Neue Abgeordnete Exoten im Parlament

Eine grüne Pianistin, ein liberaler Weinprofessor, ein schwarzer Kapitän: Wer glaubt, im Parlament säßen nur Beamte, der irrt. 203 Neulinge sind in den Bundestag eingezogen - und mit ihnen die unterschiedlichsten Berufe und Biografien. SPIEGEL ONLINE stellt fünf Newcomer vor.

Darius Dunker

Von Lisa Hemmerich


Viele Wege führen in den Bundestag, aber an Parteiarbeit und Wahlkampf kommt kein Abgeordneter in der Demokratie vorbei. Die Konzertpianistin Agnes Krumwiede zum Beispiel gab in den Dörfern Oberbayerns Konzerte, in Gemeinderäumen oder in renovierten Scheunen, während draußen Kühe und Schafe weideten. Für einige ihrer Zuhörer war es das erste klassische Konzert überhaupt. Anschließend wurde über grüne Politik diskutiert - denn für Krumwiede gehören Politik und Musik zusammen.

Mit ihren 32 Jahren gehört sie zu den Jüngeren im Bundestag, denn das Einstiegsalter liegt im Schnitt bei Anfang 40. Vom Beginn des politischen Engagements bis zum Einstieg in den Bundestag vergeht meist viel Zeit. Alle Abgeordneten müssen ein mehrstufiges Nominierungsverfahren in ihren Parteien durchlaufen. So können sich nur Personen engagieren, die sich ihre Zeit weitgehend flexibel einteilen können. Zudem haben es politiknahe Berufsgruppen leichter.

Das erklärt einerseits die überproportionale Vertretung von Lehrern und Beamten und andererseits den hohen Anteil an Parteifunktionären und Angestellten von Interessenverbänden. Zusammengenommen machen diese Berufsgruppen knapp die Hälfte aller Abgeordneten aus.

Politische Elite - kein Abbild der Gesellschaft

Auch im neu gewählten Bundestag ist das der Fall. Dort sitzen laut Statistik des Bundeswahlleiters

  • 350 Abgeordnete, die unmittelbar vor der Wahl Mandatsträger oder Beamte in höheren Positionen waren
  • 57 Rechtsanwälte und Juristen
  • 57 Geistes- und Naturwissenschaftler
  • 22 Unternehmensleiter, -berater und -prüfer
  • 21 Ingenieure
  • 16 Lehrer

Zudem sind zahlreiche weitere Berufsgruppen mit weniger als zehn Vertretern aufgezählt. Die Angaben beziehen sich auf die Berufe, die die neuen Abgeordneten unmittelbar vor ihrem Mandat ausgeübt haben, nicht auf ihre Ausbildungsberufe.

So sieht die Mischung schon seit den sechziger Jahren aus: "Die Zusammensetzung hat sich kaum verändert", sagt Michael Edinger, der an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Thema politische Eliten forscht. "Damals waren ganze Gesellschaftsgruppen, wie zum Beispiel Arbeiter, von der parlamentarischen Repräsentation weitgehend ausgeschlossen."

"Eliten unterscheiden sich in der Regel von der Breite der Bevölkerung, das kann man mehr oder weniger gut finden", sagt Edinger. Vorrang habe aber, dass wichtige gesellschaftliche Interessen zum Ausdruck kommen, nicht, dass die Sozialstruktur der Abgeordneten die Gesellschaft widerspiegle.

Trotz dieser erkennbaren Muster ist die Vielfalt an beruflichen Erfahrungen groß. "Die Rede vom Beamtenparlament unterstellt eine Homogenität, die nie bestanden hat", sagt Edinger. Bei insgesamt 622 Abgeordneten gibt es auch in der 17. Wahlperiode Mandatsträger mit außergewöhnlichen Berufen.

203 Abgeordnete ziehen neu in den Bundestag ein. SPIEGEL ONLINE stellt fünf Volksvertreter mit einem ungewöhnlichem Lebenslauf vor.

WFG Nordschwarzwald

Erik Schweickert:
Professor für internationale Geschmacksfragen
Weintrinker und Winzer haben jetzt einen einmaligen Experten im Bundestag: Der Liberale Erik Schweickert ist der weltweit einzige Professor für internationale Weinwirtschaft. Er möchte deutschen Wein noch erfolgreicher machen - und von staatlichen Regeln befreien. mehr...


