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Neue Regierungsmaschine: Die Kanzlerin fliegt mit Wackeltisch

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Qualm in der Kabine, kaputte Türen, Totalausfälle: Die altersschwachen Flugzeuge der Bundesregierung sind immer anfälliger. Jetzt wird die Pannenflotte ausgetauscht. Im neuen Airbus reist Kanzlerin Merkel "ermüdungsarm" - aber nicht gerade prunkvoll.

Flieger für die Kanzlerin: Ersatz für die Pannenflotte Fotos
dpa

Hamburg/Berlin - Die Privatgemächer der VIPs befinden sich hinter einer schmalen Schiebetür. Für die Öffentlichkeit gilt: Betreten verboten, auch für die kleine Journalistenschar, die an diesem Mittwoch den ersten Flug mit dem nagelneuen Regierungs-Airbus, Kennung 98-46, antreten darf. Das künftige Arbeits- und Schlafzimmer, das Bad von Bundespräsident, Kanzlerin und Ministern sind vorerst Tabu. Nur ein paar Bilder gibt es bei der offiziellen Übergabe der Maschine in einem Hamburger Hangar der Lufthansa Technik zu sehen.

Der Eindruck: Der "ranghöchste" Passagier, wie es so schön bürokratisch heißt, reist komfortabel, von Luxus aber ist keine Spur. Es gibt einen großen Sessel, der zu einem Bett umzubauen ist, für "ermüdungsarmes Reisen", wie die Lufthansa sagt, einen Arbeitstisch, ein Dreiersofa, auch daraus wird im Bedarfsfall ein Bett, das Bad bietet Dusche, silberfarbenes Waschbecken, Toilette, alles behindertengerecht. Von goldenen Wasserhähnen oder sonstiger Verschwendungssucht keine Spur. "Zeitlos, elegant, funktional" nennt es die Lufthansa. Und das allein ist für die künftigen Fluggäste schon ein Versprechen.

Schließlich gibt es über die deutsche Regierungsflotte so einige Geschichten zu erzählen. Die von Joschka Fischer etwa, der als Außenminister einmal kurz nach dem Abheben in dichtem Schneetreiben wieder zum Flughafen Tegel in der Hauptstadt zurückkehren musste, weil beißender Qualm in die Kabine der Challenger eindrang. Auf einem Fischer-Flug nach Madrid platzte einmal eine Scheibe.

Oder die Geschichte vom damaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der seinem Nachfolger Guido Westerwelle bei der Amtsübergabe berichtete, wie sich einst in Tausenden Metern Höhe die Tür seiner Maschine öffnete - auch er saß in einer Challenger. Öfters blieben die Staatsflieger unfreiwillig auch gleich ganz am Boden. Da musste Bundespräsident Horst Köhler schon mal Linie von China nach Deutschland fliegen oder sich vom italienischen Amtskollegen ein Ersatzgerät borgen. Erst am vergangenen Wochenende machte die für Angela Merkel vorgesehene Maschine schlapp - sie verpasste einen Wahlkampftermin in Nordrhein-Westfalen.

Flieger für 615 Millionen Euro

Weil aber solche Anekdoten im Nachhinein nur so lange lustig sind, wie die Passagiere trotzdem irgendwie heil ihr Ziel erreichen, bekommt die Flugbereitschaft nun neue Flugzeuge. Am Mittwoch nahm das Bundesverteidigungsministerium den ersten Airbus A319CJ in Empfang. Ein zweites Flugzeug gleichen Typs soll im Juli folgen.

Zusammen mit vier Bombardier Global 5000, die für Ende 2011 bestellt sind, sollen die A319 die pannenanfälligen Challenger-Jets der Bundesregierung ablösen. Auch für die beiden großen A310-Langstrecken-Flieger "Konrad Adenauer" und "Theodor Heuss", einst aus der Konkursmasse der DDR übernommen und für 50 Millionen Mark umgerüstet, gibt es Ersatz: Als große VIP-Maschinen, sozusagen die deutsche "Air Force One", lässt die Bundeswehr derzeit zwei gebrauchte Airbus 340 umbauen. Sie sollen Mitte nächsten Jahres fertig sein. Gesamtvolumen des Auftrags: 615 Millionen Euro, Wartung und Erstausbildung des Personals inklusive.

Mit dem nun in Empfang genommenen A319 will die Flugbereitschaft nicht nur zuverlässiger, sondern auch flexibler werden. Die mehr als 20 Jahre alten Challengers sind oft zu klein, gerade mal ein Dutzend Passagiere passen in den kleinen Flieger, die kurze Reichweite machte teure und zeitraubende Zwischenlandungen möglich. Der neue Airbus dagegen schafft dank zusätzlicher Tanks die Strecke nach Washington oder Peking nonstop. Bis zu 48 Fluggäste können mitreisen.

32 davon finden im Delegationsbereich Platz. Auf den ersten Blick wirkt die Kabine hier nicht viel anders als die herkömmliche Economy-Class. Die Einrichtung ist hell und freundlich, edel oder besonders schick wirkt sie nicht. Ein bisschen mehr Bequemlichkeit als für den Mallorca-Urlauber gibt es aber wohl: Viel mehr Beinfreiheit zum Beispiel, die grauen Ledersitze sind breiter, die Lehnen lassen sich weit nach hinten klappen.

