Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


er nannte die deutsche Kanzlerin einst die "gefährlichste Politikerin Europas" und beschimpfte seine politischen Gegner als "Merkelisten". Inzwischen ist zwischen Angela Merkel und Alexis Tsipras (dem Mann, der gewählt wurde, als in Athen Plakate Merkel mit Hitlerbärtchen zeigten und Hakenkreuzfahnen brannten), zwischen dem Ultralinken und der gemäßigten Konservativen, fast so etwas wie eine wunderbare Freundschaft entstanden.

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Heft 2/2019
Das neue Berufsleben - zwischen Freiheit und Selbstausbeutung

Eine belastbare Arbeitsbeziehung zumindest, was sich heute Nachmittag, wenn Merkel zu einem zweitägigen Besuch in Athen eintrifft, einmal mehr zeigen dürfte. Das ist nicht unwichtig, denn Griechenland ist das Schicksalsland der deutschen Kanzlerin. Die großen Themen ihrer Kanzlerschaft sind mit Griechenland verbunden: der Euro und die Flüchtlinge.

Trump an der Grenze

AFP

US-Präsident Donald Trump besucht heute die Grenze zu Mexiko, um sich, wie es heißt, ein Bild von der Lage zu machen - nachdem er sie, die Lage, schon in seiner Ansprache an die Nation als hinreichend dramatisch geschildert hat. Bemerkenswert, wie groß die Erleichterung war, dass Trump dabei darauf verzichtete, den nationalen Notstand auszurufen. Es ist inzwischen schon fast beruhigend, wenn das schlimmste Szenario nicht eintritt.

Wie wird es weitergehen im Streit um die Grenze und den Haushalt? Leider gelingt es Trump ganz gut, die Demokraten vor sich her zu treiben. Sie verweigern ihm zwar die Milliarden für die Mauer, aber sie fordern keine grundsätzlich andere Politik. Das schwächt ihre Position. Es ist das Dilemma der Linken, in dem auch Labour in Großbritannien und die deutschen Sozialdemokraten stecken.

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Der Mensch Rosa Luxemburg

DPA

Am kommenden Dienstag vor 100 Jahren wurde Rosa Luxemburg ermordet. Als junges Mädchen mit 14, 15 Jahren habe ich die deutsche Kommunistin schwärmerisch verehrt, bis heute muss ich an sie denken, jedes Mal, wenn ich den Landwehrkanal überquere. Die Verehrung war höchstens halbpolitisch, sie galt dem Menschen Rosa Luxemburg, ich las über sie und von ihr und suchte mir, was mir gefiel: eine Frau, eine Emanzipierte, Unabhängige. Sie war polyglott, liebte Gedichte und Pflanzen und die Lieder von Hugo Wolf. Mir gefiel, dass es möglich war, zugleich politisch und zart besaitet, scharfsinnig und warmherzig zu sein. Und dass ihr berühmtestes Zitat von Freiheit handelte.

Die Verehrung war ungebrochen, weil Rosa Luxemburg zu früh starb, um in das Grauen verwickelt zu sein, das die Diktatur des Proletariats, der Versuch, die linke Utopie zu verwirklichen, im 20. Jahrhundert anrichtete. Heute beginnt die Linkspartei in Berlin ihre zweitägige Fraktionsklausur.

Verlierer des Tages...

AFP

…... sind Donalds Trumps Unterhändler, die in dieser Woche im Nahen Osten unterwegs sind, Sicherheitsberater John Bolton (links im Bild) und Außenminister Mike Pompeo. Eigentlich sollten sie Amerikas Partnern in der Region demonstrieren, dass die USA sie nicht im Stich lassen werden. Tatsächlich ist ihre Reise zu einem Dokument der schwindenden Bedeutung der Amerikaner geworden. Der türkische Präsident Erdogan ließ Bolton rüde abblitzen, als der Sicherheitsgarantien für die Kurden in Syrien forderte. Erdogan machte klar, dass Washington nicht mehr in der Position ist, Bedingungen zu stellen.

Pompeo wird heute in Kairo eine Rede halten. Er tritt in große Fußstapfen. Vor knapp zehn Jahren hatte Barack Obama sich an der Universität Kairo mit einer Grundsatzrede an die Islamische Welt gewandt. Von einem "Neuanfang" sprach er damals. Doch der kam anders als es sich die Amerikaner vorgestellt hatten: Der Arabische Frühling brachte die Islamisten an die Macht. Seither haben die USA in Ägypten beständig an Einfluss verloren.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
realist1964 10.01.2019
1. Und dass ihr berühmtestes Zitat von Freiheit handelte.
Nicht ganz richtig. Sie war definitiv keine Demokratin. Ihr Freiheitsbegriff bezog sich nur innerhalb eines sozialistischen Staatswesen. Ist aber bezeichnend, dass dies hier gerne ignoriert wird.
guillermo_emmark 10.01.2019
2. Ignoranz hoch zwei
Zitat von realist1964Nicht ganz richtig. Sie war definitiv keine Demokratin. Ihr Freiheitsbegriff bezog sich nur innerhalb eines sozialistischen Staatswesen. Ist aber bezeichnend, dass dies hier gerne ignoriert wird.
"Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden" lautet jenes berühmte Zitat. Entweder kennen Sie es nicht oder Sie ignorieren das munter. Auch sehr bezeichnend.
haresu 10.01.2019
3. Höchstens halbpolitisch?
Das ist schade. Schade ist auch, wenn man von solchen historischen Personen alles wegstreicht was einem nicht passt. Wie wäre es mal mit dem folgenden Zitat: "Geschändet, entehrt, im Blute watend, von Schmutz triefend – so steht die bürgerliche Gesellschaft da, so ist sie.", schreibt Luxemburg in der Junius- Broschüre. Und Marx zitierend: "der Demokrat geht ebenso makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Überzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die Verhältnisse ihm entgegen zureifen haben." Ist das jetzt undemokratisch gedacht? Und wenn? In Zeiten, in denen Demokratie und Meinungsfreiheit gerne von Leuten missbraucht werden, um nur Egoismus zu predigen, bei denen immer die Anderen schuld haben und die jede Notwendigkeit zur Veränderung negieren, da kann Luxemburgs Denken durchaus bereichernd sein.
realist1964 10.01.2019
4. Ich kenne es, aber sie verstehen es nicht.
Zitat von guillermo_emmark"Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden" lautet jenes berühmte Zitat. Entweder kennen Sie es nicht oder Sie ignorieren das munter. Auch sehr bezeichnend.
Genau dieses Zitat meine ich ja, es wird immer wieder behauptet, das sie damit wirklich alle politischen Menschen meinte. Dies stimmt aber nicht. Sie meinte die verschiedenen sozialistischen Strömungen. Diese wollte sie einen. Aber eine Räterepublik sollte Deutschland trotzdem werden. Ich empfehle ihnen wirklich sich mit dieser guten Frau zu beschäftigen. Und nicht nur mit ein paar Schlagwörter. Vor der frau habe ich in vielen Dingen Achtung, gerade in Hinsicht Emanzipation. Eine Demokratin war sie aber trotzdem nicht.
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