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Nervosität in der Koalition: Schwarz-Gelb will Laufzeitverlängerung für drei Monate aussetzen

Die nukleare Katastrophe in Japan zwingt Schwarz-Gelb zum Umdenken: Die Merkel-Regierung will die Laufzeitverlängerung nun doch aussetzen - im Gespräch ist nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ein Moratorium von drei Monaten.

Atomkraftwerk Neckarwestheim: Details von Merkel am Nachmittag Zur Großansicht
DPA

Atomkraftwerk Neckarwestheim: Details von Merkel am Nachmittag

Stuttgart/Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will am Montagnachmittag bekanntgeben, dass die Verlängerung der Laufzeiten für die Atomkraftwerke ausgesetzt wird. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe bestätigte nach einer Sitzung des Parteipräsidiums entsprechende Berichte indirekt.

Gröhe vermied zwar den zuvor verbreiteten Begriff eines "Moratoriums". Er sprach jedoch davon, dass nach den schrecklichen Ereignissen in Japan mit Blick auf die deutschen Atomanlagen eine "Phase des Innehaltens und Nachdenkens" in der Atompolitik notwendig sei. "Was dem dient, hat die Unterstützung der Union", sagte Gröhe. Man sei "lernbereit".

Auf die Frage, ob dies ein Moratorium der bereits beschlossenen Laufzeitverlängerung bedeuten könnte, verwies Gröhe darauf, dass es sich dabei um einen rechtstechnischen Begriff handle. Er rechne jedoch damit, dass die von ihm beschriebene Nachdenkphase noch an diesem Montag "rechtstechnisch präzisiert" werde. Am Nachmittag wollten Kanzlerin Merkel und ihr Vizekanzler Guido Westerwelle (FDP) gemeinsam vor die Presse treten.

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE war während der Präsidiumssitzung der CDU bereits explizit von einem "Moratorium" die Rede. Erwogen wird nach Angaben aus Koalitionskreisen eine Aussetzung der Laufzeitverlängerung um drei Monate. In dieser Zeit solle die Sicherheitslage in den deutschen Atommeilern mit Blick auf die Erkenntnisse aus Japan überprüft werden. Da die Verlängerung bereits Gesetz ist, werde nun in Gesprächen etwa mit den Kraftwerksbetreibern nach Wegen gesucht, wie der Aufschub umgesetzt werden könnte.

Nervosität vor Landtagswahlen

Kurz vor dem Landtagswahlen in Baden-Württemberg am 27. März ist in der Debatte der Druck auf Schwarz-Gelb gewachsen. Vizekanzler Westerwelle hatte bereits früher am Montag ein Moratorium nicht ausgeschlossen. Der Außenminister forderte die Bildung einer Expertenkommission, die zunächst eine neue Risikoanalyse der Atomkraftnutzung in Deutschland anhand der in Japan gewonnenen Erkenntnisse erstellen solle. Sollte sich herausstellen, dass die Kühlsysteme einzelner deutscher Kraftwerke nicht mehrfach gesichert seien, müssten diese Meiler solange abgeschaltet werden, "bis die Lage völlig klar ist". Die Sicherheit habe "oberste Priorität" vor wirtschaftlichen Erwägungen.

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle plädierte dafür, ein schnelleres Umsteuern auf regenerative Energien zu prüfen. Die Frage nach der Kohleenergie stelle sich neu. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) forderte, das Restrisiko von AKW neu zu bewerten. Zuvor hatten immer mehr Politiker aus Union und FDP ein Umdenken gefordert.

