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Neuer Ärger um Stiftung: Vertriebenenvertreter unter Revanchismusverdacht

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Ärger um die Vertriebenenstiftung: Vertreter von SPD und Grünen erheben Revanchismusvorwürfe gegen zwei stellvertretende Mitglieder vom Bund der Vertriebenen. Auch der Zeithistoriker Peter Steinbach sieht das Gremium gefährdet - der Verband will davon nichts wissen.

Sudetendeutsche im Durchgangslager Wiesau: Neuer Arger um Vertriebenenstiftung Zur Großansicht
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Sudetendeutsche im Durchgangslager Wiesau: Neuer Arger um Vertriebenenstiftung

Berlin - Hartmut Saenger ist kurz angebunden. "Ich bin auf dem Sprung", sagt er. Dann ist da nur noch ein gleichmäßiges Tuten im Telefonhörer. Ist der Funktionär vom Bund der Vertriebenen (BdV) tatsächlich ein Revanchist, wie es seine Kritiker behaupten? Zu der Frage äußert sich der Betroffene nicht.

Auskunftsfreudiger ist sein Vertriebenen-Mitfunktionär Arnold Tölg, gegen den der gleiche Vorwurf erhoben wird. Im Interview mit dem Deutschlandfunk sagt der Chef der baden-württembergischen BdV-Landesgruppe an diesem Dienstag, er sei "in keinster Weise" ein Revanchist.

Worum geht es? Der BdV hat Saenger und Tölg als stellvertretende Mitglieder in den Stiftungsrat der Gedenkstätte gegen Vertreibung geschickt. Die Stiftung "Flucht, Vertreibung, Versöhnung" soll die komplizierte europäische Vertreibungsthematik darstellen. Jahrelang hat man um das Konzept gerungen - und nun sehen es Kritiker durch Saenger und Tölg in Frage gestellt. Der Zeithistoriker Peter Steinbach, wissenschaftlicher Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, spricht davon, die Sache sei "nicht nur eine Belastung, sondern eine Gefährdung".

Die konkreten Vorwürfe:

  • Saenger, Vizechef der hessischen BdV-Landesgruppe, hat am 5. September 2009 in der "Preußischen Allgemeinen Zeitung" geschrieben: "Der 1. September 1939 gilt als Beginn des Zweiten Weltkriegs und wird schon deshalb von Politik und Medien mit entsprechenden Reden und Bildern ins öffentliche Gedächtnis gerückt. Oft genug geschieht das unter Kurzformeln wie: 'der vom nationalsozialistischen Regime entfesselte Weltkrieg'. Solche Kurzformeln werfen naturgemäß mehr Fragen auf als beantwortet werden." Eine Antwort gibt Saenger selbst: "Der historische Kontext zum Sommer 1939 weist bei allen europäischen Großmächten eine erstaunliche Bereitschaft zum Krieg aus, um staatliche Ziele durchzusetzen oder Bedrohungen durch Bündnisse abzuwehren."
  • Tölg hat vor zehn Jahren in einem Interview mit der rechtslastigen Zeitung "Junge Freiheit" behauptet, wer über Zwangsarbeiterentschädigung spreche, müsse auch deutlich machen, "dass gerade die Länder, die am massivsten Forderungen gegen uns richten, genügend Dreck am Stecken haben, weil sie Hunderttausende deutscher Zwangsarbeiter in zahllosen Lagern hatten". Und: "Während in Nürnberg von den Siegern die deutschen Kriegsverbrecher zu Recht verurteilt wurden, haben die gleichen Länder bezüglich Zwangsarbeitern ähnliche Verbrechen begangen wie Hitler-Deutschland."

