Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


wie umgehen mit der AfD? Das ist die große Frage, die sich Politikern, Behörden, Medien und Bürgern stellt. Man würde ja gern sagen: Dies ist eine neue, konservative Partei, die schon im Bundestag und in einigen Landtagen sitzt, wo ist das Problem? Ein normaler Umgang, Zustimmung, Ablehnung, je nach dem eigenen politischen Standpunkt. Aber so leicht ist es eben nicht. Die AfD will nicht, dass es so leicht ist.

Titelbild
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Heft 37/2018
Warum die AfD so erfolgreich ist

Die AfD will an einer Säule des politischen Selbstverständnisses der Bundesrepublik rütteln. Der rechte Flügel der rechten Partei will die Zeit des Nationalsozialismus neu bewerten, zum Teil verharmlosen, sucht die Nähe von Rassisten und Rechtsextremen. Wer also die AfD wie eine normale Partei behandeln will, läuft Gefahr, an der Ausfransung eines Tabus mitzuwirken. Wer aber die AfD oder Teile der AfD für Nähe zu Neonazis kritisiert, handelt sich sofort den Vorwurf ein, Bürger der Mitte zu stigmatisieren. Die gibt es in der Partei und unter ihren Wählern auch.

Wir widmen die Titelgeschichte des neuen SPIEGEL diesem Thema. Ein großes Team aus der Hauptstadt und den Bundesländern hat recherchiert, was den Erfolg der AfD ausmacht, und analysiert, was ein passender Umgang mit dieser Partei sein könnte.

Im Video: SPIEGEL-Redakteurin Melanie Amann über den Aufstieg der AfD und die Überprüfung der Partei durch die Verfassungsbehörden.

DER SPIEGEL

Es ist nicht gut gegangen

Vor zehn Jahren brach die Lehman Bank zusammen und damit ein Versprechen des Kapitalismus: Es wird schon gut gehen. Es passieren Dinge, die kaum einer versteht, es passieren Dinge, die nach Wahnsinn klingen, die aber den Sinn haben, dass der Wohlstand steigt.

Die Pleite von Lehman war ein wesentlicher Grund für die gigantische Finanzkrise der folgenden Jahre. Es ging schon vorher abwärts, aber danach kam der Absturz. Die Dinge, die nach Wahnsinn klangen, stellten sich als Wahnsinn heraus, vor allem das Verpacken und Verteilen fauler Immobilienkredite in den Vereinigten Staaten.

Aber auch Deutsche hatten ihren Anteil an der Finanzkrise, die Deutsche Bank, aber auch Politiker, die nicht daran interessiert waren, einen europäischen Rettungsfonds einzurichten. Unser Ressort Wirtschaft beleuchtet in einem großen Report die Folgen der Lehman-Pleite und erklärt, warum die nächste Krise droht.

Getty Images

"Möchtest du Asien haben?"

Zwei Männer teilen die Welt auf, Boris Jelzin, Anfang der Neunzigerjahre Präsident Russlands, und Bill Clinton, zur selben Zeit Präsident der USA. Auszug aus einem Originaldialog:

Jelzin: Ich habe eine Bitte. Gib doch einfach Europa an Russland.

Clinton: Möchtest du Asien auch haben?

Jelzin: Sicher, Bill. Wir müssen uns irgendwann über all das einigen.

So haben sie geredet. Es gibt Protokolle dieser Gespräche, Klaus Wiegrefe hat sie für den SPIEGEL ausgewertet. Sie sind so lustig wie erschütternd. Besonders erschütternd finde ich, wie Wisconsin, Illinois und Ohio den Lauf der Welt beeinflusst haben, bis heute. Damals standen Wahlen in diesen Bundesstaaten an, und Clinton räumte gegenüber Jelzin ein, dass er für die Osterweiterung der Nato sein müsse, damit seine Demokraten die Wahlen dort gewinnen könnten.

Das sei eine "Erniedrigung Russlands", hielt ihm Jelzin entgegen. Und diese Erniedrigung hat sein Nachfolger Putin in einen neuen Großmachtanspruch umgewandelt, bis hin zu Kriegseinsätzen. Und das wegen Wisconsin.

