Von Florian Gathmann
Berlin - Die Grünen waren lange uneins, ob sie sich eine Spitzenkandidaten-Urwahl antun sollten. Die Differenzen zwischen den Bewerbern sind klein, der Aufwand der Mitglieder-Befragung groß, der Ertrag ungewiss. Doch ein positiver Effekt ist schon zu erkennen: Die Grünen verzeichnen zwei Wochen nach dem Urwahl-Votum eine Mitglieder-Welle wie lange nicht mehr. Bis Mittwoch gingen seitdem bundesweit 198 Anträge auf ein grünes Parteibuch ein. Damit kommen die Grünen aktuell (Stand 2. September) auf 59.358 Mitglieder.
Eine ähnlich positive Dynamik hatte die Partei im Jahr 2010 - innerhalb von zwölf Monaten verzeichneten die Grünen rund 7000 Neueintritte - und bis ins Frühjahr 2011 erlebt, als sie in den Umfragen nahe an die 30-Prozent-Marke stieß und sie mit Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg das Amt des Ministerpräsidenten eroberte. Doch dann nahm die öffentliche Zustimmung für die Grünen wieder ab, in Berlin scheiterte Renate Künast beim Angriff auf den Regierungsposten - und das Mitglieder-Wachstum stagnierte.
Nun scheint das Interesse an einem Grünen-Parteibuch wieder größer zu sein. "Für viele war die Befragung der Basis offensichtlich noch einmal Motivation, in unsere Partei einzutreten", sagt Steffi Lemke, politische Geschäftsführerin der Grünen. "Unsere Urwahl kommt nicht nur in der Partei gut an."
Wer bis vergangenen Montag aufgenommen wurde, darf als Neu-Mitglied schon an der Urwahl teilnehmen. Bis 30. Oktober soll die grüne Basis darüber abstimmen, welche beiden Personen die Partei in den Bundestagswahlkampf führen sollen. Dass die Neueintritte Auswirkungen auf das Ergebnis haben könnten, erscheint allerdings als unwahrscheinlich.
Ein Blick in die Mitglieder-Statistik zeigt schon in den Wochen vor der Urwahl-Entscheidung wieder einen deutlichen Partei-Zuwachs: Im August, als immer mehr prominente Grüne sich für eine Befragung der Basis öffentlich stark machten, traten rund 200 neue Mitglieder bei. "Gelebte Basisdemokratie kommt eben an", sagt Geschäftsführerin Lemke.
Grüne wollen FDP und Linke überholen
Seit 2005 hat die Partei ihre Mitgliederzahl um fast 15.000 erhöht - und wenn die Grünen nun ihre zwischenzeitige Stagnation überwunden haben, scheint sogar das ehrgeizige Ziel von Parteimanagerin Lemke wieder in Sicht: Sie will demnächst die Linkspartei und die FDP überholen. Die Linke schrumpft vor allem aufgrund der Altersstruktur ihrer Mitglieder, zum 30. Juni kam sie noch auf 67.400. Noch näher ist aus Sicht der Grünen allerdings die FDP gerückt: Sie verzeichnete zum gleichen Stichtag nur noch 60.181 Mitglieder. Noch vor anderthalb Jahren kamen Linke und Liberale auf jeweils rund 70.000 Mitglieder.
Allerdings scheint den Grünen mit den Piraten nicht nur um im Kampf um Wählerstimmen ein neuer dynamischer Konkurrent entstanden zu sein: Die Piratenpartei kommt aktuell auf rund 33.000 Mitglieder - etwa dreimal so viele wie noch vor einem Jahr.
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