Neue Genscher-Biografie Der Vertrauensmann

Als Außenminister bügelte Hans-Dietrich Genscher jahrelang die Patzer der Kanzler Schmidt und Kohl aus, das zeigt eine neue Biografie. Die Mächtigen der Welt schenkten dem Liberalen ihr Vertrauen und klagten ihm ihr Leid - zur Not auch mal auf dem Klo. Sein Rezept: Charme, Geduld und Witz.

AP

Ob im Weißen Haus, im Pariser Elysée-Palast oder im Kreml - die Treffen verliefen immer gleich. Die Gastgeber waren wütend, die Stimmung war schlecht, und Bonns Außenminister Hans-Dietrich Genscher musste ausbaden, was die Kanzler angerichtet hatten. Zunächst Helmut Schmidt, ab 1982 Helmut Kohl.

US-Präsident Jimmy Carter beklagte etwa die Unberechenbarkeit Schmidts. Moskaus Michail Gorbatschow schimpfte über den angeblich "waschechten Revanchismus" Kohls. Frankreichs François Mitterrand mochte Schmidt nicht ("kaputter Charakter") und schmähte später auch Kohl ("Wahltaktiker"). Und Genscher wiegelte ab, relativierte, verteidigte, obwohl er wusste, dass manche Vorwürfe berechtigt waren.

Selbst auf einer Herrentoilette musste sich der Außenminister Klagen anhören, als er dort zufällig Carters Sicherheitsberater begegnete. Schmidt würde häufig über den US-Präsidenten lästern, monierte der Amerikaner. Um die Situation zu entspannen, entgegnete der Deutsche lachend, der Kanzler würde sogar über Kabinettskollegen schlecht reden. Das möge sein, meinte der Carter-Mann, aber es gehe hier um den amerikanischen Präsidenten.

Der menschliche Kummerkasten

Von 1974 bis 1992 leitete der Liberale das Auswärtige Amt, länger als jeder andere in der deutschen Geschichte, und doch wirkt seine Amtszeit in der Rückschau erstaunlich konturlos. Die Zeitgenossen erinnern sich meist an die mediale Omnipräsenz des vorsichtigen FDP-Chefs, von dem Spötter sagten, er würde zweimal nachdenken, bevor er wortreich nichts sage. Und natürlich an den legendären Auftritt auf dem Balkon der Botschaft in Prag 1989, in die sich Tausende Ostdeutsche geflüchtet hatten. Genscher setzte an, um den Verzweifelten mitzuteilen, dass die DDR-Führung sie ausreisen lasse; seine Worte gingen im Jubel unter. Viel mehr war nicht.

Doch nun liegt eine Biografie vor, die Genschers Rolle neu bewertet. Sie stammt von dem Diplomaten Hans-Dieter Heumann, der als Insider nicht nur Akten auswertete, sondern auch die Großen der Genscher-Ära befragte, darunter Gorbatschow, den damaligen US-Außenminister James Baker oder Frankreichs früheren Chef-Diplomaten Roland Dumas.

Demnach verdanken die Deutschen jenes Vertrauenskapital, das in den dramatischen Monaten nach dem Mauerfall die Einheit erst ermöglichte, in besonderem Maße dem aus Halle stammenden Anwalt. Ein scheinbar "gutmütiger Riese", wie Dumas findet, der auch deshalb Vertrauen erweckte, weil er die Schnitzer und Fehleinschätzungen seiner Kanzler auszubügeln wusste.

Genscher als Libero

Dabei fremdelte Genscher nach seinem Antritt 1974 in dem neuen Amt. Er beherrschte weder Englisch noch Französisch, stand im Schatten des international erfahrenen Schmidt. Aber der sich geduldig gebende Genscher betonte stets Gemeinsamkeiten, suchte, Gegensätze zu entschärfen, ließ den Gesprächspartner das Gesicht wahren. Und notfalls entspannte er die Situation mit Witzen, über die er selber prustend und mitreißend lachte, den Mund weit offen, die Augenbrauen hochgezogen.

Vor allem die Amerikaner sahen in ihm bald den wichtigsten Garanten für halbwegs stabile Beziehungen zu ihrem bedeutendsten Verbündeten. Noch in den Interviews, die Biograf Heumann führte, ist die Abneigung deutlich, die zwischen Schmidt und Carter Ende der siebziger Jahre herrschte. Die US-Regierung sei damals "geistig minderbemittelt" gewesen, findet heute noch der Alt-Kanzler, dem Carters Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski wiederum "pathologische Probleme" bescheinigt.

