Neue Münchner Synagoge "Wer baut, der bleibt"

Zur Eröffnung der neuen Münchner Synagoge bezeugt die Zentralratsvorsitzende Charlotte Knobloch ihr Vertrauen in die deutsch-jüdische Zukunft. Der Bundespräsident warnt vor Antisemitismus - draußen trauern Münchner einem Parkhaus nach, das früher das Stadtbild dort prägte.

Von , München


München - Immer wieder ein feines Klopfen auf das Rednerpult. Es ist dieses Klopfen, an dem sich Charlotte Knobloch heute an diesem ihrem Festtag festhält - um die Tränen zurückzudrängen.

Zentralratsvorsitzende Knobloch (l.), Präsident Köhler: "Was wir heute erleben, bestätigt mich in meiner Liebe zu dieser Stadt"
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Zentralratsvorsitzende Knobloch (l.), Präsident Köhler: "Was wir heute erleben, bestätigt mich in meiner Liebe zu dieser Stadt"

Damals, am 9. November 1938, war sie sechs Jahre alt; sie hastete an der Hand des Vaters durch die Stadt, während die Nazis die Münchner Hauptsynagoge niederbrannten. Jetzt, am 9. November 2006, ist sie 74, Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und eröffnet die neue Synagoge am Münchner Jakobsplatz. "Wer mich kennt, kann sich vorstellen, was es mir bedeutet, an diesem Ort ein Willkommen aussprechen zu dürfen", sagt sie. Dabei lässt sie ihre Finger wieder im Rhythmus der Worte auf das Pult klopfen. "Was wir heute erleben, bestätigt mich in meiner Liebe zu dieser Stadt."

Das kleine jüdische Mädchen aus der Pogromnacht von 1938 hat die Schrecken und die Finsternis überlebt, untergetaucht bei einer katholischen Bauersfamilie im Fränkischen. Die Zentralrats-Vorsitzende und gebürtige Münchnerin hat lange dafür gekämpft, dass das Judentum in der bayerischen Hauptstadt wieder ein repräsentatives Zentrum bekommt. Es ist vor allem auch ihr Bau. Und es ist der größte Neubau eines jüdischen Gemeindezentrums in Europa, gelegen in Münchens Mitte, gleich ums Eck von Frauenkirche und Rathaus.

Gut 1200 Gäste, Gemeindemitglieder und Repräsentanten des öffentlichen Lebens sind zur Eröffnung gekommen. Charlotte Knobloch erzählt ihnen, dass in den vergangenen Jahrzehnten der 9. November "mir stets ein Tag der Vergangenheit" war. Das werde er zwar bleiben. Doch zeige der Synagogen-Neubau, "dass es Hitler nicht gelungen ist, uns zu vernichten - es gibt Juden in der einstigen Hauptstadt der Bewegung". Die Juden würden nun "fest auf ein Morgen in diesem Land" vertrauen, sagt sie: "Wer baut, der bleibt." Der 9. November sei nicht länger nur Verbindung in die Vergangenheit. "Von heute an stellt dieses Datum die Brücke in die gemeinsame Zukunft von Juden und Nichtjuden in dieser Stadt dar."

Knobloch: "Leben Sie mit uns!"

Der dreiteilige Gebäudekomplex aus Synagoge, Jüdischem Museum und Gemeindehaus soll allen Bürgern offen stehen, ein Café ist geplant, ein Restaurant, Konzerte. "Seien Sie unsere Gäste", ruft Charlotte Knobloch in den Synagogensaal, "diskutieren, lachen, streiten Sie mit uns!" Aber vor allem: "Leben Sie mit uns!" Es ist keine intellektuelle, keine abstrakte Rede. Charlotte Knobloch spricht warm und herzlich. Darum geht es ihr heute: "Wir sind zurück im Herzen der Stadt und der Münchner Bürger."