Im Deutschlandfunk wurde Tölg nun an diesem Dienstag gefragt, ob er Unrecht gegeneinander aufrechnen wolle. "Nein, überhaupt nicht", antwortete der Mann, der lange für die CDU im baden-württembergischen Landtag saß. "Ich weise nur auf Tatsachen hin, nichts weiter." Und die Behauptungen seines Kollegen Saenger? "Ich bin kein Historiker, ich habe die Quellenlage nicht studiert. Ich kann zu diesem Punkt keine Aussagen machen. Herr Saenger ist, ich kenne ihn, er ist ein qualifizierter Mann." Er habe "sicher Grund genug" für seine Aussagen: "Von allein findet er dazu nicht." Außerdem behauptete Tölg noch, der von Hitler ausgelöste Krieg habe Ländern, die Deutsche loswerden und vertreiben wollten, die Chance gegeben, ihre teilweise "schon 1848" gehegten Ziele zu verwirklichen.

Für Peter Steinbach dagegen ist die Sache klar: "Saenger und Tölg sind ohne Zweifel Relativisten." Er sieht in Tölgs Äußerungen eine Relativierung von Nazi-Verbrechen und das Ziel der Versöhnung in Gefahr: Man könne sich vorstellen, wie Tölgs Argumentation auf Polen und Tschechien wirke, sagte der Zeithistoriker ebenfalls dem Deutschlandfunk.

Dietmar Nietan, Außenpolitiker der SPD-Bundestagsfraktion, sprach in der "Frankfurter Rundschau" schon vor Tagen von "klar revanchistischen Positionen". Die Berufung der beiden lasse "daran zweifeln, dass der BdV ernsthaft und unvoreingenommen an Versöhnung interessiert ist". Er nannte es "schockierend", dass Saengers Beitrag "das Gerüst zugrunde liegt, das man bei Revanchisten immer findet" - Nazi-Verbrechen würden durch den Hinweis auf unbestreitbares Unrecht gegen Deutsche relativiert. Entweder gebe es im BdV eine Art "Quotierung für Hardliner und Revanchisten", oder der Verband wolle die Stiftung bewusst dazu nutzen, Nazi-Verbrechen zu verharmlosen, sagte Nietan der Zeitung.

Grünen-Chefin Roth sieht Ziel der Vertriebenenstiftung gefährdet

Der SPD-Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach hält die Äußerungen schlicht "für eine Schande". Er wurde auf Saenger und Tölg aufmerksam, als der Bundestag am 8. Juli zur Wahl der Stiftungsratsmitglieder aufgerufen war. En bloc sollten die 21 Mitglieder und ihre Stellvertreter bestimmt werden - doch Saenger und Tölg provozierten Protest der Opposition. Die SPD-Abgeordnete Angelica Schwall-Düren trat ans Rednerpult, um in einer persönlichen Erklärung Äußerungen von Saenger und Tölg wiederzugeben, dann der Grünen-Parlamentarier Volker Beck. Bei den Zitaten von Tölg vermerkt das Bundestagsprotokoll Lauterbachs Zwischenruf: "Ein Irrer." Dagegen ruft der Chef der baden-württembergischen CDU-Landesgruppe, Thomas Strobl: "Der ist untadelig." Lauterbach zu SPIEGEL ONLINE: "Ich war wirklich empört - für mich ist das aktenkundiger Revanchismus."

Auch von Grünen-Chefin Claudia Roth sind im Protokoll ungläubige Zwischenrufe vermerkt. Ähnlich wie Historiker Steinbach sieht sie das Ziel der Vertriebenenstiftung gefährdet. Mit der Wahl von Saenger und Tölg "geht das nicht enden wollende Trauerspiel in eine neue Runde", sagte Roth SPIEGEL ONLINE. "Beide sind nicht geeignet, den Stiftungszweck der Aussöhnung mit unseren Nachbarn voranzubringen."

Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nannte in der "Frankfurter Rundschau" die Entsendung der beiden "mit dem satzungsmäßigen Versöhnungsauftrag der Stiftung nicht vereinbar". Man werde dies nicht hinnehmen und bei der nächsten Präsidiumssitzung des Zentralrats besprechen. Silvio Peritore vom Vorstand des Zentralrats der Sinti und Roma sprach von einem "Affront". Saenger und Tölg spielten die deutsche Schuld an Hitlers "Rassenvernichtungskrieg" herunter. Das laufe auf die Umdeutung der Deutschen zu Opfern hinaus, wie sie "seit jeher Politik des BdV gewesen sei".

