Ein Kommentar von Christoph Schwennicke
Angela Merkel hat vor fast zwei Jahren einen großen Fehler gemacht, der ihr jetzt zugute kommt: Sie setzte Christian Wulff gegen heftige Widerstände als Bundespräsidenten durch, wider alle Vernunft, nur von Parteiräson und Machtkalkül geleitet. Im Amt hat sich Wulff zweimal als der falsche Bundespräsident erwiesen: Erst zeigte er sich der Aufgabe intellektuell nicht gewachsen, dann holte ihn sein Faible für Mitnahmeeffekte aus seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident ein. Beides zusammen führte unweigerlich zum vorzeitigen Ende. Daher, klipp und klar: Angela Merkel hat den peinlichsten Bundespräsidenten in der Geschichte dieses Landes zu verantworten.
Dennoch kann die Kanzlerin froh sein, Wulff in das höchste Staatsamt gehievt zu haben. Man stelle sich nur einmal vor, Wulff wäre zum Zeitpunkt der Enthüllungen über Bonuskredite, Bobbycars und Urlaubseinladungen immer noch Ministerpräsident gewesen. Die CDU stünde in Flammen und unter Feuer. Weder die Kanzlerparteichefin noch ihre Partei hätte sich dagegen wehren können, mittendrin im Skandal des CDU-Spitzenmannes zu sein.
Weil der vormalige CDU-Ministerpräsident aber ins überparteiliche Amt entschwebte, greifen die Flammen jetzt nicht auf die CDU über. Mehr noch: Merkel steht wie die Gegenfigur zum notorischen Nehmer Wulff da, wie eine, der die reine Macht alles ist - der das Gepränge der Macht, deren Glamour und halbseidene Begleiterscheinungen, aber "nüscht" bedeuten. Eher stellt man sich Merkel in ihrem alten Golf auf der Autobahn von Berlin Richtung Datsche vor als im heißen Bemühen, den neuesten Q-Irgendwas von VW oder Audi direkt ab Werk vor die Tür gestellt zu bekommen.
Kommt jetzt also doch Joachim Gauck? Kann Merkel einfach die alte SMS von SPD-Chef Sigmar Gabriel wieder öffnen, der ihr vor zwei Jahren per Handy den Kirchenmann als überparteilichen Bundespräsidenten-Kandidaten vorgeschlagen hatte? Langsam.
Die Hobbyköchin Merkel weiß, dass Kohl besser schmeckt, "wenn er wieder aufgewärmt", wie es bei Wilhelm Buschs Witwe Bolte heißt. Jetzt auf den alten rot-grünen Personalvorschlag (eine ziemlich geniale Idee von Jürgen Trittin), zurückzukommen, würde zwar schal und abgeschmackt wirken. Auch würde Merkel bei den Unions-Wahlleuten den damals schon aufgekommenen Eindruck bestätigen, dass sie seinerzeit von der Kanzlerin zur Wahl des falschen Mannes getrieben wurden.
Merkels Stellungnahme zum Wulff-Rücktritt am Freitag aber macht klar: Es wird ein "Modell Gauck" sein, das die Kanzlerin erst in ihrer Koalition und dann mit SPD und Grünen ausgucken wird. Damit dürften zwei im Prinzip vorzügliche Kandidaten wegfallen, oder nur noch eine Restchance haben: SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Parlamentspräsident Norbert Lammert (CDU) brächten beide gute Voraussetzungen mit, ein starker Bundespräsident zu sein. Sie werden beide sowohl in der Union als auch in der SPD über die Parteigrenzen hinweg geschätzt. Aber am Ende würde ihre Kandidatur eben doch als parteipolitisch motiviert betrachtet.
Deshalb: Die Kandidatenkür muss sich am überparteilichen Prototypen Gauck ausrichten - aber eben unter Ausschluss Gaucks. Ihn selbst wird Merkel nicht zulassen, aber einen überparteilichen Kandidaten wie ihn braucht sie.
Ideen dazu sind im Anschluss an diesen Kommentar herzlich willkommen. Am Ende wird es wohl so sein wie seinerzeit, als Merkel einen Ersatz für ihren Regierungssprecher Ulrich Wilhelm suchte. Was wurden da nicht alles für Namen genannt - und am Ende ist es einer geworden, auf den vorher keiner kam.
So wird es wieder sein. Wetten?
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