CDU/ CSU-Fraktion

Frank Heinrich:
Der Kapitän folgte seiner inneren Stimme zur CDU
Suppe, Seife, Seelenheil: Das war der Dreiklang der bisherigen Arbeit von Frank Heinrich. Im Rang eines Kapitäns hat er sich bei der Heilsarmee für die Schwachen engagiert, gepredigt und Essen verteilt. Die Interessen der Bedürftigen will er nun im Bundestag vertreten. mehr...


S. Kaminski/ Buendnis 90/ Die Gruenen

Agnes Krumwiede:
Grüne Komposition für das Klavier
Politik und Musik passen perfekt zusammen, meint die Pianistin Agnes Krumwiede, auch wenn sie für den Einzug in den Bundestag ihre Klavierschule schließen musste. Jetzt will sie im Parlament für den Mindestlohn kämpfen - für Kreative wie Musiker und Tänzer. mehr...


Darius Dunker

Andrej Hunko:
Rastloser Rebell mit Hartz-IV-Erfahrung
Von Gregor Gysi stammt das Bonmot, zehn Prozent der Mitglieder der Linken und anderer Parteien seien irre. Andrej Hunko zählt sich freimütig dazu. Als Beruf gibt der Neuabgeordnete wenig aufschlussreich "Angestellter" an - doch dahinter verbirgt sich ein bewegter Lebenslauf. mehr...


DDP

Kirsten Lühmann:
Pionierin in unförmiger Uniform
Als sie ihre Ausbildung begann, war sie eine Sensation: Kirsten Lühmann war vor 26 Jahren eine der ersten uniformierten Schutzpolizistinnen - und hatte manche skurrile Hindernisse zu überwinden. Im Bundestag will sich die Sozialdemokratin für Atomausstieg und NPD-Verbot einsetzen.mehr...

Mit Material von AP.

Forum - Guter Start für Schwarz-Gelb?
insgesamt 3664 Beiträge
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Seite 1
hook123 23.10.2009
1.
Zitat von sysopDie neuen Ministerposten werden vergeben, die Sachthemen kontrovers diskutiert, die Koalition macht sich an die Arbeit. Wie sehen Sie die Aktivitäten der Koalition bisher - zeichnet sich ein guter Start für Schwarz-Gelb ab?
Das sich letztlich mit schwarz-gelb nichts ändern wird hatte ich sowieso angenommen, aber dass es so schnell geht, dass der Kasperverein schon vor dem Ende der Koalitionsverhandlungen entzaubert ist hätte ich wirklich nicht gedacht. Beispiel innere Sicherheit und Bürgerrechte. Trotzdem die FDP hier ganz groß getönt hat und sogar Sabine Leutheusser-Schnarrenberger aus der Kiste geholt wurde landete man als Bettvorleger von Terror-Schäuble. Fazit alles bleibt wie es ist, ob online-Durchsuchung oder Vorratsdatenspeicherung Stasi 2.0 bleibt auch unter der FDP. Von Steuerlüge, Schattenhaushalt und weiteren Unsäglichkeiten ganz zu schweigen. Einen Unterschied zur großen Koalition vermag man nicht erkennen und die große Erneuerung blieb aus. Nochmal wird die FDP so keine 15 % schaffen.
ostmarkus 23.10.2009
2. wuensch dir was....
und ich hab wirklich gedacht, Ministerposten werden nach Faehigkeiten vergeben. Man, man, man, ich bin echt zu blauaeugig fuer diese Welt! Schlage Schaeuble als Sportminister und Westerwelle als Familienminister vor.
TheK, 23.10.2009
3.
Der potentielle Umweltminister sollte auch schonmal Hauptgeschäftsführer des BDI werden. Das macht ihn natürlich herausragend neutral *würg*
ergoprox 23.10.2009
4.
Zitat von sysopDie neuen Ministerposten werden vergeben, die Sachthemen kontrovers diskutiert, die Koalition macht sich an die Arbeit. Wie sehen Sie die Aktivitäten der Koalition bisher - zeichnet sich ein guter Start für Schwarz-Gelb ab?
Ja, ein wirklich toller Start. Hat mir sehr viel Spaß gemacht und ersparte mir Eintrittskarten fürs Kabarett. Der gesparte Betrag wird gespendet. Danke dafür, liebe CDUCSUFDP.
Viva24 23.10.2009
5. Posten verschachern, wo bleibt da die Kompetenz?
In den Parteien hochgearbeitet, um die Schadne nicht zu gross zu machen, ein anderer Posten gefällig. Dieses Pöstchen verteilen zeigt den Zustand des Endes der Parteiendemokratie, Gott sei Dank!.
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