Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


mit einiger Wahrscheinlichkeit wird Andrea Nahles auf der Präsidiumssitzung heute Vormittag zur neuen SPD-Chefin bestimmt, komissarisch zumindest. Die beiden größten Parteien Deutschlands werden dann von Frauen geführt, von zwei Frauen, die auf den ersten Blick so unterschiedlich scheinen und die doch vieles verbindet. Zwischen Nahles und Angela Merkel, das haben die Wochen der Koalitionsverhandlungen gezeigt, herrscht ein ziemlich belastbares Vertrauensverhältnis. Nach allem, was man weiß, schätzen sich die Protestantin an der Spitze der CDU und die Katholikin an der Spitze der Sozialdemokraten als zuverlässig, unprätentiös und sachorientiert.

Nahles macht aus ihrer Bewunderung für Merkels Aufstieg in der Männerpartei CDU keinen Hehl, die erste deutsche Kanzlerin dürfte für sie wie für viele Politikerinnen in Berlin auch Rollenmodell sein. Die beiden teilen zudem den spöttischen Blick auf impulsive, instinktgeleitete und eitle Männer, mit denen beide ihre Erfahrungen gemacht haben. Übrigens: Dem Kabinett einer neuen Großen Koalition würden (fast) so viele Frauen angehören wie Männer. So viel Matriarchat war nie.

Martin Schulz dürfte damit heute von der Bühne der großen Politik abtreten, nach einem kurzen, leidenschaftlichen und tragischen Auftritt, noch nicht einmal ein Jahr, nachdem ihn seine Partei mit 100 Prozent zum Vorsitzenden gewählt hatte. Ich gebe zu, ich bin noch nicht fertig mit Schulz, mit dem Phänomen Schulz. Sein Aufstieg und Fall sagen so viel aus über unsere Zeit, über die SPD, über "die Politik", über uns. Das rasche Auf und Ab, das Umschlagen der Stimmung, die Sehnsucht nach einem Heilsbringer, einem, der anders Politik macht, ehrlicher, weniger abgebrüht, und der dann unter anderem genau daran scheitert. Die Härte des Machtbetriebs Berlin, das Tempo, das ihm keine Zeit gab, zu lernen und zu reifen, die SPD, die ihn aufs Schild hob, bejubelte, anhimmelte und dann ebenso schnell wieder fallenließ. Von der geilen Sau zum Loser. Die Politik, die wir hier beobachten, ist irgendetwas zwischen Illusionstheater und Gladiatorenkampf.

DPA

Wiederaufbau für den Irak

Heute kommen die Außenminister der Anti-IS-Koalition in Kuwait zusammen, es geht darum, wie es mit dem Irak nach der Befreiung von den Islamisten weitergeht. Zugleich findet in Kuweit eine internationale Wiederaufbaukonferenz für das Nachbarland statt, es wird um viel Geld gehen, angeblich werden bis zu 100 Milliarden Dollar gebraucht. Der irakische Außenminister Ibrahim al-Dschaafari appellierte schon im Vorfeld, die Welt schulde dem Irak einen Marschall-Plan. Ich würde eher sagen: die USA. Für Afghanistan hat es in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten ungefähr ein Dutzend solcher Konferenzen gegeben, viele Milliarden Dollar wurden zugesagt, ohne dass es dem Land heute nennenswert besser ginge. Der beste Marschall-Plan nützt eben wenig, solange nicht Frieden und halbwegs stabile politische Verhältnisse herrschen.

DPA

Verlierer des Tages...

... ist an diesem 13. Februar die Stadt Dresden. Es ist der 73. Jahrestag der Bombardierung der Stadt drei Monate vor Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Ankündigungen für das Gedenken auf Dresdens Friedhöfen, in der Frauenkirche, an der Goldenen Pforte, im Kulturpalast sprechen vom Jahrestag der Zerstörung der Stadt, und das war es ja wohl auch. Geschichte wirkt lange. Manche haben in jener Bombennacht eine Erklärung dafür gesehen, warum gerade im eher bürgerlichen Dresden die rechte Pegida-Bewegung so viel Zulauf hatte.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
fr8train 13.02.2018
1. naja
die SPD ist schon lange keine "Volkspartei" mehr und die CDU auf bestem Wege der SPD in den Keller zu folgen!
StefanZ.. 13.02.2018
2. Die Frauen werden es schon richten
Damit haben Sie natürlich recht. Mittel- und langfristig führt kein Weg daran vorbei, dass Forschungen es klipp und klar belegen werden und die Menschheit dies im eigenen Interesse einsieht und dadurch friedlichere, menschlichere Verhältnisse auf unserem Planeten schafft. Frauen sind die besseren Anführer, Manager etc. Dies im Allgemeinen und im Durchschnitt, leider sind da immer wieder ziemlich üble Ausnahmen, ich brauche nach meinem gestrigen Beitrag wohl keine Namen zu nennen. Werden auch die Herren der Schöpfung die Tatsachen irgendwann eingestehen, oder ist Hopfen und Malz im Denkkorsett verloren. Nun, dazu fand ich am letzten Wochenende eine sehr ermutigende Studie https://news.upenn.edu/news/better-knowledge-about-evolution-leads-to-greater-acceptance von der Penn University. Auch Menschen die bereits tief in einem Denk-Dogma (religiös, politisch oder anderweitig) gefangen sind kann durch Tatsachen dennoch zumindest etwas weitergeholfen werden. Wem das zu trocken klingt, der wird sicher Vergnügen an diesem kurzen Videoclip https://www.youtube.com/watch?v=XAp1Foj7BzY einer Aussie University finden, die auch gerade passende Forschungsneuigkeiten vermitteln möchte - logischen Denken und Vorurteile abzubauen lässt sich nämlich wirklich lernen.
hellas16 13.02.2018
3. Immer wieder die falschen Themen
Angesichts des rasanten Aufstiegs der AFD ist es völlig nebensächlich, ob eine Frau oder ein Mann an der Spitze einer demokratischen Partei steht. Nur die Kanzlerin hat das begriffen, alle anderen Politikerinnen beschäftigen sich mit ihren "Lieblingsthemen", die den meisten Menschen am A.... vorbeigehen. Ob "Obergrenze" oder " Matriarchat", das sind Luxusprobleme einer politischen Elite, während die Rechtsextremen an den Grundlagen der Demokratie sägen.
ayee 13.02.2018
4. Mal schaun, wie die Zustimmung in der Bevökerung so aussieht
Unter Merkel sind die CDU Zahlen ja jetzt nicht gestiegen. Mal schaun, wie es bei Frau Nahles und der SPD läuft. Beide eint eine weitere, typisch weibliche Eigenschaft. Verwaltung ist oberste Prämisse. Achso, und wie Merkel angesichts ihrer vielen Sinneswandel spöttig auf impulsive Männer gucken kann, ist ebenfalls ein Rätsel.
Herbert T. Kay 13.02.2018
5. Wenn fast die Hälfte Frauen sind
ist es also Matriarchat? So wie die Frauen im Medienbereich mit 30% Anteil die Medien "dominieren"? Auf welcher Seite sind Sie eigentlich Frau Hoffmann?
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