Neues Führungsduo der Grünen Zwei wie Pech und Schwefel

Die neue Parteichefin der Grünen heißt - nach zweijähriger Pause - wieder Claudia Roth. Zum ersten Mal übernimmt damit eine Bundestagsabgeordnete den Parteivorsitz. Für Reinhard Bütikofer, den Mann an ihrer politischen Seite, geht damit die Zeit der faktischen Alleinherrschaft zu Ende.

Von Dominik Baur, Kiel


Führungsduo Roth und Bütikofer: "Wir werden zusammenhalten"
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Führungsduo Roth und Bütikofer: "Wir werden zusammenhalten"

Kiel - Claudia Roth steht rechts neben dem Podium und wartet. Mal schaut sie auf die Übertragungsleinwand über sich, mal umarmt sie Grünen-Chef Reinhard Bütikofer, um sich kurzzeitig den Blicken der Kameraleute und Fotografen zu entziehen, die sich um die beiden geschart haben. Schließlich ist es soweit. Das Abstimmungsergebnis erscheint auf der Leinwand: 528 Delegierte haben für die Politikerin gestimmt, 99 gegen sie, 51 haben sich enthalten. Mit einer Zustimmung von 77,8 Prozent ist Roth zur neuen Vorsitzenden der Grünen gewählt worden.

Claudia Roth ist also zurück. Auf dem Parteitag in Kiel haben die Grünen sie wieder in das Amt gehoben, aus dem sie eine dogma-treue Sperrminderheit vor zwei Jahren gekippt hatte. Damals waren Roth und ihr Mitvorsitzender Fritz Kuhn nach ihrem Einzug in den Bundestag an der Trennung von Amt und Mandat gescheitert.

Was die Delegierten des Parteitages vor zwei Jahren nicht schafften, haben inzwischen die Grünen-Mitglieder in einer Urabstimmung vollzogen: Die Trennung von Amt und Mandat ist mittlerweile für einen Teil des Bundesvorstands der Partei aufgehoben - der Weg für Roth war also wieder frei, zumal die zwischenzeitliche, wenig erfolgreiche Parteichefin Angelika Beer sich ins Europaparlament abgesetzt hat und nicht mehr kandidierte.

"Warum tut sie das?", leitete Noch-Ex-Vorsitzende Roth ihre Bewerbungsrede ein. Und dann folgte ein engagiertes Referat über die unstrittigen Grundsätze grüner Politik. Über die Zukunft der Partei, sprach die Grüne aus dem bayerischen Schwaben da, erklärte, warum die Grünen glaubwürdiger sind als andere Parteien, wetterte gegen den "schwarzen Muff" der Union und die Leitkultur eines Edmund Stoiber, prangerte die Benachteiligung der Frauen an, warnte vor Plänen der Opposition, neue Atomkraftwerke zu bauen, und erinnerte an Überschwemmungsopfer in Bangladesch und Hurrikangeschädigte in Haiti, die die Leidtragenden einer verfehlten Klimapolitik in den Industrieländern sind.

"Männer mit der Quote erzogen"

Und warum nun also sollen die Delegierten ausgerechnet sie wählen? Diese Frage beantwortete die Kandidatin freilich nicht. Brauchte sie aber auch gar nicht. Die Person spricht für sich. Claudia Roth sagt genau das, was die Grünen hören wollen. Klare Worte, die doch niemanden - weder Realo, noch Fundi - verprellen. Vollends geht den Delegierten das Herz auf, wenn Roth etwa die linken Populisten Oskar Lafontaine und Gregor Gysi dazu aufruft, sich einen Beispiel zu nehmen an "den grünen Männern, die mit der Quote erzogen wurden": "Die laufen nicht davon. Die zeigen Standfestigkeit."

Grünen-Chefin Roth: Versteht es, die grüne Seele zu streicheln
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Grünen-Chefin Roth: Versteht es, die grüne Seele zu streicheln

Die Frau, die da vorne ganz in rot gehüllt am Pult steht, ist grünes Herzblut pur. Roth versteht es, die Seele der gesamten Partei zu streicheln wie sonst kaum jemand. Schon während ihrer ersten Amtszeit wurde sie stets für ihre Integrationsfähigkeit gelobt. Sie gilt zwar als Linke, genießt aber weit über den Parteiflügel hinaus große Sympathie bei der gesamten Partei. Nicht umsonst galt das Duo Roth-Kuhn als das erfolgreichste und beliebteste in der Geschichte der Grünen.