Hingegen rühmen Carter als auch Brzezinski das Verhältnis zu Genscher. Kein Wunder. Wie der ehemalige Außenminister seinem Biografen Heumann anvertraut, hatte er seinerzeit Carter sogar darin bestärkt, Schmidt Contra zu geben.

Der FDP-Chef profitierte davon, dass er über eine Alternative zur sozial-liberalen Koalition verfügte: Er konnte auch mit der CDU/CSU eine Regierung bilden. Als Schmidt vor dem Nato-Doppelbeschluss 1979 unter dem Druck der SPD erwog, diesen zu verschieben oder zu verwässern, widersprach Genscher und setzte sich durch.

Drei Jahre später war endgültig absehbar, dass die SPD den Doppelbeschluss kippen wollte. Genscher wechselte in das Bündnis mit der Union.

Die Rolle des Liberos behielt er unter dem neuen Regierungschef Kohl bei - paradoxerweise nun im Spiel mit der östlichen Supermacht Sowjetunion. Denn Genscher erkannte schon beim ersten Treffen mit Gorbatschow 1986 den Reformwillen des neuen Kreml-Chefs. Kohl hingegen sträubte sich lange gegen diese Einsicht und beleidigte Gorbatschow auch noch, indem er ihn mit Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels verglich.

Der Südrusse plante, mit deutscher Wirtschaftskraft sein marodes Imperium zu sanieren; im Politbüro gab er Anweisung, bei Gesprächen mit Bonner Politikern Genscher "voranzustellen". Schon aus zeitgenössischen sowjetischen Unterlagen geht hervor, dass Gorbatschow in dem verbindlich auftretenden Deutschen seinen "bevorzugten Gesprächspartner" sah. Später ließ er durchblicken, dass er Genschers Rolle für unterschätzt halte.

Erbitterter Kleinkrieg mit dem Kanzler

Als Kohl wenige Monate vor dem Mauerfall einer amerikanisch-britischen Initiative zustimmen wollte, neue Atomwaffen in Europa zu stationieren, was vermutlich zu einer Eiszeit im Ost-West-Verhältnis geführt hätte, drohte Genscher mit dem Ende der Koalition. Kohl gab nach. Die sogenannte Modernisierung wurde verschoben, später entfiel sie ganz.

Vielleicht lag in diesem Manöver die größte Leistung des Außenministers, denn vermutlich hätte der Kreml 1990 den Verlust der DDR nicht in gleicher Weise hingenommen, wenn von der Nato kurz zuvor eine neue Aufrüstungsrunde beschlossen worden wäre.

Genscher und Kohl duzen einander und waren sogar Freunde; sie sprechen heute nicht übereinander, zumindest nicht öffentlich. Auch Biograf Heumann konnte dem Liberalen lediglich entlocken, dass dieser den rüden Umgang des Kanzlers mit Untergebenen ("Gutsherrenart") missbilligte.

In den Monaten nach dem Mauerfall lieferten sie sich einen erbitterten Kleinkrieg. Kohls Leute streuten in Washington, Genscher sei nicht ernstzunehmen, auf dessen Haltung komme es nicht an. Der Außenminister wiederum nutzte seinen guten Draht nach Paris, um Frankreichs Mitterrand wissen zu lassen, dass er - wie die Franzosen - die Oder-Neiße-Linie als endgültige Ostgrenze Deutschlands ansehe, was Paris als Aufforderung lesen konnte, in dieser Frage hart zu bleiben.

Gleichzeitig musste Genscher den Kanzler verteidigen. Denn dessen berühmter Zehn-Punkte-Plan zur "Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands" löste vielerorts Empörung aus, weil Kohl weder die Verbündeten noch Gorbatschow vorab informiert hatte.

Es war zugleich das letzte Mal, dass Genscher für Kohl einspringen musste. Zur allgemeinen Überraschung lief Kohl im Jahr der Einheit zu diplomatischer Höchstform auf. Bis zum Ende der Verhandlungen im September 1990 unterlief ihm kein einziger Patzer mehr.

Gut anderthalb Jahre später trat Genscher zurück. Wer sich fortan über den deutschen Regierungschef beklagen wollte, musste sich an andere wenden.