"Ich schließe gar nichts aus", sagte EU-Energiekommissar Günther Oettinger (CDU) im Deutschlandfunk auf die Frage nach einem Abschalten von Anlagen. Die alten Kraftwerke seien zwar ständig und umfassend nachgerüstet worden, dennoch müsse ohne jede Vorbedingung deren Sicherheit geprüft werden, so der frühere Regierungschef von Baden-Württemberg. Für Dienstag habe er die Energieminister sowie die Aufsichtsbehörden der Mitgliedstaaten zu Beratungen nach Brüssel eingeladen. Der EU-Kommissar sagte weiter, bisher habe er eine Natur- und Atomkatastrophe in dem Ausmaß wie in Japan nicht für möglich gehalten. "Der Vorfall hat die Welt verändert, und vieles, was wir als Industriegesellschaften für sicher und beherrschbar gehalten haben, ist nun in Frage gestellt."

Zuvor hatte Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus eine Expertenkommission einberufen, die sich mit den Konsequenzen für das Bundesland beschäftigen soll. "Sollte sich eine bisher nicht bekannte Fehlerquelle herausstellen, werden alle nötigen Konsequenzen vorbehaltlos gezogen", so der CDU-Politiker.

Die Opposition erhöht den Druck im Wahlkampf - die SPD in Baden-Württemberg kündigte an, im Falle eines Regierungswechsels die beiden ältesten Atommeiler in dem Bundesland bis Jahresende abzuschalten. Er wolle dafür alles in Bewegung setzen, sagte SPD-Spitzenkandidat Nils Schmid der "Rheinischen Post". Betroffen davon wären demnach die Reaktoren Neckarwestheim I und Philippsburg I. "Wir müssen den schröderschen Atomausstieg konsequent fortsetzen, weil die Risiken der Atomkraft eben nicht beherrschbar sind, wie das traurige Beispiel im Hightech-Land Japan zeigt", so der SPD-Mann.

CSU-Mann Söder: "Japan verändert alles"

Die Union fürchtet den Atom-Wahlkampf - Umweltminister Norbert Röttgen hatte sich am Wochenende immer weiter von dem eigentlichen Atomkurs seiner Partei entfernt. Am Samstagmittag stellte er fest, dass "die Grundfrage der Beherrschbarkeit von Gefahren" jetzt neu gestellt sei. Am Abend bezeichnete er die Atomenergie als "Auslaufmodell". Japan sei "eine Zäsur".

Kritische Stimmen zur Atomkraft kommen auch aus der CSU: Bayerns Umweltminister Markus Söder verlangt als Konsequenz aus den Störfällen in Japan einen rascheren Umstieg auf erneuerbare Energien. "Japan verändert alles", sagte Söder der "Süddeutschen Zeitung". Zwar gebe es energiepolitisch noch keine "seriöse Alternative", um jetzt schon in Deutschland auf Atomstrom zu verzichten. Allerdings müsse der Umstieg auf erneuerbare Energiequellen "schneller umgesetzt werden als bisher geplant". Söder knüpft die im vergangenen Jahr beschlossene Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke an die Bedingung, dass die Sicherheitsmaßstäbe zunächst neu bewertet werden. "Es braucht einfach noch einmal eine grundlegende Debatte über alle möglichen Risiken und Schutzmechanismen dazu."

Der CSU-Umweltexperte Josef Göppel forderte klar eine rasche Abkehr von der Laufzeitverlängerung in Deutschland. "Es gibt bestimmte Reaktortypen in Deutschland, die in Hinblick auf Katastrophenfälle keine optimale Sicherheitsarchitektur haben. Das sind Dinge, die müssen jetzt auf den Tisch, und die werden nach meiner Meinung dazu führen, dass etliche Reaktoren doch planmäßig nach dem alten Atomkompromiss auslaufen sollten", sagte der Unions-Obmann im Umweltausschuss des Bundestags. Demnach sei es sinnvoll, für einige Reaktoren wieder die geplanten Restlaufzeiten anzuwenden, die im rot-grünen Atomausstieg vereinbart worden waren. Göppel gehört zu den fünf Unionspolitikern, die aus grundlegenden Erwägungen im Bundestag gegen die Laufzeitverlängerung von Union und FDP um durchschnittlich zwölf Jahre gestimmt hatten.