Tatsächlich zeigen die Münchner großes Interesse und Zuneigung. Die Geschäftsleute haben in der Stadt ein "Willkommen" plakatiert, die Bürger viel Geld für den Neubau gesammelt, Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) hat in den vergangenen Jahren beharrlich den Weg für die neue Synagoge geebnet. Auf der anderen Seite hat Charlotte Knobloch zuletzt deutlich vor der "absoluten Anti-Stimmung gegen Juden" gewarnt. Zu Recht, denn eine neue Studie zeigt, dass der Rechtsextremismus in der Mitte der Gesellschaft angekommen, mitnichten ein Randphänomen ist.

Draußen vor der Synagoge sind Absperrungen und 1500 Polizisten. Eine Neonazi-Demo ist zuvor gerichtlich verboten worden. Passanten gehen vorbei, schauen sich die Synagoge an. Wer sie anspricht, dem schlägt kein offener Antisemitismus entgegen. Alle stellen klar, dass sie "natürlich nix gegen Juden haben". Aber manche wollen einfach "nur meine Meinung" sagen. Zum Beispiel die: "Schad' um den Platz" sei es, sagt Erich Hein, "gebürtiger Münchner". Man hätte "einen schönen Park hinbauen können", denn "das wäre eine richtige Oase in der Stadt gewesen." Na ja, jetzt sei der Platz halt weg. Der Mann ist keinesfalls ein Nazi. Der 79-Jährige findet es richtig, dass die jüdische Gemeinde eine neue Synagoge in München bekommt - "die alte mussten sie ja 1938 hergeben". Aber jetzt seien sie im Zentrum, sagt er, genau da "wo man auch einen schönen Springbrunnen" hätte installieren können.

Münchner Bürger: "Lieber Springbrunnen als Synagoge"

Neben ihm steht der 60-jährige Günther - "nur Günther, das reicht". Er trägt eine Mütze mit dem Aufdruck "Freizeit aktiv gestalten", ist Rentner und gestaltet seinen Tag heute am Absperrzaun. "Der Jakobsplatz war doch die einzige Oase Münchens. Jetzt steht da ein Betonbunker, dafür hat der Ude eine Watsch'n verdient." Man müsse sich vorstellen, da könne jetzt "eine Schaukel oder eine Rutsche für Kinder stehen".

Früher prägte übrigens ein benachbartes, inzwischen abgerissenes Parkhaus das Bild des Platzes. Das sah wie ein Bunker aus.

Kaum sagt man das, schaltet sich eine Dame ein, deren Name nichts zur Sache tut - "weil sonst meine Leute meinen, ich reiß' das Maul so auf". Das Parkhaus habe "nicht so gestört, weil man ja nicht so hingeschaut hat". Das sei eben ein "ganz alltäglicher Bau" gewesen. Die Synagoge hätte doch "weiter draußen" gebaut werden können, "da hätten die Juden sich einigeln können". Schon wegen der Sicherheitsmaßnahmen.

Günther fällt jetzt noch ein, dass ja "überhaupt erst reiche Juden den Hitler groß gemacht haben". Für ihn ist es jetzt nur noch ein kleiner Schritt vom Parkhaus- zum Nahostproblem: "Wie die Juden mit den Palästinensern umgehen..."

Rund 200 Meter entfernt, in der Synagoge, spricht dann Bundespräsident Horst Köhler über solche Gedenkengänge. "Ein offener und latenter Antisemitismus", das sei "heute die Wirklichkeit. Das schmerzt". Es genüge nicht, zu wissen, was in der Hitler-Zeit geschehen sei. Vielmehr müsse man "die Lehren daraus wach halten", verlangt er. Der "wichtigste Ort" dafür sei die Schule. Er fordert: Wenn es um Demokratie, Toleranz und Menschenrechte gehe, dann komme es "auf jeden Einzelnen an, immer". Jeder müsse sich einmischen. "Viele nehmen diese Verpflichtung ernst. Sie brauchen aber mehr Unterstützung."

Draußen gibt es auch einige, die Günther & Co widersprechen. Und es gibt den Juden Igor Katz aus der Ukraine. Aus der zweiten Reihe schaut er sich die Synagoge an. Ein bisschen modern sei sie, sagt er. Die Bauten in Berlin und Kiew gefielen ihm besser. "Aber gut ist es, dass die Synagoge hier im Zentrum ist." Das sei "schön, so wie früher".

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