Von Peter Wensierski
Berlin - Hat er sein Buch gar nicht selbst geschrieben? Schwere Vorwürfe werden gegen Heinz Buschkowsky, Bürgermeister von Berlin-Neukölln, und seinen Bestseller "Neukölln ist überall" erhoben. Auf Antrag der Berliner Zeitung "Der Tagesspiegel" erging ein Verwaltungsgerichtsurteil gegen sein eigenes Bezirksamt. Demnach muss das Amt Auskunft erteilen, ob Mitarbeiter im Rathaus Neukölln an Buschkowskys umstrittenem Buch mitgearbeitet haben und wenn ja, ob dies während der amtlichen Arbeitszeit geschah.
Auf SPIEGEL ONLINE äußert sich Berlins prominentester Bezirksbürgermeister erstmals zu den Vorwürfen.
SPIEGEL ONLINE: Herr Buschkowsky, gegen Sie werden massive Verdächtigungen über das Entstehen Ihres Bestsellers "Neukölln ist überall" erhoben.
Buschkowsky: Wo Erfolg ist, stellt sich auch Missgunst ein. Vor allem ein Journalist arbeitet sich an mir bereits seit Jahren ab, allerdings geht er mit seinen angeblichen Fakten recht freizügig um.
SPIEGEL ONLINE: Aber die Vorwürfe sind hart, es heißt, dass Sie Teile des Buches gar nicht selbst geschrieben haben, sondern städtische Mitarbeiter im Rathaus Neukölln die eigentlichen Verfasser von Texten sind?
Buschkowsky: Das ist völliger Quark. Jeder, der meine Sprache kennt, erkennt sie im Buch wieder. "Neukölln ist überall" ist von Anfang bis Ende mein intellektuelles Produkt. Es gab keinerlei Ghostwriter oder Hilfsautoren.
SPIEGEL ONLINE: Jetzt mal raus mit der Sprache: Hat der Steuerzahler Ihr Buch mitfinanziert?
Buschkowsky: Ich habe jede Büroklammer und jedes Blatt Papier dem Bezirksamt bezahlt. Ich habe mir einen Laptop gegen Geld geliehen und sogar für die Wochenenden, an denen ich im Büro am Buch gearbeitet habe, die ortsübliche Miete bezahlt, viel korrekter geht's kaum. Ich weiß nicht, wie viele Bürgermeister in Deutschland schon einmal ihr Büro gemietet haben. Im Gegenzug habe ich dem Bezirksamt noch nie Miete für den Gebrauch meines Arbeitszimmers zu Hause in Rechnung gestellt, wenn ich dort für mein Amt Akten bearbeitet habe und Rücksprachen speziell von Journalisten von morgens um 6 bis 0 Uhr erledigt habe. Auch auf das Krankenbett und das Krankenhaus wird dabei keine Rücksicht genommen.
SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie einen Laptop beim Bezirksamt gemietet und nicht einen eigenen mitgebracht?
Buschkowsky: Weil die Verwendung von privater Hardware im Rathaus verboten ist.
SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie denn nun Helfershelfer oder nicht?
Buschkowsky: Natürlich hatte ich Zuarbeiter für Recherche, Texterfassung, Korrekturlesen oder ähnliche Hilfsarbeiten. Da habe ich auch nie ein Hehl draus gemacht. Es sind Menschen, die ihren Hauptjob außerhalb des Bezirksamts haben, aber auch Mitarbeiter des Bezirksamts.
SPIEGEL ONLINE: Letztere haben für Sie gearbeitet, obwohl sie ihr Gehalt vom Steuerzahler erhielten?
Buschkowsky: Natürlich nicht. Für die Tätigkeit habe ich ein Honorar aus meiner Tasche bezahlt, und die Verträge beinhalten ausdrücklich, dass die Arbeiten außerhalb des Dienstes stattfinden müssen.
SPIEGEL ONLINE: Na, dann können Sie doch sagen, wer es war.
Buschkowsky: Der Bezirksbürgermeister und der Autor Buschkowsky sind zwei unterschiedliche Personen. Natürlich nicht physisch, obwohl ich von der Masse her für Zwei reichen würde. Meine Autorentätigkeit ist meine Privatsache, und ich sehe keinen Grund, mich von Rufmord-Journalisten ausforschen zu lassen. Diejenigen, die mit mir gearbeitet haben, haben ebenfalls einen Anspruch darauf, sich nicht in einer öffentlichen Debatte wiederzufinden, und sie wollen selbst auch nicht an die Öffentlichkeit gezerrt werden.
SPIEGEL ONLINE: Aber das Verwaltungsgericht hat das Bezirksamt jetzt mit einem Urteil verdonnert, die Daten offenzulegen.
Buschkowsky: Nach meiner Kenntnis kann das Bezirksamt dies gar nicht, weil es über das Wissen nicht verfügt. Bei der Anzeige einer Nebentätigkeit muss man sagen, was man tut, in welchem Umfang und wie viel Geld man dafür bekommt. Der Auftraggeber kann, aber muss nicht mitgeteilt werden. Als persönlich Betroffener war ich an dem Verfahren überhaupt nicht beteiligt. Die Personalisierung mit meinem Namen zeigt, dass es nicht um die Sache geht, sondern dass man meine Person öffentlich diskreditieren will.
SPIEGEL ONLINE: Es wird gefordert, Sie sollten Ihr Honorar für das Buch spenden.
Buschkowsky: In einem solchen Werk steckt jahrelange Arbeit, Wissen und berufliche Erfahrung. Auch wenn der reine technische Entstehungszeitraum sich nur auf neun Monate erstreckte, glaube ich schon, dass ein Autor Anspruch auf Entlohnung hat, wie für jede andere Arbeit auch. Die Beträge werden versteuert, und damit ist die solidarische Beteiligung der Allgemeinheit sichergestellt. Außerdem bin ich jedes Jahr ein großzügigerer Spender für wohltätige Zwecke in der Stadt als die, die es von anderen einfordern.
SPIEGEL ONLINE: Und wie kann ein Mensch mit dem Job eines Bezirksbürgermeisters nebenbei ein Buch schreiben?
Buschkowsky: Ich betrachte diese Feststellung als Hochachtung vor meiner Leistungsfähigkeit. Es ist die Frage von Fleiß und Disziplin. Neuköllner wissen, wie lange das Licht in meinem Büro brennt oder mein Arbeitszimmer zu Hause erleuchtet ist. Da sind andere schon in der Heia.
SPIEGEL ONLINE: Also, wann haben Sie es denn nun geschrieben?
Buschkowsky: Immer wieder Samstag habe ich im Büro gearbeitet und sonntags zu Hause. Jedes Wochenende und das sechs Monate lang.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie und Ihre Zuarbeiter den Arbeitgebern die Nebentätigkeit angezeigt?
Buschkowsky: Für mich kann ich das bejahen. Bei den Honorarkräften weiß ich es nicht, gehe aber davon aus. Es tut ja nicht weh, weil es nur angezeigt, aber nicht genehmigt werden muss.
SPIEGEL ONLINE: Nervt Sie diese Debatte?
Buschkowsky: Mit dem System "Dreck werfen, es wird schon etwas hängen bleiben" muss ich wohl leben.
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