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16. Mai 2018, 17:17 Uhr

Geheimoperation in den Neunzigerjahren

BND beschaffte Probe von Nervengift Nowitschok

Recherchen nach dem Nervengiftattentat auf den Doppelagenten Skripal enthüllen eine brisante Geheimoperation: Schon vor mehr als 20 Jahren beschaffte sich der deutsche Auslandsgeheimdienst eine Nowitschok-Probe.

Die Affäre um den Einsatz des Nervengifts Nowitschok bei der versuchten Vergiftung des Doppelagenten Skripal im britischen Salisbury bekommt eine brisante neue Wendung. Nach Recherchen von "Süddeutscher Zeitung", NDR, WDR und "Die Zeit" hatte der Bundesnachrichtendienst (BND) sich bereits in den Neunzigerjahren von einem russischen Überläufer eine Probe des in Salisbury verwendeten Nervengifts Nowitschok beschafft.

Die Geschichte deckt spektakuläre neue Details auf: Demnach bot sich in den Neunzigerjahren ein russischer Wissenschaftler dem deutschen Auslandsgeheimdienst als Informant an und soll später mit seiner Frau tatsächlich eine Probe des von Russland unter strengster Geheimhaltung entwickelten Gifts Nowitschok nach Deutschland geschmuggelt haben.

Für den BND war die Operation ein großer Erfolg. Details über die militärischen Fähigkeiten der Russen galten damals bei den westlichen Geheimdiensten als das höchste Gut, die Probe eines geheimen Kampfstoffs zu beschaffen, muss für den im Vergleich zu den US-Diensten recht bescheiden ausgestatteten BND ein Ritterschlag gewesen sein.

Die neuen Details werfen aber auch viele Fragen auf. Nach dem Anschlag auf den Russen in Großbritannien hatte der Westen sehr konkret Russland beschuldigt. Moskau müsse den früheren KGB-Mann vergiftet haben, so lautete die Linie, da nur Russland über das in den späten Siebzigerjahren entwickelte Nervengift Nowitschok verfüge. Ein Beweis steht aus oder wird von den westlichen Regierungen geheim gehalten. Die Indizien sprechen wiewohl für eine Verwicklung Russlands.

Die Verschlossenheit hat wohl mit der Geheimoperation des BND zu tun. Denn offenbar gehen die westlichen Erkenntnisse über Nowitschok maßgeblich auf die in den Neunzigern von den Deutschen beschaffte Probe des Gifts zurück. So soll Bundeskanzler Kohl damals nach einer ersten Analyse des Kampfstoffs in einem schwedischen Labor entschieden haben, das Wissen um die hochgefährliche Waffe zumindest mit den engsten Alliierten zu teilen.

Spätestens seit diesem Zeitpunkt, laut den Artikeln in den späten Neunzigerjahren, verfügten also nicht nur Deutschland, sondern auch die USA, Großbritannien, Frankreich, die Niederlande und Kanada über die Zusammensetzung und eine Probe des neuen Kampfstoffs. Möglicherweise stellten sie ihn sogar selber in kleinen Mengen her und tüftelten an Schutzmaßnahmen für die eigenen Truppen im Fall einer Konfrontation mit Russland.

Brisante Geheimdienstoperation

Die Details der Recherche decken auch auf, wie brisant die Geheimdienstoperation damals war. Neben Helmut Kohl waren nur wenige Mitarbeiter des BND und hohe Beamte des Kanzleramts eingeweiht. Statt Aktenvermerken schrieb man dem Kanzler nur Notizzettel über die Operation, die er nach dem Lesen vernichtete. Ob es überhaupt Akten gibt, ist offen. Sowohl das Kanzleramt als auch der BND lehnten auf Nachfrage jeglichen Kommentar ab.

Die Kohl-Regierung war damals hochnervös, weil die Beschaffung der Probe rechtlich heikel war. Schon in den Fünfzigerjahren hatte Deutschland eine weitreichende Anti-Chemiewaffen-Konvention unterschrieben, die jegliche Herstellung von Chemie-Kampfstoffen verbot. Die Juristen im Kanzleramt warnten deshalb vor der Einfuhr der Probe aus Russland, schon das Experimentieren damit könnte einen Bruch der Konvention darstellen.

Der BND fand daraufhin einen anderen Weg. Von Pullach aus wurde die hochgiftige Probe nach Schweden gebracht, dort analysierten Chemiker das Nowitschok-Gift unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen, analysierten den Aufbau und die fatale Wirkung des binären Kampfstoffs, die bis zu zehnmal stärker sein soll als bei dem berüchtigten Nervengas VX. Dieses Wissen teilte die Bundesregierung dann mit den Alliierten.

Für Kohl waren die BND-Erkenntnisse auch politisch brisant. Mit dem Moskauer Regierungschef Boris Jelzin pflegte er eine Männerfreundschaft. Kohl brauchte Jelzin zur Abwicklung der Wiedervereinigung. Gleichsam wussten die Deutschen aber durch den BND, dass Russland entgegen der auch von Moskau unterzeichneten Chemiewaffenkonvention weiter an tödlichen Kampfstoffen experimentiert und weiter illegal C-Waffen besaß.

Laut der Recherche der Medien entschied sich Kohl zu schweigen. Bei einem Besuch in Moskau signalisierten seine Geheimdienstleute ihren russischen Kollegen zwar, dass man von dem neuen Kampfstoff und damit auch von dem Bruch der internationalen Verträge durch Moskau wisse. Öffentlich aber hielt man sich zurück, um den Frieden zu bewahren. Nur die Verbündeten warnte man klandestin vor der neuen Waffe der Russen.

Erfreuliche Enthüllung für Russland

Für Russland dürfte die spektakuläre Enthüllung erfreulich sein. Seit dem Vorfall in Salisbury behauptet Moskau knallhart, mit der Attacke nichts zu tun zu haben. Den Vorhalt, nur Russland verfüge über das am Tatort gefundene Nowitschok, pariert man mit dem Gegenvorwurf, auch andere Länder wie Tschechien oder Großbritannien hätten sich Proben des Gifts verschafft, damit experimentiert und vielleicht sogar eigene Lager angelegt.

Dass nun ausgerechnet der deutsche BND schon mehr als 20 Jahre vor dem Anschlag in Salisbury über eine Probe des Nervengifts verfügte und sein Wissen darüber mit den Verbündeten teilte, könnte die russische Verschwörungstheorie befördern.

Die aktuelle Bundesregierung wird viel Mühe haben, den Vorgang aus der Endzeit des Kalten Kriegs sauber aufzuarbeiten.

Bisher aber schweigt man lieber eisern.

Video: Wladimir Ugljow und das Nervengift Nowitschok

mgb

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