Neujahrsansprache Merkel will Optimismus verbreiten

Premiere für Angela Merkel: Am Samstag spricht sie erstmals als Kanzlerin die Neujahrsansprache im TV. Darin ruft sie die Bürger zu Zuversicht und Tatkraft auf. Im kommenden Jahr werde die Welt auf Deutschland schauen wie zuletzt vor 16 Jahren beim Fall der Mauer.


Berlin - Merkel multimedial. Erst der offene Brief per Anzeigenkampagne an die Bürger, jetzt die traditionelle Neujahrsansprache. "Ich weiß, dass vielen bereits sehr viel abverlangt wird", sagte Merkel, mit schicker neuer Brille, in ihrer vorab verbreiteten Rede, die am Samstag im Fernsehen ausgestrahlt werden soll. Dennoch wolle sie dazu ermuntern, im kommenden Jahr neue Ideen in die Tat umzusetzen. Jeder solle mit einem ersten Schritt anfangen - "zu Hause, in der Familie, mit Kindern, in der Schule, am Arbeitsplatz, mit Kranken, mit Behinderten, mit bei uns lebenden Ausländern, in Vereinen, in Selbsthilfegruppen, in Bürgerinitiativen, in Kirchen und vielem mehr".

Angela Merkel: "In zehn Jahren wieder an die Spitze Europas"
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Angela Merkel: "In zehn Jahren wieder an die Spitze Europas"

Auch die Große Koalition aus Union und SPD wolle Schritt für Schritt ihren Reformkurs fortsetzen. "Denn unser Land wird im Wettbewerb mit anderen Ländern nur mithalten können mit immer neuen Ideen." Das Ziel sei, "unser Land in zehn Jahren wieder an die Spitze Europas zu führen." Die Regierung werde deshalb bei ihrem strikten Sparkurs die Bereiche Forschung, Entwicklung, Bildung und Ausbildung ausklammern. Um die Massenarbeitslosigkeit und damit das größte Problem in Deutschland zu bekämpfen, müssten alle noch mehr tun als bisher. "Genau das hat sich meine Regierung vorgenommen." Dazu müssten auch überkommene Rituale in Politik und Verbänden überwunden werden.

Merkel betonte, ihr größter Wunsch für das neue Jahr sei ein weiterhin freundschaftliches Miteinander Deutschlands mit seinen Nachbarn und Partnern im Ausland. "Europa hat große Erwartungen an unser Land", sagte sie. "Ohne ein wirtschaftlich und sozial starkes Deutschland kommt Europa nicht voran. Und ohne ein starkes Europa ist auch Deutschland schwach." Nachdem die Finanzplanung der Europäischen Union für die nächsten Jahre aufgestellt worden sei, müsse nach einer Denkpause auch der ins Stocken geratene Verfassungsprozess in Europa vorangebracht werden.

Auch bei der Schaffung eines freien Welthandels, bei Auslandseinsätzen deutscher Soldaten und Polizisten sowie bei der Reform der Vereinten Nationen gebe es große Erwartungen an Deutschland.

Merkel appellierte an die Hilfsbereitschaft der Bürger und rief dazu auf, nach den zahlreichen Spenden für die Betroffenen der Tsunami-Katastrophe in Südasien vor einem Jahr auch an die Opfer von Hungersnöten, Erdbeben, Kriegen und Krankheiten zu denken.

Die Fußball-WM 2006 sei eine große Chance für die Bundesrepublik. Dabei werde die Welt auf Deutschland schauen wie zuletzt vor 16 Jahren beim Fall der Mauer. Zwar seien diese beiden Ereignisse in ihrer Bedeutung überhaupt nicht zu vergleichen, "doch im Ergebnis werden Milliarden Menschen die Fußballweltmeisterschaft am Fernseher verfolgen und Millionen Menschen werden uns besuchen kommen", sagte Merkel. In Anknüpfung an das WM-Motto "Die Welt zu Gast bei Freunden" fügte sie laut vorab verbreitetem Redetext hinzu: "Lassen Sie uns alle gemeinsam Freunde unserer Gäste werden".

Die Kanzlerin äußerte sich auch optimistisch über die Erfolgschancen der Deutschen bei der WM. "Natürlich drücken wir unserer Mannschaft die Daumen", sagte sie. Die Chancen seien gar nicht schlecht. "Die Frauenfußball-Nationalmannschaft ist ja schon Fußballweltmeister, und ich sehe keinen Grund, warum Männer nicht das Gleiche leisten können wie Frauen."



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