Atomexperte fordert sofortige Abschaltung von acht deutschen AKW

Die FDP in Schleswig-Holstein hat sich für ein Abschalten älterer Atomkraftwerke ausgesprochen, insbesondere der norddeutschen Meiler Krümmel und Brunsbüttel. "Wir hätten mindestens sechs der älteren Atomkraftwerke abschalten sollten, wenn wir die Laufzeiten verlängern", sagte der Landesvorsitzende Jürgen Koppelin im ARD-"Morgenmagazin". Die Werke in Krümmel und Brunsbüttel seien "anfällig". Man habe mit den beiden Werken "immer Probleme, auch dem Unternehmen Vattenfall" gehabt, sagte Koppelin, der auch Vizefraktionsvorsitzender der FDP im Bundestag ist. Koppelin forderte darüber hinaus eine strenge Sicherheitsüberprüfung aller Atomkraftwerke in Deutschland. "Wir können nicht die Augen zumachen und sagen: 'Japan ist weit weg, bei uns passiert sowas nicht.' Wir wissen alle nicht, was die Zukunft bringt."

Extrem alarmiert äußerten sich Atomkraftexperten: "Es war ein Fehler, den Atomkonsens aufzukündigen", sagte Lothar Hahn, der bis 2010 Geschäftsführer der Kölner Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) war, der "Frankfurter Rundschau". Er rate der Bundesregierung dringend zur Umkehr.

Hahn zufolge wurden nach dem Atomkonsens des Jahres 2000 gerade bei älteren Reaktoren Nachrüstungen wegen der kurzen Restlaufzeiten unterlassen. "Das schien vertretbar. Jetzt, bei acht oder 14 Jahren längerer Laufzeit, ist es das nicht mehr", sagte der Physiker. Die von Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) angekündigten Nachrüstungen kann Hahn "in der Realität nicht" erkennen. "Die Anforderungen sind teils, was konkrete Fristen angeht, wachsweich formuliert", sagt er. In Altanlagen wie Biblis, Neckarwestheim 1 oder Brunsbüttel sei die Erdbebensicherheit "nicht voll garantiert. Und Nachrüstungen etwa gegen Flugzeugabstürze sind technisch gar nicht möglich."

Atomlobby kämpft um ihre Meiler

Nach Ansicht des Münchner Strahlenexperten Edmund Lengfelder müssen acht deutsche Meiler sofort abgeschaltet werden. "Der größte Teil unserer deutschen Atomkraftwerke hat einen Planungsstand aus den siebziger Jahren, das heißt, heute wären eigentlich praktisch alle deutschen AKW nicht mehr genehmigungsfähig, weil sie eben diese alten Konzepte haben. Eigentlich müssten acht der deutschen Reaktoren sofort abgeschaltet werden", sagte der Strahlenbiologe vom Otto-Hug-Strahleninstitut in München im Interview mit dem RBB-Inforadio. Wenn hier eine Kühlmittelleitung abreiße, sei "der Super-GAU da", so Lengfelder.

Die Atomlobby kämpft derweil um ihre Reaktoren. "Jeder deutsche Reaktor ist auf jeden Fall besser ausgerüstet als der in Fukushima", sagte der Präsident des Deutschen Atomforums, Ralf Güldner, dem "Handelsblatt". An der Verlängerung der Laufzeiten solle nicht gerüttelt werden. Die Lage in Japan sei einmalig. "Eine Verkettung solcher außergewöhnlichen Naturkatastrophen ist für Deutschland nicht vorstellbar."

Auch für den Chef des Energiekonzerns RWE, Jürgen Großmann, sind die Störfälle in Japan nicht mit der Situation in Deutschland vergleichbar. "In Japan war nicht das Erdbeben der Hauptschadensgrund, sondern der Tsunami - und so etwas gibt in Deutschland nicht", sagte er der "Bild"-Zeitung. Trotzdem müssten auch auch die Kraftwerke hierzulande sogar gegen äußerst unwahrscheinliche Ereignisse wie schwere Erdbeben ausgelegt sein.