Steinbach sieht keinen Grund zum Nachgeben

Erika Steinbach, Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, weist die Kritik zurück. "Es ist ein Manöver, um etwas zu verhindern, was man nie wollte: diese Stiftung", sagt sie SPIEGEL ONLINE. Weder Saenger noch Tölg seien Revanchisten und die Zitate aus dem Zusammenhang gerissen. "Das zeigt, wie dürftig die Faktenlage ist - und wie komfortabel unsere Position als Bund der Vertriebenen." Wer etwas gegen die Berufung einzuwenden habe, könne die Stiftung verlassen, sagte sie der "Welt".

Auch Stephan Mayer, CSU-Bundestagsabgeordneter, BdV-Präsidiumsmitglied und künftig selbst Mitglied im Stiftungsrat, verteidigt Saenger und Tölg. Er könne die "sehr harsche Kritik" nicht nachvollziehen, sagte er SPIEGEL ONLINE. Beide habe er "als sehr überlegte und zurückhaltende Kollegen kennen gelernt": "Sie sind alles andere als Revanchisten, Hetzer oder Scharfmacher."

Für Mayer ist mit Blick auf die Kriegsschuldfrage klar: "Da gibt es nichts zu relativieren. Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen, das ist die historische Wahrheit." Es sei "irrsinnig, wenn jemand etwas anderes behauptet". Die nach dem Krieg an Deutschen begangenen "Gräueltaten" müsse man thematisieren, sagt der CSU-Politiker - "aber es darf nicht darum gehen, Unrecht gegen Unrecht aufzurechnen". Mayer ärgert, dass es nun wieder Unruhe um die Vertriebenenstiftung gibt: "Sie muss jetzt endlich einmal in Ruhe arbeiten können."

Noch Anfang des Jahres rangen FDP-Chef Guido Westerwelle und Vertriebenenpräsidentin Steinbach über Wochen miteinander. Steinbach wollte damals selbst in den Stiftungsrat einziehen, Außenminister Westerwelle aber suchte das mit Blick auf polnische Bedenken zu verhindern. Am Ende verzichtete Steinbach auf einen Sitz, handelte im Gegenzug aber zusätzliche Plätze für BdV-Vertreter heraus. CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich freute sich damals über eine "neue Architektur zur Stärkung des Bundes der Vertriebenen".