Bei dem tosenden Applaus mit dem die Delegierten, die Rede begrüßten, ist das Ergebnis schon fast enttäuschend - im Jahr 2000 hatte die Politikerin noch mit 91,5 Prozent das beste Ergebnis in der Parteigeschichte eingefahren. Enttäuscht ist die 49-Jährige trotzdem nicht. Ein "supergutes Ergebnis" seien die 77,8 Prozent, sagt Roth nach der Wahl. Es gebe halt immer noch einige Delegierte, die ein Problem damit hätten, dass sie ihr Bundestagsmandat behalte.

Etwas besser als Roth schneidet kurz darauf Reinhard Bütikofer, die männliche Hälfte des Führungsduos, ab. Mit 85 Prozent der Stimmen bestätigt der Parteitag den Vorsitzenden im Amt. Gemeinsam mit Beer vor zwei Jahren als "Verlegenheitskandidat" ins Amt gekommen, hat sich der gebürtige Mannheimer nach Ansicht der meisten Grünen überraschend gut bewährt.

Brückenbauer und Putin-Kritiker

Selbst sieht sich Bütikofer, der keinem Parteiflügel zugerechnet wird, als "Brückenbauer", der dafür sorgen möchte, dass sich die ganze Partei im Bundesvorstand wiederfindet. Gleichzeitig aber verspricht der Parteichef auch, von Zeit zu Zeit unbequem zu sein und sich "hinzustellen und nein zu sagen". Dass Bütikofer das Versprechen nicht einlösen könnte, dürften die wenigsten Grünen befürchten: Dieser Tage erst musste sich Bütikofer die scharfe Kritik des sozialdemokratischen Koalitionspartners anhören, nachdem er einen offenen Brief unterschrieben hatte, der heftig mit dem russischen Präsidenten und Kanzlerfreund Wladimir Putin ins Gericht gegangen war.

"Wir werden ein Team sein, das zusammenhält wie Pech und Schwefel", verspricht Bütikofer, als er seine Wiederwahl annimmt. Doch ein wenig dürfte ihm vor der Zukunft an Claudia Roths Seite auch bange sein. Schließlich hatte er sich in den zwei Jahren mit der blassen Ko-Vorsitzenden Beer daran gewöhnt, das Parteizepter allein in der Hand zu halten - wenn freilich auch in starker Abstimmung mit dem grünen Übervater Joschka Fischer und den beiden Fraktionschefinnen Krista Sager und Katrin Göring-Eckardt. Jetzt hat er eine Parteichefin an seiner Seite, die ihre Meinung für gewöhnlich lautstark kundtut. Und damit nicht genug: Roth ist die erste Parteichefin der Grünen, die - anders als Bütikofer - auch regelmäßig im Bundestag sprechen kann.

Auch der Hoffnung Bütikofers, es werde künftig eine Arbeitsteilung geben, wonach er sich weiterhin um die Wirtschaftsthemen kümmern werde und Roth ihr Spezialgebiet Menschenrechte bestelle, erteilte seine Partnerin schon vorab eine Absage. "Grundsätzlich sind wir beide erst einmal für alles zuständig", betonte sie unmissverständlich. Doch noch nimmt Bütikofer solche Bemerkungen gelassen.

Etwas frustriert schien dagegen Ex-Parteichef Kuhn. Anders als seiner früheren Mitvorsitzenden ist ihm angesichts Bütikofers Erfolgs keine zweite Chance vergönnt. Besonders bitter ist das für Kuhn, da ihn mit Bütikofer eine jahrelange Rivalität verbindet. Beim Parteitag in Hannover vor zwei Jahren hatte Bütikofer wegen allzu starker Differenzen mit Kuhn nicht mehr für das Amt des Bundesgeschäftsführers kandidiert - um ihn dann völlig überraschend als Parteichef abzulösen. In seiner Bewerbung um einen Sitz im Parteirat wies der glücklose Fischer-Zögling Kuhn dann gestern auch ausdrücklich darauf hin, dass die letzten beiden Jahren nicht leicht für ihn gewesen sein. Die Delegierten gewährten ihm dann immerhin den Einzug in das wichtige Parteigremium im ersten Wahlgang.



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