Jelzin, Clinton
Getty Images

Jelzin, Clinton

Es ist, wie es ist

Templin in der Uckermark ist die Heimat von Angela Merkel. Hier hat sie als Kind gelebt, hier verbringt sie ihre freien Wochenenden. Hier leben natürlich auch Flüchtlinge, als Folge von Merkels Politik der offenen Grenzen im Jahr 2015. Die beiden Journalistinnen Lan-Na Grosse und Aud Krubert-Hall hatten die schöne Idee, genau zu verfolgen, ob sich Merkels Satz "Wir schaffen das" in Templin umsetzen ließ.

Drei Jahre lang fuhren sie für den SPIEGEL und das ZDF regelmäßig nach Templin und sprachen mit Bürgern über das Leben mit Flüchtlingen. Niemand sagt: "Wir haben es geschafft." Oft fällt hingegen der Satz: "Es ist, wie es ist."

Dreck und Disruption

Es gibt einen neuen Politikertypus, das sind die Disruptoren, die Leute, die alles anders machen als üblich. Berlusconi war ein früher Disruptor, Trump ist ein aktueller. Ein Disruptor ist, wörtlich, einer, der stört, der für erhebliche Störungen sorgt.

Cynthia Nixon macht das nun auch, im Bundesstaat New York, wo sie Andrew Cuomo das Amt des Gouverneurs abjagen will, auf eine ziemlich aggressive Weise, obwohl Cuomo der Demokratischen Partei angehört, so wie Nixon selbst. Disruptoren ist das egal.

Nixon wurde berühmt als Schauspielerin in der Frauenserie "Sex and the City", die in der Stadt New York spielte. Unser Korrespondent in New York hat sich über Monate an ihre Fersen gehängt und ihre populistischen Auftritte beobachtet. Sein wunderbares Porträt findet sich im neuen Heft. "Dreck and the City" lautet die Überschrift.

Cynthia Nixon
Devin Yalkin / DER SPIEGEL

Cynthia Nixon

Lachen und Weinen

Die Wettkämpfe und Interviews von Kristina Vogel bei Olympischen Spielen habe ich mir immer gern angeschaut. Sie fuhr Sprints auf der Radbahn und war dabei extrem erfolgreich, Olympiasiegerin, Weltmeisterin. Bei den Interviews zeigte sie sich als sympathischer, fröhlicher Mensch.

Als ich Ende Juni hörte, dass sie einen schweren Unfall beim Training hatte, habe ich gebangt. Als danach über Monate nicht gesagt wurde, wie es um sie stand, war ich alarmiert. So ist es ja auch bei Michael Schumacher. Wenn man nichts hört, steht es schlimm.

Kristina Vogels Rückenmark wurde am siebten Brustwirbel getrennt. Sie kann ihre Arme bewegen, aber ihre Beine sind gelähmt. Sie braucht einen Rollstuhl. Das hat sie meiner Kollegin Antje Windmann in einem bewegenden SPIEGEL-Gespräch erzählt. Zum ersten Mal redet Vogel über ihr Schicksal, lacht und weint dabei. Dem Leser wird es ähnlich gehen. Die Kristina Vogel von den Olympia-Interviews habe ich zum Glück noch erkannt.

