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11. Februar 2011, 19:49 Uhr

Neuer EZB-Chef

Nehmt doch den Steinbrück!

Ein Kommentar von

Kanzlerin Angela Merkel verliert nicht nur den Bundesbank-Chef, sondern auch einen potentiellen Kandidaten für den Chefposten bei der Europäischen Zentralbank. Doch das Rennen um den Job muss für Deutschland noch nicht beendet sein. Es gibt noch eine Alternative.

Deutschland wollte den wichtigsten Posten in Europa mit einem Deutschen besetzen. Axel Weber sollte Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) werden. Inoffiziell war das zumindest der Plan. Dann hat er sich ein paar Mal gegen den europapolitischen Kurs der Kanzlerin gestellt. Sie wollte sich, wie es ihre Art ist, nicht frühzeitig öffentlich zu ihrem Kandidaten bekennen. Zögerte, wartete ab; Weber war beleidigt und warf die Brocken hin. So wird es in Berlin ziemlich glaubwürdig erzählt. Nun steht Deutschland ohne Bundesbank-Chef da - und damit auch ohne Kandidaten für die EZB.

Darf man die Chance verpassen, diesen Job mit einem Deutschen zu besetzen? Natürlich nicht. Deutschland als größtes Land in der EU ist in den europäischen Institutionen schlecht vertreten. Bei der Verteilung der EU-Kommissarposten wurde Berlin mit dem relativ unbedeutenden Ressort Energie abgespeist. Die strategisch wichtigen Top-Jobs in Brüssel auf Beamtenebene besetzen viele Franzosen, aber kaum Deutsche. Sie sind - gemessen an der Größe des Landes - eher Mangelware.

Hinzu kommt: Die europäische Zentralbank bestimmt über die Stabilität der Währung. Ein Deutscher könnte dort mäßigend auf den besonders in den Südländern ausgeprägten Hang zur lockeren Geldpolitik einwirken. Eine wachsweiche Währung hilft vielleicht den Schuldenmachern in Italien, nicht aber der Exportnation Deutschland.

Steinbrück kann das

Peer Steinbrück könnte Bundesbank-Chef. Vor allem aber könnte er EZB-Chef. Klar: Man kann ihm viel vorwerfen. Der Genosse wirkt oft besserwisserisch, leicht arrogant, oberlehrerhaft. Aber richtig ist auch: Steinbrück ist ein unabhängiger Kopf, das hat er immer wieder bewiesen, zuletzt im Streit mit seiner eigenen Partei. Was will man mehr für den Chefposten der unabhängigen Zentralbank?

Steinbrück ist Finanzexperte. Er war lange Landesfinanzminister, er war Bundesfinanzminister. Er hat einen guten Job gemacht. Er kennt die wichtigsten Player auf der europäischen Bühne. Er ist auch in anderen europäischen Ländern anerkannt (nicht in der Schweiz, aber die gehört ja nicht zum Euro). Er kennt die Innereien der Finanzkrise, der Eurokrise. Er kann Dinge durchsetzen. Das hat er immer wieder bewiesen.

Hat so jemand eine Chance? Bundesregierung und SPD könnten sich zusammenraufen, parteipolitische Erwägungen, Taktiken vergessen und einfach gemeinsam zupacken. Es könnte klappen. Man muss nur wollen. Einen Versuch ist es wert.

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