Neuer Ärger für den Verfassungsschutz Die Lügen-Legende der V-Frau Kirsti Weiß

Das Bundesamt für Verfassungsschutz gerät wegen einer seiner V-Leute erneut unter Druck. Pikanterweise outete sich diesmal eine V-Frau aus der linken Szene in Hannover selbst. Die Grünen werfen den Geheimen nun vor, die Regeln bei der Führung der Vertrauensperson bewusst übertreten zu haben. Sie fürchten sogar, selbst bespitzelt worden zu sein.

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Die V-Frau "Kirsti Weiß" ist mittlerweile untergetaucht. Sie soll über Jahre hinweg die linke Studentenszene in Hannover bespitzelt haben

Die V-Frau "Kirsti Weiß" ist mittlerweile untergetaucht. Sie soll über Jahre hinweg die linke Studentenszene in Hannover bespitzelt haben

Berlin/Hannover - Die Personenbeschreibung liest sich wie ein Fahndungsplakat. Unter dem großen Farbfoto auf der Website "indymedia" vermerken die Autoren, die Delinquentin sei 1,65 Meter groß, habe blaue Augen, eine besonders auffällige Narbe am Kinn und ein Tattoo am linken Schulterblatt. Zusätzlich weist der Aufruf auf den sächsischen Slang der Flüchtigen hin. Detailliert werden auch biografische Daten wie Geburtsort und -tag, schulische Ausbildung oder der berufliche Werdegang einer jungen Frau aufgeführt. Auffällig ist nur, dass unter den Personendaten zwei komplett unterschiedliche Biografien gibt - zuerst die von ihr selbst verbreitete "Legende" der Studentin mit dem Namen Kristi Weiß, darunter dann die angeblich "wahre Biografie" der Spionin, deren Name nicht bekannt und deren veröffentlichte Biografie lückenhaft ist.

Was jeder Internet-Nutzer in Deutschland über die "wahre Biografie" der jungen Frau mit den braunen Augen und den Strähnen im Gesicht lesen kann, wird die Verfassungsschützer in Köln nicht besonders freuen. Denn die Geschichte der Frau auf dem Foto, die sich an der Universität Hannover jahrelang als Kirsti Weiß aus Schwerin ausgab, könnte sich für die Geheimen vom Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) zu einer neuen V-Mann-Affäre ausweiten. Bestätigen sich die publizierten Behauptungen, werden sich die Informationsbeschaffer im Amt erneut unangenehme Fragen und den Vorwurf des Gesetzesbruchs bei der Führung ihrer V-Leute anhören müssen. Die Grünen im Landtag fordern schon jetzt, dass der Fall lückenlos aufgeklärt wird. Zur Not wollen sie den Fall bis nach Berlin in das geheime Parlamentarische Kontrollgremium (PKG) ziehen, und den Verfassungsschutz dazu zwingen, über seine V-Frau auszupacken.

Lebensbeichte in Italien

Das Ende der Legende von der linken Studentin Kristi Weiß begann mit einem Italien-Urlaub im August 2002. Plötzlich und vollkommen unerwartet packte die junge Frau dort in einer Art Lebensbeichte gegenüber einer Freundin aus. Die vermeintliche Studentin Weiß, in Hannover seit 1998 immatrikuliert für das Fach Sozialwissenschaft, gestand der Vertrauten unter Tränen, dass sie jahrelang für den Kölner Verfassungsschutz in der linken Szene gespitzelt hat und dafür auch monatliche Honorare bekam. Schein-Studentin Kirsti sollte demnach Informationen aus der radikalen, gewaltbereiten Studentenszene beschaffen und sie bei wöchentlichen Treffen an ihren Führungsbeamten abliefern. Dafür sei sie vom Verfassungsschutz in die Studenten-Szene eingeschleust worden.

Verfassungsschutz-Chef Heinz Fromm wird langsam Dauergast in Berlin, um heikle V-Mann-Einsätze zu erklären
DPA

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Vor allem aber sollte Kirsti Weiß nach eigenen Angaben im Auftrag der Geheimen die Anti-Expo-Bewegung beobachten, die sich personell mit dem Allgemeinen Studenten-Ausschuss (AStA) mischte. Bis auf ihren echten Vornamen Kirsti sei ihre gesamte Biografie vom Verfassungsschutz ausgedacht und als Legende mit falschen Dokumenten unterlegt worden, berichtete die Agentin der Freundin weiter. Nach Jahren der Spitzelei könne sie nun nicht mehr mit dem Geheimnis leben und habe deshalb ausgepackt. Kurz nach diesem mutigen Geständnis verschwand die Frau mit dem angeblichen Namen Kirsti Weiß. Keiner ihrer Freunde hat seitdem Kontakt zu ihr.

Agent als Pressesprecher des AStA

Der Fall Kirsti Weiß sorgt in Hannover für Aufruhr. Recht schnell distanzierte sich der landeseigene Verfassungsschutz am Montag von der angeblichen V-Frau und wies mit dem Finger nach Köln. Wenn überhaupt, müsste sie dort engagiert worden sein. Beim Bundesamt will niemand etwas zu dem Vorgang sagen, denn die Führung und die Existenz von V-Leuten wird nie öffentlich kommentiert. Im informellen Gespräch bestreiten viele Kölner Verfassungsschützer aber nicht, dass die Frau mit dem Decknamen Kirsti Weiß "auf irgendeine Weise" als V-Frau für das Bundesamt tätig war. Ob die Frau jedoch, wie sie selbst behauptet, als hauptberufliche Spionin aus einer Verwaltungslehre heraus vom Verfassungsschutz angeworben wurde und gezielt in die linke Szene eingeschleust wurde, blieb unklar.

