Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


wer etwas über die Absurdität der politischen Debatte im Sommer 2018 erfahren will, der sollte heute einen Blick auf die SPD richten. Sie hat für den Abend einen Koalitionsausschuss beantragt, es geht um die "Transitzentren", die an der Grenze zu Österreich eingerichtet werden sollen - in Wahrheit aber dem Zweck dienen, den Streit zwischen CDU und CSU aus der Welt zu schaffen.

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Heft 27/2018
Fußball, Politik, Wirtschaft

"Massenlager, wo Flüchtlinge wochenlang eingesperrt werden, wird es mit der SPD nicht geben", sagte im Vorfeld der tapfere SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. Einen größeren Gefallen hätte er der CSU nicht tun können.

Kurz zur Erläuterung: Die "Transitzentren", die die Union nun einrichten will, wird es, wenn überhaupt, nur an drei Grenzposten in Bayern geben; jeder Migrant, der kurz sein Smartphone checkt, kann sie umgehen. Wer doch darin landet, kann wieder zurück nach Österreich, ein Taxi rufen und sich an den nächsten unbewachten Grenzübergang kutschieren lassen.

Im Moment ist es noch das Geheimnis von Markus Söder, wie er den bayerischen Wählern eine solche Mogelpackung unterjubeln will. Aber wenn auch sonst alles schiefläuft - auf die Reflexe der SPD konnte sich die CSU immer verlassen.

Die Leiden der Sozialdemokratie

Sigmar Gabriel
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Sigmar Gabriel

Die SPD-Führung, das muss man allerdings zur ihrer Verteidigung sagen, hat es derzeit auch nicht leicht. Die Umfragewerte wollen einfach nicht steigen, kein Thema weit und breit, das die Dinge zum Besseren wenden könnte, und nun will auch noch der ehemalige SPD-Chef Sigmar Gabriel in den Journalismus einsteigen.

Gabriel hat sich schon bisher kaum mit Einwürfen zur politischen Lage zurückgehalten: Gerade erst hat er per Twitter seiner Zuversicht Ausdruck verliehen, dass sich die SPD-Führung im Asylstreit nicht "am Nasenring durch die Manege ziehen" lasse - was eine formvollendete Unverschämtheit gegenüber der neuen Parteivorsitzenden Andrea Nahles war.

Nun wird Gabriel auch noch Autor beim Holtzbrinck-Verlag - was ihm die Möglichkeit gibt, seine Einwürfe zur Lage der Sozialdemokratie einem noch größeren Publikum zu präsentieren.

Merkels Orbánisierung

Viktor Orbán
DPA

Viktor Orbán

Auf dem Tagesplan der Kanzlerin steht heute ein Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten, was insofern konsequent ist, als die Orbánisierung ihrer Politik schon weit vorangeschritten ist. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise haben sich Merkel und Viktor Orbán in Brüssel legendäre Wortgefechte geliefert. Sie habe lange genug hinter einem Zaun gelebt, um jetzt wieder neue Zäune errichten zu lassen, soll die ostdeutsche Merkel gesagt haben.

Kaum etwas hat Merkels Entourage mehr erregt als die Ergebenheitsadressen der CSU an den ungarischen Semiautokraten. Zwar beharrt die Kanzlerin immer noch darauf, dass ihre Entscheidungen aus dem Herbst 2015 richtig waren. Aber was Merkel zuletzt auf dem EU-Gipfel in Brüssel verhandelt hat, ist mit dem Wort "Abschottung" ganz gut beschrieben.

Und es ist nur ein paar Tage her, da hat sich Merkel bei Orbán dafür bedankt, wie gut er die europäischen Außengrenzen sichere und "gewissermaßen die Arbeit für uns" mache.

Gewinnerin des Tages

Angela Merkel
DPA

Angela Merkel

Es gab in den vergangenen Tagen zwei Bilder von Angela Merkel auf dem Balkon des Kanzleramts: einmal mit Horst Seehofer, das war am Samstag, und eines mit Andrea Nahles am Dienstag. Während sich Seehofer und Nahles an einem Glas Wasser festhielten, trug Merkel einen Weinkelch in der Hand.