Vogel (l.), Windmann
Maurice Weiss/ DER SPIEGEL

Vogel (l.), Windmann

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Seite 1
jan07 08.09.2018
1. Ein demokratischer Mechanismus
Was die AfD betrifft: die Partei hat mittlerweile über 30.000 Mitglieder und mehrere Millionen Wähler. Das sind in ihrer überwältigenden Mehrheit keine Rechtsradikalen, schar gar keine Neonazis. Es hilft deswegen auch nichts, ständig mit der Nazikeule auf sie einzudreschen oder sie auf andere Art zu beschimpfen. Diese Leute haben ernsthafte Anliegen, sie haben auch Sorgen, die man ernst nehmen sollte. Solange dies nicht geschieht, wird diese Partei weiter wachsen und bald im Osten stärkste Partei sein. Und in Gesamtdeutschland dürfte sie bald zweitstärkste Kraft sein. Da hilft keine Ausgrenzung und keine Beschimpfung. Wenn die anderen Parteien Terrain zurückgewinnen wollen, müssen sie sich mit den Problemen befassen, die diese Menschen umtreibt. Das ist der Sinn der Demokratie.
Marvel Master 08.09.2018
2.
> wie umgehen mit der AfD? Ich hätte da einen simplen aber einfachen Vorschlag. Die etablierten Parteien könnten ja mal wieder anfangen Politik für das Volk zu machen anstatt nur für sich selber und ihre Industrievertreter. Wenn die CDU wieder konservativ wird, so wie sie es im Jahre 1998 war, dann sinken auch wieder die Zustimmungswerte für die AfD. Wenn sollen denn heute noch die konservativen Wähler in D wählen? Die CDU hat doch die Grünen + "Die Linke" links überholt. 60% vom Kuchen sind aktuell unbesetzt und werden nach und nach durch die AfD aufgefüllt. Irgendwann vielleicht sogar noch von der NPD. Warum auch immer die Parteien das wollen erschließt sich mir nicht. Ohne Frau Merkel gäbe es die AfD gar nicht. Die war nämlich vor ein paar Jahren bei unter 4%. Erst Frau Merkel hat sie erschaffen und wachsen lassen. Und das macht sie immer noch. Und alle anderen Parteien machen da auch noch mit und stärken sie immer weiter. Dazu kommt, dass die eigentlichen Oppositionsparteien wie die Grünen + die Linke + SPD gar keine Opposition mehr darstellen, sondern mit Frau Merkel ins Bett steigen und sie unterstützen. Das führt mich unweigerlich zu dem Schluss bei Politikern: Kreißsaal, Hörsaal, Plenarsaal aber vom realen Leben keine Ahnung. So wie Deutschland und seine etablierten Parteien handelt, macht es kein einziges Land auf diesem Planeten. Auch nicht die ganzen bösen "N...-Länder" wie Australien, Neuseeland, Japan, Singapur (ok, Stadtstaat, USA, .... usw. Aber was solls. Haben wir halt in ein paar Jahren die selben Zustände wie in Italien, Holland, Frankreich, Schweden, usw.
OhMyGosh 08.09.2018
3.
Die AfD ist eine für unsere Demokratie höchst gefährliche Politgang – das Wort "Partei" ist in diesem Falle unangebracht. Diese BAF (Braune Armee Fraktion) hat etwas Abseitiges, Abartiges, Widerwärtiges – ein Menschenbild, das auf Rassismus und Fanatismus gründet. Doch das Problem liegt noch woanders: die sogenannte "Alternative", die in Wirklichkeit keine ist, denn es geht ihr n i c h t um Deutschland, sondern um Ausmerzen und Vernichten, wäre ein linder Furz in unserer politischen Landschaft, wenn sie denn nicht so viele Anhänger hätte. Diese sehen in ihr allen Ernstes eine Alternative, und dies aus den vielfältigsten Gründen: Frustration, Angst, mangelnde Bildung, Hass, Perspektivlosigkeit. Wie dieser Giftblase beizukommen ist? Jedenfalls nicht mit Freundlichkeit noch endlosen Debatten.
JeanGerard 08.09.2018
4. Was soll am Aufstieg der AfD "unheimlich" sein?
Eine solche Wortwahl ist für einen stellvertretenden Chefredakteur nicht gerade ein Aushängeschild. Viele Menschen haben von den Versäumnissen der zügellosen Zuwanderung schlicht und ergreifend die Schnauze voll und das ist deren gutes Recht. Wenn die etablierte Politik nicht reagiert, dann werden diese Menschen eben "Extrem" wählen - was sollen sie denn auch sonst machen? Man kann sich bestenfalls darüber wundern, dass eine rechtsextreme Partei nicht schon vor 10 oder 20 Jahren mit nennenswerter Größe in den BT eingezogen ist. Das hat doch nichts mit "unheimlich" zu tun - was soll denn dieser Quatsch?
maxbeck54 08.09.2018
5. Dieser Haufen
von Demonstranten in Chemnitz ist Alles, was die rechte Szene zu bieten hat. Mehr ist da nicht. Sie verabreden sich zu solchen Demos in verschiedenen Städten, und es sind immer Dieselben. Sie wollen den Eindruck erwecken, als seien alle Deutsche hinter ihnen. Im Grundegenommen sind es nur paar Tausend, und paar Hundert, die gewalttätig sind. So ähnlch wie bei den Salafisten. Die Polizei und der Staat sind gefordert, mit Entschlossenheit gegen diese Extremen vor zu gehen. Dann wäre der Spuk vorbei. Dass dieser Höcke unverhohlen rechte Propaganda machen darf, ist nicht mehr zu verstehen.
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