Neuer FDP-Chef Lindner Aufbau von ganz unten

Nach dem Rauswurf aus dem Bundestag wirken die Liberalen ratlos. Christian Lindner muss seine Partei wieder aufrichten - und sagt jetzt schon Rückschläge und Enttäuschungen voraus. Von der AfD grenzt sich der neue FDP-Chef scharf ab.

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Berlin - Am Ende hat Christian Lindner die meisten Delegierten von den Sitzen gerissen. "Die Zeit der Trauerarbeit ist in der FDP zu Ende. Ab heute bauen wir vom Fundament neu auf", ruft er in den Saal. Da ist klar - der 34-Jährige wird der künftige Vorsitzende. Seine beiden Gegenkandidaten - Jörg Behlen aus Hessen und Götz Galuba aus Berlin - hatten schon zuvor keine Chance. Nach diesem Auftritt sind sie nur noch Zählstatisten. Lindner erhält 79,04 Prozent - kein berauschendes, aber ein ordentliches Ergebnis.

Seine beiden männlichen Vizes Wolfgang Kubicki und Uwe Barth werden wenig später auf 89,87 beziehungsweise 87,3 Prozent kommen - allerdings ohne Gegenkandidaten.

Christian Lindner wird das verschmerzen können. Am Abend zuvor hatte mancher Liberale auf einem Pressetreffen mit einem schlechteren Ergebnis gerechnet. Unumstritten ist Lindner nicht, seitdem er einst als Generalsekretär der Bundespartei zurücktrat.

Nun also FDP-Chef. Mit 4,8 Prozent war die Partei im September erstmals in der Geschichte aus dem Bundestag geflogen, in vier Jahren will Lindner sie wieder dorthin bringen. Er weiß, auf was er sich eingelassen hat. Das sei ein weiter Weg, der gesäumt sein werde von "Widerständen, Rückschlägen und Enttäuschungen". Seine Planung als Landes- und Fraktionschef der NRW-FDP sah anders aus - von der Ferne aus wollte er eigentlich die Bundespolitik begleiten.

Jetzt ist er mittendrin, muss seine FDP wieder aufrichten. In seiner Bewerbungsansprache folgt er im Kern alten FDP-Botschaften: Bekenntnis zur Marktwirtschaft, zum Mittelstand, zum Privateigentum, zum Schutz der Privatsphäre. Die FDP müsse nicht fürchten, für das bekämpft zu werden, wofür sie einstehe. "Sie muss nur fürchten, für nichts zu stehen", ruft er.

Im Mai sind Europawahlen. Lindner grenzt sich ab gegen die schärfste Konkurrenz: Man wäre "verrückt", würde man der "national-ökonomischen Bauernfängertruppe" der AfD "hinterjagen". Würde die FDP "nur einen Zentimeter in Richtung Eurohasser gehen, wir würden unsere ökonomische Kompetenz verlieren, aber vor allem unsere Seele". Die Partei setzt Zeichen. Der Eurokritiker Frank Schäffler scheitert bei der Wahl als Vize ins Präsidium. Mit knapp 25 Prozent unterliegt er gegen Agnes-Marie Strack-Zimmermann, die 71 Prozent erhält und dritte Vize hinter Lindner wird.

Die Partei der Sparsamkeit

In Berlin tagt die FDP auf einem ehemaligen Eisenbahngelände in Berlin-Kreuzberg, die Decke in der Halle durchziehen Kabel und Lüftungsrohre. Die Zahl der Unternehmen, die als Sponsoren mit Ständen auftreten, ist auf das Übersichtlichste geschrumpft. Außerparlamentarische Opposition, das heißt vor allem - die Partei muss sparsam sein. Die FDP wirkt ratlos, die Aussprache zur Wahlniederlage gerät zeitweise lustlos. Mehrmals muss das Tagungspräsidium zur Ruhe ermahnen, weil die Delegierten kaum zuhören. Der neue Chef der Jungen Liberalen, Alexander Hahn, stellt gleich zu Beginn fest, die alte Führung sei so zerstritten aufgetreten, "dass man sich als jahrelanges Mitglied nur an den Kopf fassen kann". Nicht alle Redner sind so schonungslos wie der Ex-Bundestagsabgeordnete Jimmy Schulz aus Bayern: "Wir haben es über vier Jahre vergeigt." Manch einer beklagt die "Bettelkampagne" in den Schlusswochen vor der Wahl, andere hadern mit dem Umgang durch die Union, auch mit der Kanzlerin und der Fixierung auf Schwarz-Gelb. "Ich habe die Schnauze voll, an Muttis Rockzipfel zu hängen", ruft der frühere Bundestagsabgeordnete Michael Kauch.

Es ist auch ein Tag der Schuldeingeständnisse. Philipp Rösler, der scheidende Parteichef, bekennt, es sei ihm nicht gelungen, ein "Team zu bilden" und die Partei zu motivieren. "Es tut mir leid, dass ich ihre Erwartungen nicht erfüllen konnte", sagt er. Als Mitschuldiger an der Misere schwingt bei ihm unausgesprochen der Name des früheren FDP-Chefs Guido Westerwelle mit. Der Noch-Außenminister sitzt auf dem Podium, schüttelt während Röslers Rede den Kopf, als dieser analysiert, die Ursache für die Niederlage liege "vielleicht" im Jahr 2009 und in den Jahren davor. "Wir dürfen nie wieder nur ein großes, starkes Thema haben - das ist zu wenig für eine liberale Partei in Deutschland", sagt Rösler in Anspielung auf die Steuersenkungspläne der Westerwelle-Ära.