Mitarbeit: Sebastian Fischer

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Heimat?
sappelkopp 03.08.2010
Seltsam, dass die meisten Vertriebenen-Funktionäre ihre sogenannte "Heimat" nie gesehen haben. Die Generation, die noch Erinnerungen an die "Heimat" hat, stirbt ja auch langsam aus. Im Übrigen, es können die Kinder und Kindeskinder ja gern zurück in ihre "Heimat", die Grenzen nach Polen sind ja offen. Es hindert sie sicherlich niemand, sich dort niederzulassen. Seltsam, dass Menschen, die hier - also auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik - in dritter oder gar vierter Generation leben - so einen verschrobenen Heimatbegriff haben. Heimat hat nämlich nichts mit Herkunft zu tun. Zitat: "Für Mayer ist mit Blick auf die Kriegsschuldfrage klar: "Da gibt es nichts zu relativieren. Deutschland hat den Zweiten Weltkrieg vom Zaun gebrochen, das ist die historische Wahrheit." Es sei "irrsinnig, wenn jemand etwas anderes behauptet". Die nach dem Krieg an Deutschen begangenen "Gräueltaten" müsse man thematisieren, sagt der CSU-Politiker - "aber es darf nicht darum gehen, Unrecht gegen Unrecht aufzurechnen"." Ach, wenn es nicht darum geht, warum dann extra erwähnen?
2. Schwierigkeiten im Umgang mit der deutschen Sprache
Der Belgarath, 03.08.2010
Zitat von sysopÄrger um die Vertriebenenstiftung: Vertreter von SPD und Grünen erheben Revanchismusvorwürfe gegen zwei stellvertretende Mitglieder vom Bund der Vertriebenen. Auch der Zeithistoriker Peter Steinbach sieht das Gremium gefährdet -*der Verband will davon nichts wissen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,709903,00.html
Mir scheint hier hat so mancher Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Ein Revanchist ist, wer die Revision der Grenzen in Europa durch Waffengewalt fordert oder herbeiführen will. Daß dieser Fall vorliegt, dafür gibt es keinerlei Hinweis. Etwas ganz anderes ist der Vorwurf des "Relativierens". Der dürfte stimmen, hat aber überhaupt nichts mit "Revanchismus" zu tun! Eine Runde "Nachsitzen" für Politiker wie Redakteure wäre angemessen!
3. Frage
ernstjüngerfan 03.08.2010
Zitat von sysopÄrger um die Vertriebenenstiftung: Vertreter von SPD und Grünen erheben Revanchismusvorwürfe gegen zwei stellvertretende Mitglieder vom Bund der Vertriebenen. Auch der Zeithistoriker Peter Steinbach sieht das Gremium gefährdet -*der Verband will davon nichts wissen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,709903,00.html
Zitat von Tölg: "wer über Zwangsarbeiterentschädigung spreche, müsse auch deutlich machen, "dass gerade die Länder, die am massivsten Forderungen gegen uns richten, genügend Dreck am Stecken haben, weil sie Hunderttausende deutscher Zwangsarbeiter in zahllosen Lagern hatten". Und: "Während in Nürnberg von den Siegern die deutschen Kriegsverbrecher zurecht verurteilt wurden, haben die gleichen Länder bezüglich Zwangsarbeitern ähnliche Verbrechen begangen wie Hitler-Deutschland." Diskrete Frage; stimmt das etwa nicht, ist das die reine Lüge? Eigene Verwandschaft, die derartiges erleben mußte, könnte dies gerne bezeugen.
4. ....
Sveto 03.08.2010
Zitat von sysopÄrger um die Vertriebenenstiftung: Vertreter von SPD und Grünen erheben Revanchismusvorwürfe gegen zwei stellvertretende Mitglieder vom Bund der Vertriebenen. Auch der Zeithistoriker Peter Steinbach sieht das Gremium gefährdet -*der Verband will davon nichts wissen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,709903,00.html
Das eigentlich Lustige ist ja, wie man sich selbst im Zeitalter der Armenien(1915-1917)-Debatte noch windet, um den Völkermord an den Deutschen Ostmittel- und Osteuropas nur nicht (ganz juristisch-leidenschaftslos) als solchen bezeichnen zu müssen. Man kann das nämlich durchaus tun, ohne die durch ihn geschaffenen Fakten in Frage zu stellen (was ökonomischer Wahnsinn wäre)....
5. Revanchismus?
Exorzist 03.08.2010
Aufgabe der Geschichtswissenschaft ist es, herauszufinden, "was war". Ob tatsächlich auch die Kriegsgegner Deutschlands ein Interesse am Krieg hatten oder nicht und ob Polen nicht schon lange vor 1945 eine Westgrenze irgendwo an der Oder mit Vertreibung der östlich davon lebenden deutschen Bevölkerung plante, kann anhand allgemein zugänglicher Dokumente von Historikern geprüft werden. Ich halte solche Diskussionen für zulässig. Wenn dann Leute "Revanchismus" schreien, statt überzeugende Gegenargumente vorzulegen, ist dies eine intellektuelle Bankrotterklärung und ein ziemlich sicherer Hinweis, daß die historische Wahrheit sich gerade hier von den Schulbuchdarstellungen nicht unwesentlich unterscheidet.
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Streit um Vertriebenenstiftung: Einigung mit Steinbach