Die Stufen der INES-Skala
7 - Katastrophaler Unfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Schwerste Freisetzung von Radioaktivität, Auswirkungen auf Gesundheit und Umwelt in einem weiten Umfeld Katastrophe von Tschernobyl 1986 (UdSSR, heute Ukraine)
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
6 - Schwerer Unfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Erhebliche Freisetzung von Radioaktivität, voller Einsatz der Katastrophenschutz- Maßnahmen Katastrophe von Kyschtym 1957 (UdSSR, heute Russland)
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
5 - Ernster Unfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Begrenzte Freisetzung von Radioaktivität, teilweiser Einsatz der Katastrophenschutz- Maßnahmen Reaktorkern / radiologische Barrieren schwer beschädigt Atomunfälle von Windscale/Sellafield 1957 (Großbritannien), Three Mile Island 1979 (USA) und Tokaimura 1999 (Japan)
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
4 - Unfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Geringe Freisetzung von Radioaktivität, Strahlenbelastung der Bevölkerung etwa in Höhe natürlicher Quellen Reaktorkern / radiologische Barrieren erheblich beschädigt, Strahlen- belastung von Mitarbeitern mit Todesfolge Atomunfälle von Windscale/Sellafield 1973 (Großbritannien), Saint-Laurent 1980 (Frankreich)
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
3 - Ernster Störfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Sehr geringe Freisetzung von Radioaktivität, Strahlenbelastung der Bevölkerung in Höhe eines Bruchteils natürlicher Quellen Schwere radioaktive Kontaminierung, Mitarbeiter erleiden akute Gesundheits- schäden Beinahe-Unfall: keine weiteren Sicherheits- vorkehrungen, die einen Unfall verhindert hätten Störfall von Vandellòs 1989 (Spanien)
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
2 - Störfall
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiele
Erhebliche radioaktive Kontaminierung, unzulässige Strahlen- belastung von Mitarbeitern Störfall mit erheblichen Ausfällen von Sicherheits- vorkehrungen Störfälle von Philippsburg 2001 (Deutschland) und Forsmark 2006 (Schweden)
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
1 - Störung
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiel
Abweichung von den zulässigen Bereichen für den sicheren Anlagenbetrieb Störung durch Ventilschaden im südhessischen Atomkraftwerk Biblis, Block A im Dezember 1987
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES
0
Folgen außerhalb der Anlage Folgen innerhalb der Anlage Bedeutung für die Sicherheit Fallbeispiel
Keine oder sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung
Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES)
Quelle: NDR/ INES