Großzügige Konferenzsessel

Das graue Leder allerdings ist noch ziemlich hart, die Klapptischchen, die in den Armlehnen versenkt werden, machen einen wackligen Eindruck. Eine am Flugzeugrumpf befestigte Kamera überträgt Live-Bilder vom Flug auf die Monitore über den Sitzen. Das regt zu Diskussionen an: Ist das Fahrwerk wirklich richtig ausgefahren? Bei Bedarf lässt sich der Delegationsbereich wie bisher auch für den Transport von Verletzten und Kranken umrüsten.

Über den breiten Gang geht es nach vorn in den Konferenzraum für die VIPs: Die beiden Sitzecken mit jeweils vier großzügigen Sesseln an einem Tisch können auch in zwei Doppelbetten verwandelt werden. Wie im Privatbüro weiter vorne in der Maschine gibt es auch hier ein komplettes Info- und Kommunikationsterminal mit allem, was man für den Kontakt zum Boden braucht.

Die braunen Tische und Wandverkleidungen sind nicht aus Mahagoni, sondern mit Fotofolie beschichtet - auf Echtholz wurde aus Kosten- und Gewichtsgründen bewusst verzichtet. Dafür verbauten die Entwickler in der ganzen Maschine geräuschdämmende Materialien: Die Fluggeräusche im Inneren sollen 58 Dezibel erreichen, sagt die Lufthansa, "erheblich weniger als in einem herkömmlichen Flugzeug".

Was der knapp 34 Meter lange, weißlackierte Flieger mit der schwarz-rot-goldenen Banderole gegen terroristische Gefahren aufbietet, darüber schweigt das Verteidigungsministerium im Detail lieber. Zum Selbstschutz gehört aber ein Freund-Feind-Erkennungssystem, auch über ein hochmodernes Raketenabwehrsystem wird geraunt.

Anfang April soll der A319 seine erste offizielle Dienstreise antreten. Wohin es geht, ist noch ungewiss und hängt vom "ranghöchsten" Passagier ab. Entweder der Bundespräsident oder die Kanzlerin sollen als erste in den Genuss des neuen Fliegerkomforts kommen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Konjunkturprogramm
prophet46 31.03.2010
Zitat von sysopQualm in der Kabine, kaputte Türen, Totalausfälle: Die altersschwachen Flugzeuge der Bundesregierung sind immer anfälliger. Jetzt wird die Pannenflotte ausgetauscht. Im neuen Airbus reist Kanzlerin Merkel "ermüdungsarm" - und recht spartanisch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,686788,00.html
Der Artikel dient offenbar dazu, die Anschaffung eines neuen Regierungsflugszeugs als dringlich hinzustellen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Daneben nutzte man das staatliche Konjunkturprogramm um 20 neue Panzerlimousinen für ca. 10 Mio. € für die Topebene anzuschaffen. Auch wird an "ermüdungsarmen" neuen Ministerien in Berlin gebastelt. Hat alles seine Berechtigung. Nur kein Neid, wer kann der kann.
2. yippiiii
neuronenzenker 31.03.2010
Zitat von sysopQualm in der Kabine, kaputte Türen, Totalausfälle: Die altersschwachen Flugzeuge der Bundesregierung sind immer anfälliger. Jetzt wird die Pannenflotte ausgetauscht. Im neuen Airbus reist Kanzlerin Merkel "ermüdungsarm" - und recht spartanisch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,686788,00.html
Und alle so: "Yeeeaaahhh !!!"
3. Wieso Pannenflotte?
genugistgenug 31.03.2010
Zitat von sysopQualm in der Kabine, kaputte Türen, Totalausfälle: Die altersschwachen Flugzeuge der Bundesregierung sind immer anfälliger. Jetzt wird die Pannenflotte ausgetauscht. Im neuen Airbus reist Kanzlerin Merkel "ermüdungsarm" - und recht spartanisch. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,686788,00.html
ist unsere ReGIERung schon zu doof 1. Klasse zu buchen? Wieso eine neue Maschine? Die alte hoch versichern und dann kann mannoch ein gutes Geschäft mitmachen - wenn dann noch die komplette ReGIERung drin war, freut sich vermutlich halb Deutschland :-))))) Aber eigentlich egal, so lange draußen 'never come back airline' drauf steht ist es auch gut.
4. Wieso bekommt Deutschland nur den A340-300?
Tr1ple 31.03.2010
Komisch der US President bekommt eine neue 747-8. Der Tenno in Japan hat eine 747-400 genau so wie der Minister... Die Scheichsin Dubai haben dickere Flugzeuge als die Germanen! Ich bin für 4 neue A350-1000 oder 2 A380!
5. Thilo wohl ohnmächtig?
Hercules Rockefeller, 31.03.2010
Thilo und Guido sind wohl derzeit noch ohnmächtig ob der explodierenden spätrömischen Dekadenz? Man kann die Strecke schließlich auch mit dem Fahrrad zurücklegen, ging ja früher auch. Weshalb fliegen wir überhaupt erst weg? Soll die Welt doch zu uns kommen! Ein Katapult würde es auch tun, wir haben so viele Hartzer, die könnten auf Abruf das Gummiband spannen und die Kanzlerin einfach zum Osmanen rüberkatapultieren-wär auch besser für die Umwelt!
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