Ostgebiete und Vertriebene
Vorgeschichte
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Auf der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 einigten sich die Mächte der Anti-Hitler-Koalition auf das Potsdamer Abkommen . Die Gebiete östlich von Oder und Lausitzer Neiße wurden der Verwaltung Polens, das nördliche Ostpreußen der UdSSR unterstellt. Die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus Polen (einschließlich der bisherigen deutschen Ostgebiete), der Tschechoslowakei und Ungarn sollte "in humaner Weise" erfolgen. Über zehn Millionen Menschen waren aus ihrer Heimat geflüchtet oder wurden vertrieben. 473.000 Todesfälle bei Flucht oder Vertreibung sind belegt. Die DDR erkannte 1950 die Oder-Neiße-Linie im Görlitzer Vertrag als ihre Grenze zu Polen an. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag war eine Voraussetzung und machte den Weg frei für die Wiedervereinigung . 1990 gab die Bundesrepublik im Rahmen des Deutsch-Polnischen Grenzvertrags jegliche Gebietsansprüche auf die ehemaligen Ostgebiete auf.
Flucht und Vertreibung
Bis 1950, als die Hauptwelle verebbte, waren aus den größten Siedlungsgebieten mehrere Millionen Deutsche vertrieben worden: 2,1 Millionen aus Schlesien, 1,9 Millionen aus der Tschechoslowakei, 1,3 Millionen aus Ostpreußen, 891.000 aus Ostpommern, 410.000 aus Polen, 225.000 aus Danzig, 178.000 aus Ungarn, 158.000 aus der Sowjetunion, den baltischen Staaten und dem Memelland , 149.000 aus Rumänien, 148.000 aus Jugoslawien und 131.000 aus Ostbrandenburg. Mehrere hunderttausend Menschen starben während der beschwerlichen Reisen oder fielen Racheakten der Roten Armee zum Opfer.
Bund der Vertriebenen
Der Bund der Vertriebenen (BdV) ist der Dachverband der deutschen Vertriebenenverbände in der Rechtsform eines eingetragenen Vereins. Er erhebt den Anspruch, die Interessen der von Flucht, Vertreibung und Aussiedlung betroffenen Deutschen, unabhängig von einer Mitgliedschaft, wahrzunehmen. Präsidentin des BdV ist seit 1998 die Politikerin Erika Steinbach (CDU). Der BdV ist zweigliedrig in 21 Landsmannschaften , welche die Herkunftsgebiete der Vertriebenen repräsentieren, und in 16 Landesverbände für die Bundesländer organisiert. Insgesamt sollen rund zwei Millionen Mitglieder im BdV organisiert sein.
Ostpreußen
Ostpreußen war bis 1945 der östlichste Landesteil Deutschlands. 1945 wurde es unter vorläufige polnische Verwaltungshoheit gestellt und gehört seit 1990 auch völkerrechtlich zu Polen bzw. Russland. Als die Front des Zweiten Weltkrieges Ostpreußen erreichte, wurde die Evakuierung durch das Militär behindert und dadurch ein Großteil der Zivilbevölkerung unmittelbar in Kampfhandlungen verwickelt. Die Bevölkerung floh in Flüchtlingstrecks Richtung Westen, bis ihnen die Rote Armee bei Elbing am Frischen Haff den Landweg abschnitt. Tausende wichen auf das Eis aus und ertranken oder wurden ohne jegliche Deckung leichte Opfer von Jagdflugzeugen. Ein anderer Teil wurde über den Ostseehafen Pillau evakuiert. Insgesamt forderte die Flucht unter Kriegsbedingungen und der Winterwitterung sehr viele Tote. Es wird geschätzt, dass von den bei Kriegsende ca. 2,4 Millionen Bewohnern Ostpreußens ca. 300.000 unter elenden Bedingungen auf der Flucht ums Leben gekommen sind. Marion Gräfin Dönhoff , Armin Mueller-Stahl und Heinz Sielmann kamen ursprünglich aus Ostpreußen.
(Ost-)Pommern
