Neuer Leiter für Rütli-Schule Trouble-Shooter aus Reinickendorf

Die berühmt-berüchtigte Rütli-Schule hat einen neuen Rektor: Helmut Hochschild aus Berlin-Reinickendorf ist wohl der erste per Pressekonferenz präsentierte Schulleiter. Allerdings ist Hochschild nur für drei Monate installiert. Danach geht die Suche weiter.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Draußen hagelt und donnert es, drinnen im Halbparterre des Gebäudes Beuthstraße 8 in Berlin-Mitte, Senatsschulverwaltung Berlin, wird derweil der Heiland in sein Amt eingeführt. Mindestens. Dicht gedrängt stehen die Journalisten einander auf den Füßen, alle blicken nach vorn. Denn vorn sitzt der Messias. Er heißt Helmut Hochschild: "Ich bin nicht der Bundeskanzler. Ich bin kein  Feuerwehrmann. Ich bin gelernter Lehrer", gibt er sich bescheiden. Helmut Hochschild wird ab sofort die Leitung der Rütli-Schule in Berlin-Neukölln übernehmen.

Rektor Hochschild: "Wir" geht ihm schon glatt über die Lippen
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Rektor Hochschild: "Wir" geht ihm schon glatt über die Lippen

"Einen der schwersten Jobs Deutschlands", nennt es die "Bild"-Zeitung. Aber die nennt die Hauptschule in der Rütlistraße auch "Terror-Schule". Hochschild dürfte der erste Rektor Deutschland sein, der auf einer Pressekonferenz vorgestellt wird.

Helmut Hochschild, 49 Jahre alt und Vater zweier Kinder, trägt schwarzes Jackett, weißes Hemd, dunkle Hose. Er lächelt viel. Ein bisschen sieht er aus wie der TV-Lehrer Doktor Specht: Drahtige Figur, energisches Kinn, grau melierte Haare. Seit vergangenen Donnerstag, dem Tag, an dem der Hilferuf des Rütli-Kollegiums öffentlich wurde, ist er der Auserwählte.

Denn eines der dringendsten Probleme der Schule, die vor der Gewalt ihrer Schüler kapitulierte, war, dass die Schulleitung seit geraumer Zeit nur kommissarisch tätig war. Zehn Jahre lang war es nicht möglich, die Stelle des Konrektors zu besetzen; zuletzt fiel die langjährige und allseits angesehene Rektorin wegen Krankheit aus und eine aus Lehrern bestehende adhoc-Schulleitung führte an Geschäften, was noch zu führen war - bis sie schließlich einen Brandbrief verfasste, weil sie sich nicht anders zu helfen wusste.

Messias für drei Monate

Die Ernennung von Hochschild ist eine Sofortmaßnahme des Schulsenators Klaus Böger (SPD), der ansonsten in der Kritik steht, weil der Hilferuf der Rütli-Schule ihm nicht einmal vorgelegt wurde. Hochschild, gebürtiger Reinickendorfer, hat 13 Jahre Erfahrung als Leiter einer Hauptschule in seinem Heimatbezirk. Noch wichtiger: Diese Schule gilt als gelungenes Beispiel dafür, dass eine gute Leitung eine Hauptschule nach oben bringen kann. Hochschilds Vorzeigeprojekt sind sogenannte Schüler-Firmen: Sie verkaufen und bauen Möbel, Papier, Tinte. Die Schüler lernen kaufmännisches Denken und Handeln. Das macht sie später leichter vermittelbar. Sie müssen sorgfältig arbeiten, sind beteiligt an einem Projekt.

Jeder Fünfte seiner Abgänger bekommt einen Ausbildungsplatz. Im letzten Jahrgang traf dies auf genau null Rütli-Schüler zu.

Natürlich wird Hochschild so etwas in Neukölln nicht hinbekommen. Er ist nämlich zunächst nur bis zum Sommer installiert. Das ist der Haken an der ganzen Sache. Er ist der Trouble-Shooter für den Moment.

Trotzdem macht Hochschild den Eindruck, als könne ihm das Spaß machen: Jetzt mithelfen, den langen Weg abzustecken, den die Rütli-Schule vor sich hat, wenn sie von ganz unten wieder ein Stückchen nach oben will. "Ich habe ein Problem, das viele Lehrer haben: Ich will helfen", sagt er.

Als er zum ersten Mal seine neue Wirkungsstätte betreten habe, habe er "Chaos" erwartet, berichtet er. Er habe aber "ein nicht depressives Kollegium" vorgefunden und eine Versammlung von 24 Klassensprechern erlebt, die "sehr angenehm" war - auch, weil die Schüler "ganz klar gesagt haben, die Schule soll nicht aufgelöst werden". Ansatzpunkte für Lösungen seien da, sagt der Neue. Aber konkret wird er auch auf Nachfrage nicht: "Wir sammeln noch", sagt er schwammig, "Unterstützung von Außen" werde benötigt. Neue Stellen zum Beispiel. Was soll er auch sagen. Ein paar Monate: Das ist nicht viel Zeit, um eine Schule umzukrempeln.

Balsam für geschundene Lehrer-Seelen

Sehr deutlich aber nimmt er die Rütli-Schule dafür in Schutz: "Für die Schule kommt es jetzt darauf an, nicht stigmatisiert zu werden", sagt er. Die Presse bekommt kräftige Schelte für das Unwort von der "Horror-Schule". Sogar ein "wir" geht ihm schon glatt über die Lippen, wenn er über "die Rütli" spricht.

In diesem Sinne fielen auch seine ersten Maßnahmen aus: Die Polizei bat er, nicht länger um die Schule herum zu patrouillieren. Am Freitag schickte er die Schüler früher heim, um eine ausführliche Konferenz mit dem Kollegium abzuhalten. "Ich erlebe ein rühriges Kollegium", sagte er im Anschluss laut "Tagesspiegel" - Balsam für die geschundenen Lehrerseelen.

Auch, dass er als erster das Problem der Rütli-Schule in Zahlen gepackt hat, dürfte helfen bei der Suche nach Lösungen und Verständnis: Nicht die 83 Prozent Ausländeranteil sind die Zahl, an der alle Probleme festgemacht werden können, hat Hochschild klar gemacht, sondern "30 bis 40 Schüler", die "wirkliche Probleme hätten".

Jetzt, sagt er, komme es auf die pädagogische Arbeit an. Sie müsse wieder in den Mittelpunkt rücken. Keine Pressekonferenzen mehr, sagt er, und das Herumlungern der Journalisten vor der Schüle, bitte schön, vielleicht könnte man das auch einstellen. Das wünscht sich auch die mitangereiste Schülersprecherin Katrin al-Mahmoud. "Ich wünsche mir, dass nur die Wahrheit über unsere Schule geschrieben wird."

Dann ist die Pressekonferenz vorbei. Der Auserwählte macht sich auf den Weg. Wahrscheinlich fährt er auf dem Motorrad davon, das die "Bild"-Zeitung heute Morgen ausfindig gemacht hat. Wider Erwarten allerdings ist genau das ein Punkt, der Hochschild nicht von seiner Vorgängerin, der kommissarischen Schulleiterin Petra Eggebrecht, seit 36 Jahren im Dienst der Rütli-Schüler, unterscheidet: Auch sie fährt Motorrad.



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