Für die Grünen im Landtag ist das auch nicht der entscheidende Punkt. Die Karriere der Kirsti Weiß als Spitzel für das Bundesamt und gleichzeitig als Aktivistin in der Szene wirft für sie auch so genug Fragen auf. Denn Kirsti Weiß war nicht nur eine normales Mitglied in der auszuforschenden Studentenbewegung. Über zwei Jahre lang war sie Pressesprecherin des AStA und kam an alle Dokumente der Studenten, vor allem aber der an den AStA angeschlossenen politischen Gruppen heran. "Viel leitender als diese Position geht es dann ja schon nicht mehr", sagte die innenpolitische Sprecherin der grünen Landtagsfraktion, Silke Stokar, zu SPIEGEL ONLINE.

Schuf die Agentin die fehlenden Beweise?

Außerdem war die mutmaßliche V-Frau mehr als aktiv in der Anti-Expo-Bewegung. Nach Angaben von Mitstreitern war sie aktiv an der Planung von teils radikalen Stör-Aktionen gegen die Weltausstellung beteiligt und stachelte die jungen Aktivisten immer wieder zu solchen Störaktionen an. "Kirsti war eine aktive Frau im teilweise radikalen Widerstand mit durchaus nicht ganz gesetzestreuen Aktionen", sagte einer der Mitstreiter, der sich nun ausgehorcht, vor allem aber menschlich betrogen fühlt. Für die Grünen steht mittlerweile fest, dass Kirsti Weiß entgegen der geltenden Vorschriften für eine V-Frau eine leitende Rolle in der Bewegung hatte, die sie als Spitzel beobachten sollte.

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Doch damit sind die Vorwürfe an die V-Frau-Führer in Köln noch nicht zu Ende. Merkwürdige Details aus den Aktivitäten der Spitzel-Frau werfen ein grelles Licht auf die Arbeit der Agenten-Führer. So nahm die BfV-Frau auch aktiv an den Protesten gegen das atomare Zwischenlager in Gorleben teil. Im Jahr 2001 soll sie nach Angaben von Mitstreitern auch mit ihrem blauen Citroen CX, beladen mit Werkzeug für Störaktionen, ins Wendland gefahren sein. Damals kam sie fast als einzige an den strikten Polizeikontrollen vorbei und brachte die Ausrüstung für Schienenblockaden in das sogenannte "Hannover-Lager".

Just dieses Camp der Atom-Gegner wurde kurz darauf durchsucht und die Werkzeuge als Beweis für geplante gewalttätige Aktionen beschlagnahmt. Nach dem Outing der Kirsti Weiß erscheint ihre Rolle nun in einem ganz anderen Licht. "Es war doch offenbar so, dass sie die Werkzeuge dort absichtlich platziert hat, um den Behörden Beweise zu liefern", unkt ein Castor-Gegner. Auch wenn in dem Gedanken eine große Portion Verschwörungstheorie steckt, wollen die Grünen, dass der Verfassungsschutz diese Frage zumindest im geheimen Kontrollgremium aufklärt.

Spitzelte der Verfassungsschutz bei den Grünen?

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Und noch etwas wollen die Grünen möglichst schnell klären, denn es betrifft sie selbst. "Wir haben den Verdacht, dass die V-Frau auch Zugriff auf Interna aus unserer Fraktion hatte", sagt Innenpolitikerin Stokar. Der Grund für die Vermutung: Die V-Frau Kirsti Weiß wohnte mehr als ein Jahr in einer Wohngemeinschaft mit einer Mitarbeiterin aus der grünen Landtagsfraktion in Hannover. "Wenn sie sonst schon überall schnüffelte, warum nicht auch hier", mutmaßt Stokar nach dem Outing der Spionin. Stimmt der Verdacht der Grünen, könnte sich die Affäre zu einem Skandal ausweiten. Bisher waren die Ziele der Beobachtung der Verfassungsschützer radikale linke Gruppen oder braune Wehrsportgruppen und Vereine. Hat die V-Frau ihren Chefs jedoch auch Interna aus der grünen Partei verraten, bekommt die Affäre eine ungeahnte politische Schlagkraft.

Weil der Landesverfassungsschutz in Hannover sich für die Affäre nicht zuständig erklärt hat, wollen die Grünen den Fall nun nach Berlin tragen. Da für das Bundesamt in Köln der Bundestag zuständig ist, soll sich das dort tagende Parlamentarische Kontrollgremium (PKG) demnächst mit dem Fall beschäftigen - wenn auch nicht bei seiner nächsten Sitzung. Am Jahrestag der Terror-Anschläge von New York werden erst einmal andere Legenden auf den Tisch kommen: Dann müssen die Mitarbeiter des Behördenchefs Heinz Fromm vor den zur Verschwiegenheit verpflichteten Abgeordneten die ebenfalls erst kürzlich enthüllten V-Mann-Skandale innerhalb der NPD erklären. Wie im Fall Kirsti Weiß bestehen auch bei der Führung der Spitzel in der braunen Szene erhebliche Zweifel daran, ob die Vorschriften eingehalten wurden.



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