Die Provinz Pommern gehörte zum preußischen Staat, der bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs als solcher existierte. 1945 wurde Hinterpommern einschließlich des Gebietes um Stettin von den Russen unter vorläufige polnische Verwaltung gestellt. Die deutsche Bevölkerung in den an Polen gefallenen Gebieten wurde aus ihrer Heimat vertrieben oder ausgesiedelt. Diese Maßnahmen wurden durch die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz im August 1945 bestätigt. Aus dem bei Deutschland verbliebenen Teil Vorpommerns wurde zusammen mit dem ehemaligen Freistaat Mecklenburg Anfang Juli 1945 auf Befehl der SMAD das Land Mecklenburg-Vorpommern gebildet, welches ab März 1947 nur noch Land Mecklenburg hieß. Nach der Verwaltungsreform in der DDR 1952 wurde das Gebiet Vorpommerns auf die Bezirke Rostock und Neubrandenburg und zu einem kleinen Teil auf den Bezirk Frankfurt (Oder) verteilt.
Ostbrandenburg (Neumark)
Ostbrandenburg (Neumark) ist eine östlich der Oder in Polen gelegene historische Landschaft. Sie gehörte bis 1945 zur preußischen Provinz Brandenburg . Im Frühjahr 1945 unterstellte die UdSSR das Gebiet der polnischen Zivilverwaltung. Durch die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz (Potsdamer Abkommen) vom Juli/August 1945 wurde das Gebiet offiziell Polen zugesprochen. Die noch ansässige deutsche Bevölkerung wurde bis 1947 fast vollständig vertrieben und per Dekret vom 6. März 1946 enteignet. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung, zumeist technische Spezialisten, wurde zurückgehalten und musste Zwangsarbeit leisten. Diese Personengruppe durfte Ostbrandenburg Anfang der fünfziger Jahre verlassen. An die Stelle der deutschen Bevölkerung traten zu etwa zwei Dritteln Zuwanderer aus Zentralpolen sowie zu etwa einem Drittel ebenfalls aus ihrer Heimat vertriebene Ostpolen und Ukrainer.
Schlesien
Schlesien ist eine historische Landschaft in Mitteleuropa beiderseits der Oder. Die preußische Provinz Schlesien war seit der deutschen Reichsgründung bis 1945 der südöstlichste Landesteil Deutschlands. Der größte Teil Schlesiens wurde von Russland nach dem Krieg unter vorläufige polnische Verwaltungshoheit gestellt und gehört heute völkerrechtlich zu Polen. Nur ein kleiner Teil Schlesiens gehört zum Freistaat Sachsen und ein weiterer zur Tschechischen Republik. Nach 1945 wurden in Schlesien überwiegend Polen aus Zentralpolen und aus den ehemals ostpolnischen Gebieten neu angesiedelt. 1947 kamen mehrere zehntausend Menschen im Rahmen der Aktion Weichsel aus Südostpolen nach Schlesien. Die DDR erkannte die neue Grenze zu Polen bereits 1950 diplomatisch an, die Bundesrepublik Deutschland erst indirekt 1972 und endgültig mit dem Deutsch-Polnischen Grenzvertrag . Joseph von Eichendorff und Dietrich Bonhoeffer waren Schlesier.
Sudetenland
Das Sudetenland ist eine vorwiegend nach 1918 gebrauchte Hilfsbezeichnung für ein Gebiet im tschechischen Teil der damaligen Tschechoslowakei, in dem überwiegend Deutsche nach Sprache und Herkunft lebten. Davon abgeleitet ist der Begriff "Sudetendeutsche" für die ehemaligen deutschsprachigen Bewohner des Sudetenlandes, der an die Stelle der älteren Begriffe "Deutschböhmen" und "Deutschmährer" trat. Insgesamt wurden nach Kriegsende drei Millionen der knapp über 3,2 Millionen Sudetendeutschen vertrieben. In die geräumten Regionen zogen überwiegend Tschechen aus dem Landesinnern und vorher von den Deutschen Vertriebene sowie Slowaken und Roma . Die meisten erhielten den Zuschlag auf die jeweilige zuvor von Sudetendeutschen oder Ungarn enteignete Immobilie unentgeltlich über ein Auslobungsverfahren, welches die Regierung unter der tschechischen und slowakischen Bevölkerung durchführte.

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