anr/Reuters/dpa/dapd

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insgesamt 730 Beiträge
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1. ...
Gebetsmühle 14.03.2011
Zitat von sysopIn Japan droht*eine nukleare Katastrophe - in Deutschland*fürchten die Atom-Befürworter von*Schwarz-Gelb das Wählervotum. Immer mehr Politiker aus Union und FDP fordern deshalb ein Abschalten alter Meiler. Experten warnen vor eklatanten Sicherheitsmängeln in deutschen Reaktoren. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750732,00.html
die basis der csu ist längst skeptisch gegenüber dem atomwahn. es geht nur noch ums geld anstatt ums gelebte christentum und ethische werte.
2. Man ist ja
Berta, 14.03.2011
Zitat von sysopIn Japan droht*eine nukleare Katastrophe - in Deutschland*fürchten die Atom-Befürworter von*Schwarz-Gelb das Wählervotum. Immer mehr Politiker aus Union und FDP fordern deshalb ein Abschalten alter Meiler. Experten warnen vor eklatanten Sicherheitsmängeln in deutschen Reaktoren. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,750732,00.html
flexibel. ;-)
3. Nichts als...
mironicus 14.03.2011
... Schadenbegrenzung vor den anstehenden Wahlen. Ich hoffe, die Wähler durchschauen das schnell. Positionen auf einmal so in Frage zu stellen, für die man selbst so lange stand, ist zwar ein Fortschritt, aber retten wird das die CDU/FDP vor dem Wähler-GAU in den nächsten Wochen nicht mehr.
4. -
tasmanien 14.03.2011
Frau Kanzler sagt "Deutsche Atomkraftwerke sind sicher" Wir sehen gerade sehr deutlich an Japan wie sicher Atomkraftwerke sind. Es muss nur der "richtige Störfall" eintreten, dann ist kein Atomkraftwerk sicher. Es gibt nur eine sichere Atomkraft - KEINE ATOMKRAFT
5. unsere heldenhaften Atommanager -
Questions 14.03.2011
warum geht ihr nicht nach Japan und schaut Euch vor Ort an, wie ein "nach menschlichem Ermessen nich mögliches Ereignis" seinen Lauf nimmt? Vielleicht nützt Euer Expertenwissen dort ja was! - Und schliesslich wurde kaum Radioaktivität frei, es ist dort also ganz sicher. diese ganze Lobby + Politiker in die Tonne treten!
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Radioaktivität in Lebensmitteln
Angesichts der Atom-Unfälle in Japan fragen sich viele Verbraucher, ob bereits Lebensmittel belastet sind. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat Informationen zu möglichen Gefahren veröffentlicht.
Kann man noch japanische Lebensmittel essen?
Lebensmittel aus Japan, die jetzt in Restaurants oder Supermärkten angeboten werden, stammen aus der Zeit vor der Katastrophe. Weder grüner Tee noch Reis, getrocknete Pilze, grüner Meerrettich (Wasabi), Nudelgerichte oder Sojasoßen sind bisher belastet. Man kann auch in jedem Restaurant noch Sushi essen. Insgesamt werden wenig Lebensmittel aus Japan nach Deutschland importiert, meistens mit Schiffen. Diese sind viele Tage unterwegs, insbesondere nach den Handelseinschränkungen durch die Katastrophe.
Welche Grenzwerte gibt es?
In Europa gelten nach dem Unfall von Tschernobyl Einfuhrbedingungen für alle landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Säuglingsnahrung von Kleinkindern bis zu sechs Monaten sowie Milch und Milcherzeugnisse dürfen nicht mehr als 370 Bq/kg enthalten. Für alle anderen Lebensmittel gilt ein Grenzwert von 600 Bq/kg.
Welche Lebensmittel könnten zukünftig belastet sein?
Über den Pazifik zog eine radioaktive Wolke, so dass Fische belastet sein könnten. Die Herkunft von Fischen - frisch, tiefgefroren und geräuchert - müssen auf den Verpackungen und an der Theke mit dem Fanggebiet gekennzeichnet werden. Der Nordwestpazifik grenzt an Japan, nach den Vorgaben der FAO (Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen) ist dieser das Fanggebiet 61. Nach Angaben des Bundesverbandes Fisch werden hier vor allem Alaska-Seelachs (daraus werden Fischstäbchen hergestellt), Wildlachs, Seeteufel, Scholle oder Kabeljau/Dorsch gefangen. Weitere Aussagen sind zurzeit spekulativ. Sie hängen von der Windrichtung und der weiteren Wetterlage vor Ort ab.
Was tun die Behörden?
Es werden zahlreiche routinemäßige Untersuchungen durchgeführt. In Hamburg werden pro Jahr 350 Lebensmittelproben auf Radioaktivität untersucht, z. B. vom behördlichen Grenzdienst, da über den Hamburger Hafen bekanntlich viele Lebensmittel importiert werden. Der Grenzdienst geht heute davon aus, dass in Zukunft die Kontrollraten ansteigen werden, insbesondere von Produkten aus dem asiatischen Raum.
Was fordern Verbraucherschützer?
Die Verbraucherzentrale Hamburg fordert den Aufbau eines Sonderuntersuchungsprogramm „Radioaktivität“ in allen Bundesländern, insbesondere bei Importkontrollen. Außerdem soll mehr Transparenz hergestellt werden, das heißt, belastete Produkte sollen inklusive Namen und Hersteller genannt werden.
Karte