Rainer Brüderle, der Spitzenkandidat im Bundestagswahlkampf, ist seit 40 Jahren in der FDP. Bei Brüderle, der wegen angeblicher Anzüglichkeiten gegenüber einer "Stern"-Reporterin für Schlagzeilen sorgte, der sich vor dem Wahlkampf Bein und Arm brach und nach kurzer Pause mit Schmerzen durchs Land tourte, hallt die Verbitterung nach. "Es gab in Teilen der Öffentlichkeit eine Vernichtungssehnsucht gegen uns, auch gegen mich persönlich", ruft er. Auch er räumt, wie Rösler, Fehler ein. Nach der Landtagswahl in Bayern habe der Schwung gefehlt, auch die Zuspitzung auf die Zweitstimmenkampagne sei ein Fehler gewesen - "dazu stehe ich".

Der Abgang der alten Führung endet unspektakulär. Für Rösler erheben sich die Delegierten zum Schlussapplaus. Dann ist seine glücklose Ära vorbei. Lindner kann kommen.

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Deep Thought 07.12.2013
1.
Klar, ähem.... Geht es vielleicht auch ein wenig kleiner???? Dieser grössenwahnsinnige Satz sagt doch alles über Lindner aus - und wird ihm in 1-2 Jahren spätestens genau so auf die Füße fallen, wie das Großmannssüchtige " Ab heute wird geliefert!" von einem anderen der erbarmungswürdigen Sprücheklopfer- Boygroup, dem Herrn Rösler. Die Tatsache, dass man so einen vernünftigen Mann wie Scheffler so indirekt mit den angeblichen "Europahassern" der AfD gleichsetzt, zeugt von em gleichen Unvermögen, integrierend zu wirken, wie die hochnotpenliche Demagogie des Begriffs " Eurohasser" , die zeigt, das Lindner nicht der Vermeintliche Intellektuelle ist, für den ihn ( noch) viele halten, sondern nur ein weiterer Sprücheklopfer. Leutheuser- Schnarrenberger wird wieder einmal ins Aus gedrängt - ein klares Zeichen, dass Lindner MITNICHTEN den "Ballast" alter liberaler Überzeugungen, sondern nur sich selber und seine Karriere im Auge hat. Er ist heute als Tiger gesprungen - und wird nicht einmal als Teppichvorleger landen.
Liberalitärer 07.12.2013
2. Another one bites the dust
Zitat von sysopREUTERSEr muss seine Partei wieder aufrichten - und sagt jetzt schon Rückschläge und Enttäuschungen voraus. Christian Lindner hat es schwer. Denn nach dem Rauswurf aus dem Bundestag wirken die Liberalen ratlos. Von der AfD grenzt sich der neue FDP-Chef scharf ab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/neuer-fdp-chef-lindner-muss-die-liberalen-neu-ordnen-a-937801.html
Das Thema ist für mich gegessen. Die Partei hat leider jeden Ansatz für politischen und menschlichen Stil verloren, Herrn Lindner nehme ich da aus. Ich tue mich sehr schwer damit, so genannten Islamkritikern, Homophoben und EU Hassern mein Kreuz zu schenken. Aber man wird das überdenken müssen. Das ist für mich keine liberale Partei mehr.
ohne_benutzername 07.12.2013
3. Linder = weitermachen wie zuvor
Außer der Mann dreht seine persönlichen Werte jetzt um 180°, wird die FDP nur noch weiter absinken, dann können die bald zusammen mit der NPD darum kämpfen, wenigstens noch 1,5% zu bekommen, während ein Großteil der Wähler nur noch lachen kann über ihre Aktionen ....
Vordenker 07.12.2013
4.
Zitat von sysopREUTERSEr muss seine Partei wieder aufrichten - und sagt jetzt schon Rückschläge und Enttäuschungen voraus. Christian Lindner hat es schwer. Denn nach dem Rauswurf aus dem Bundestag wirken die Liberalen ratlos. Von der AfD grenzt sich der neue FDP-Chef scharf ab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/neuer-fdp-chef-lindner-muss-die-liberalen-neu-ordnen-a-937801.html
Herr Lindner sollte erst mal erklären, wo die 1.500.000 Euro Subventionsgelder für sein insolvent gegangenes IT-Start-up geblieben sind. Nach dieser Insolvenz hat er nur noch Geld über die FDP verdient. Politiker sind ja nicht schlecht bezahlt. Einen anderen Job dürfte er ohne jegliche Ausbildung schwerlich bekommen, außer als Sektenprediger. Aber da ist er ja jetzt an der richtigen Stelle. Vorschlag zur Güte: FDP auflösen!
nightwarrior 07.12.2013
5. Alte Klicke
Herr Lindner gehört, wie Herr Kubicki, zur alten Klicke der FDP-Führungsrige, die die FDP abgewirtschaftet hat. Die FDP ist innerhalb von 4 Jahren Regierung zu einer reinen Lobby-Partei der Banken und Konzerne mutiert. Und mit Herrn Lindner ist keine Änderung in Sicht. Die FDP ist überflüssig geworden!
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