Auf der anderen Seite, ein paar Meter weiter die Straße herunter, sitzen Katrin Frenkel und Horst Krumpen im Bürgertreff "Treffpunkt Altstadt" und zucken mit den Schultern: "So ist das hier in Wismar". Die beiden gehören zum Vorbereitungsteam des Netzwerks für Demokratie und Toleranz, in dem sich zahlreiche Wismarer Vereine, Verbände, Parteien und Privatleute gegen Rechtsextremismus engagieren.

Frenkel und Krumpen erzählen von angespuckten Touristen, von verprügelten ausländischen Studenten, von Drohungen mit der Baseballkeule auf dem Bahnsteig, von einem Überfall auf einen Jugendclub, vom rechtsradikalen "Grillfest gegen links", vom Hitlergruß im Klassenzimmer der Berufsschule, von gezielten rechtsradikalen Anwerbeversuchen unter arglosen Jugendlichen. "Wir wollen die Bürger gegen die Neonazis mobilisieren", sagt FDP-Mann Krumpen. Dazu gehört Unterstützung für die geplagten Bewohner des Spiegelbergs genauso wie grundlegende Aufklärungsarbeit wie etwa Info-Abende unter dem Motto: "Rechtsextrem - was ist das eigentlich?"

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Angstzonen statt Weltkulturerbe: Neonazis machen Wismar unsicher
Fotostrecke
Angstzonen statt Weltkulturerbe: Neonazis machen Wismar unsicher