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Seite 1
daskannsosein 22.11.2011
1. Steilvorlage
Zitat von sysopEx-Außenminister Hans-Dietrich Genscher bügelte jahrelang die Patzer der Kanzler Schmidt und Kohl aus, das zeigt eine neue*Biografie. Die Mächtigen*der Welt schenkten dem Liberalen ihr Vertrauen und klagten ihm ihr Leid.*Sein Rezept: Charme, Geduld und Witz - zur Not auch mal auf dem Klo. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,799004,00.html
Ob Wetserwelle daraus lernt? Ich bezweifle es.
t.o`malley 22.11.2011
2. Wohl eher mit dem Scheckbuch...
Zitat von sysopEx-Außenminister Hans-Dietrich Genscher bügelte jahrelang die Patzer der Kanzler Schmidt und Kohl aus, das zeigt eine neue*Biografie. Die Mächtigen*der Welt schenkten dem Liberalen ihr Vertrauen und klagten ihm ihr Leid.*Sein Rezept: Charme, Geduld und Witz - zur Not auch mal auf dem Klo. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,799004,00.html
Genschers Markenzeichen war das Scheckbuch der deutschen Steuerzahler, mit welchem er fleissig in aller Welt herumwedelte und allerlei Geschenke verteile. Genscher war als Außenminister völlig untragbar. Seine "Erfolge" waren allein dadurch begründet, zu jeder möglichen (und unmöglichen) Gelegenheit unser Geld zu verjubeln. Wenn jemand freiwillig alles verschenkt, ist es nicht verwunderlich, wenn die anderen ihn als "vertrauenswürdig" wahrnehmen. Auf Leute wie Genscher wartet man geradezu...
billsux, 22.11.2011
3. Ganz ehrlich?
Zitat von t.o`malleyGenschers Markenzeichen war das Scheckbuch der deutschen Steuerzahler, mit welchem er fleissig in aller Welt herumwedelte und allerlei Geschenke verteile. Genscher war als Außenminister völlig untragbar. Seine "Erfolge" waren allein dadurch begründet, zu jeder möglichen (und unmöglichen) Gelegenheit unser Geld zu verjubeln. Wenn jemand freiwillig alles verschenkt, ist es nicht verwunderlich, wenn die anderen ihn als "vertrauenswürdig" wahrnehmen. Auf Leute wie Genscher wartet man geradezu...
Mir ist die "Scheckbuchdiplomatie" von Genscher wesentlich lieber als die heutige Politik, die unsere Soldaten in sinnlose Kriege rund um den Globus schickt.
Chris110 22.11.2011
4. Re
Zitat von t.o`malleyGenschers Markenzeichen war das Scheckbuch der deutschen Steuerzahler, mit welchem er fleissig in aller Welt herumwedelte und allerlei Geschenke verteile. Genscher war als Außenminister völlig untragbar. Seine "Erfolge" waren allein dadurch begründet, zu jeder möglichen (und unmöglichen) Gelegenheit unser Geld zu verjubeln. Wenn jemand freiwillig alles verschenkt, ist es nicht verwunderlich, wenn die anderen ihn als "vertrauenswürdig" wahrnehmen. Auf Leute wie Genscher wartet man geradezu...
Es gibt Schlimmeres, als Scheckbuch-Diplomatie. Vor allem, wenn man es sich finanziell leisten kann, und gerade einen Weltkrieg verloren hat. Genscher hat die dt. Einheit zum Teil auch erkauft? Na und.
lizard_of_oz 22.11.2011
5. Ehe Sie sich als Geschichtsbanause outen,
Zitat von t.o`malleyGenschers Markenzeichen war das Scheckbuch der deutschen Steuerzahler, mit welchem er fleissig in aller Welt herumwedelte und allerlei Geschenke verteile. Genscher war als Außenminister völlig untragbar. Seine "Erfolge" waren allein dadurch begründet, zu jeder möglichen (und unmöglichen) Gelegenheit unser Geld zu verjubeln. Wenn jemand freiwillig alles verschenkt, ist es nicht verwunderlich, wenn die anderen ihn als "vertrauenswürdig" wahrnehmen. Auf Leute wie Genscher wartet man geradezu...
sollten Sie mal ein oder zehn Bücher lesen. Mit Ihrer Aussage hätten Sie sich in jeder kompetenten Gesprächsrunde ohne Not ins Abseits katapultiert. 1: Es war und ist völlig normal, dass die Vertreter der Nationen sich gegenseitig durchaus hochpreisige Geschenke überbringen, so zementiert man Beziehungen. 2: Bei einem Land, welches vom Export lebt läuft das unter Imagepflege, nicht von ungefähr haben wir wieder einen sehr guten Ruf! Sehen Sie das "Verjubeln" als Investition in die Zukunft, auch wenn Ihnen das bei Ihrem ausgeprägt bodenständig konservativen Denken sicher recht schwer fallen mag.
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