Fotostrecke
Zwei Tage nach dem Beben: Verwüstete Ostküste
Kernkraftwerke in Fukushima
Fukushima I (Daiichi)
Das Atomkraftwerk Fukushima I (Fukushima Daiichi) besteht aus sechs Blöcken mit jeweils einem Reaktor. Probleme gibt es vor allem in Block 1 und Block 3. Bei beiden Reaktoren wird zumindest eine teilweise Kernschmelze befürchtet. Die Kühlsysteme sind ausgefallen, die Betreiber haben Meerwasser in die Reaktoren gepumpt. Das Gebäude um Block 1 explodierte am Samstag - Grund soll eine Verpuffung der Gase zwischen Reaktor und Reaktorhülle gewesen sein. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von 20 Kilometern wurde evakuiert. Am Montag ereignete sich eine weitere Explosion. Nach Angaben der Regierung hat die Stahlhülle des Blocks 3 aber standgehalten. Die schlechten Nachrichten reißen allerdings nicht ab: Auch in Reaktor 2 ist die Kühlung inzwischen ausgefallen.
Fukushima II
Das Atomkraftwerk Fukushima II (Fukushima Daini) besteht aus vier Blöcken. Betreiber ist ebenfalls die Tokyo Electric Power Company (Tepco). Die Kühlsysteme der Reaktoren 1, 2 und 4 sind nach Angaben der japanischen Regierung ausgefallen. Der atomare Notstand wurde ausgerufen, im Umkreis von zehn Kilometern wird evakuiert.

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Fotostrecke
Karten: Vom Beben zur Riesenwelle
Erdbebenstärken
Die Richterskala
Die Stärke eines Erdbebens wird mit Hilfe der Richterskala und anderer Skalen beschrieben. Der jeweils angegebene Wert, die Magnitude , kennzeichnet dabei die freigesetzte Energie.

Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.

Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
Die Auswirkungen
Grob lassen sich die typischen Effekte der Erdbeben in der Nähe des Epizentrums folgendermaßen beschreiben:
  • - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
  • - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
  • - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
  • - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
  • - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
  • - Stärke 8: Groß-Beben
Weltweit ereignen sich jährlich etwa 50.000 Beben der Stärke drei bis vier, 800 der Stärke fünf oder sechs und durchschnittlich ein Groß-Beben. Das stärkste auf der Erde gemessene Beben hatte eine Magnitude von 9,5 und ereignete sich 1960 in Chile .
Die schwersten Erdbeben
Die stärksten Beben seit 1900
1960 Chile, Valdivia , Stärke 9,5
1964 Großes Alaska-Beben , Stärke 9,2
2004 Seebeben vor Sumatra , Stärke 9,1
1952 Kamtschatka, Stärke 9,0
2010 vor Maule, Chile , Stärke 8,8
1906 vor Ecuador, Stärke 8,8
Todesopfer bei Beben
1976 China, Tangshan , offiziell 255.000 Tote, inoffizielle Schätzung: 655.000 Opfer
2004 Seebeben vor Sumatra , 227.898 Tote
2010 Haiti , nach offizieller Schätzung 222.570 Tote
1920 China, Haiyuan , 200.000 Tote
1923 Japan, Kanto, 142.800 Tote
1948 Turkmenistan, Ashgabat, 110.000 Tote
Historische Beben
1556 China, Shaanxi , 830.000 Tote
1976 China, Tangshan , offiziell 255.000 Tote, inoffizielle Schätzung: 655.000 Tote
1138 Syrien, Aleppo, 230.000 Tote
2004 Seebeben vor Sumatra , 227.898 Tote
2010 Haiti , Stärke 7,0, 222.570 Tote
856 Iran, Damghan, 200.000 Tote

Quelle: U.S. Geological Survey
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