Ich muss sagen: Es nötigt mir einen gewissen Respekt ab, dass sich Merkel auch in der größten Krise noch ein Schlückchen genehmigt und nicht auch noch zur Abstinenzlerin wird. Vielleicht hätte Seehofer die Dinge nicht so eng gesehen, wenn er dem Vorbild der Kanzlerin gefolgt wäre.

Wie sagte noch Merkels Freundin Hillary Clinton, als sie erklären sollte, wie sie die Niederlage gegen Donald Trump weggesteckt hat: "Chardonnay helped."

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    insgesamt 32 Beiträge
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    Seite 1
    wikkur 05.07.2018
    1. Bedenklich
    Als Befürworter von Merkels Politik widerspreche ich der Sichtweise des Autors was die Zuhilfenahme von Alkohol angeht. Alkohol löst alles Mögliche auf: Famlilien, Partnerschaften, Bankkonten, Leber- und Gehirnzellen. Alkohol löst mit Sicherheit keine Probleme, bestenfalls im Anfangsstadium eines Alkoholabhängigen.
    frankfurtbeat 05.07.2018
    2. Alohol ...
    Alkohol schenkt Freude ... und ja ein bisschen Lockerkeit kann Merkel nicht schaden. Wissenschaftlichen Untersuchungen nach regt eine kleine Menge Alkohol die Produkzion von neuen Nervenzellen an welche eine wichtige Funktion für die Gedächtnisleistungen und die Lernfähigkeit des Gehirns erfüllen. Gebt Merkel ihre tägliche Flasche Rotwein vielleicht kann sie dann auch mal über den Tellerrand hinaussehen.
    herr_ausragend 05.07.2018
    3. Pfisters'ches Menschenbild
    Interessante Einschätzung der Lage an unseren Grenzübergängen. " jeder Migrant, der kurz sein Smartphone checkt, kann sie umgehen. Wer doch darin landet, kann wieder zurück nach Österreich, sich ein Taxi rufen und an den nächsten unbewachten Grenzübergang kutschieren lassen." Wenn das tatsächlich die Situation an unseren Grenzen ist, wenn Herr Pfister diese Vorgehensweise gar unterschwellig empfiehlt, dann frage ich mich, warum die CSU bzw. Herr Seehofer überhaupt kritisiert wird. Diese Anleitung zum fortgeschrittenen Asyltourismus wird dann ja auch auf den beschriebenen Smartphones zu sehen sein. Danke für die Tipps, Her Pfister.
    undercover.agent 05.07.2018
    4. Es muss einmal gesagt werden.
    Wir schreiben bzw. tippen und hier die Finger wund ... und erreichen nichts. Glaubt wirklich irgend ein Forist, er könne einen Politiker erreichen oder ihn bzw. einen anderen User in seiner Meinung umstimmen? Nein, die "Gutmenschen", die Merkels Flüchtlinge willkommen hießen, beharren genauso auf ihrer Meinung wie die "Realisten", die die Probleme schon 2015 kommen sahen. Im Grunde sind die Beiträge nur ein Anhusten der eigenen Meinung oder des Frustes ohne nennenswerten Widerhall.
    !!!Fovea!!! 05.07.2018
    5. Ja, den
    politischen Gegner zum Einknicken gebracht bzw. politisch anzuzählen ist eine reife Leistung von BK Merkel. CSU/CDU spielen ein wenig "politischen Krieg" vor der SPD, einigen sich mit einem Inhalt, den die SPD ablehnt und nun ist der "schwarze Peter" bei der SPD, die entweder darauf eingeht (also abnickt) oder sich dagegen stemmt, was die die GroKo auf die Probe stellt oder, bei einem Abnicken der SPD, die SPD wieder als kleiner Umfaller dasteht und noch mehr Stimmen einbüßt, während die CDU/CSU dadurch Stimmen fängt. Daher, Merkel machte Seehofer ein "Geburtstagsgeschenk" in Form von Ankerzentren und Seehofer beschert Merkel einen geschwächten Koalitionspartner. Also, ich hätte das auch gefeiert. Chapeau, darauf wird jetzt angestoßen! Tja, liebe SPD, wärt ihr mal bei einem "Nein" zur GroKo geblieben, dann sehe eure politische Zukunft, trotz H4 u.a., viel besser aus. Aber ihr SPD Granden seid halt keine Brandts und Schmidts. So ein Pech aber auch......
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