Von Veit Medick
Dieser nicht mehr ganz so harmlose Gabriel ringt auf eine äußerst existentielle Art mit seiner Partei. Er ist für die SPD eine große Chance - und ein Risiko. An guten Tagen trifft er genau den Ton. Er setzt sich dann an seinen Mini-Laptop und entwirft mal eben ein ökologisches Industriekonzept. Oder eine Rede, mit der er eine Klimakonferenz vor dem Scheitern bewahrt. Oder er schickt eine E-Mail an ein paar Funktionäre, in der er mit einem Wort der aufgewühlten Parteibasis das Gefühl gibt, er teile alle ihre Sorgen und sei schon immer einer von ihnen gewesen.
Gabriel hat auch schlechte Tage, miserable gar. Für die SPD wäre es nicht schön, wenn er sie künftig allzu oft hätte. An solchen Tagen meint er, allein mit lautem Mundwerk und einem Ideenfeuerwerk politische Überzeugungsarbeit leisten zu können. Er macht dann Politik wie im Wahn, vor seinem Tatendrang ist niemand sicher.
Als Ministerpräsident hat er eine solche Phase. Einmal tippt er eine Vorlage, mit der er das gesamte niedersächsische Schulsystem über den Haufen wirft. Die zuständige Kultusministerin erfährt von dem Plan beim Friseur. Im Wahlkampf 2003 läuft alles schief. Seine SPD liegt abgeschlagen hinter der CDU. Er plakatiert Plädoyers für die Vermögensteuer und stampft sie kurz darauf wieder ein. Er wettert gegen den Irak-Krieg genauso wie gegen das Dosenpfand, und als auch das nicht hilft, will er für 6,5 Millionen Euro Pockenschutzimpfstoffe anschaffen, um das Land vor Biowaffenangriffen zu schützen. Am Wahlabend verliert Gabriel übel. "Aber dadurch bin ich gereift", sagt er.
Nahles: "Unsere Kurven haben sich nie geschnitten"
Bald, als neuer Parteichef, hat er Zeit, das zu beweisen. Ob er Erfolg hat, die SPD wieder aufrichtet, wird zu einem großen Teil davon abhängen, wie er mit Andrea Nahles auskommt, die Generalsekretärin werden soll. Seit neustem verstehen sich die beiden prächtig, in den vergangenen Wochen reisten sie gemeinsam an die Parteibasis, um sich vorzustellen. "Sie muss mir auf die Finger hauen", sagte Gabriel in einem gemeinsamen Interview mit Nahles im SPIEGEL.
Dabei waren sich Gabriel und Nahles bis zum 27. September fremd. Er sah sie als Ausgeburt der drögen Funktionärin, sie sah ihn als Karrierist ohne Erdung. Er machte sie dafür verantwortlich, dass er es 2007 nicht ins Präsidium der SPD schaffte. Sie war auch sauer, weil sie glaubte, ihn 2005 zum Umweltminister gemacht zu haben. Franz Müntefering rief damals mit der Kabinettsliste in der Hand an und fragte sie, wer es werden solle: "Sigmar oder Heiko?" Mit Heiko meinte er Heiko Maas aus dem Saarland. Nahles plädierte für Gabriel. Er habe sich nie bei ihr bedankt, sagt sie.
Zwei Tage vor der Bundestagswahl saß Nahles in Berlin mit ein paar Vertrauten zusammen. Das könne am Sonntag bitter enden, prophezeite sie. Die SPD werde wohl mal wieder einen neuen Chef brauchen. Schnell war der Runde klar, dass Sigmar Gabriel nicht die schlechtesten Chancen hätte. Nahles tobte. "Das könnt ihr mit mir nicht machen!"
Wenn sie heute über ihr einst schwieriges Verhältnis zu Gabriel spricht, ist sie vorsichtiger. Sie malt dann zwei Kurven in die Luft. Eine sieht ein bisschen so aus wie die eines hochspekulativen Finanzprodukts. Sie besteht aus vielen Gipfeln und Tälern. Das ist Gabriels. Die andere steigt von unten links bis oben rechts gleichmäßig an. Das ist ihre eigene. "Unsere Kurven haben sich nie geschnitten", sagt Nahles.
Am Wochenende wird es endlich soweit sein.
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