Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


es gibt Angela Merkel noch. Endlich haben wir den Beweis. Heute und morgen können wir sie auf Bildern aus China sehen. Das ist beruhigend, weil man ihr ja nichts Böses wünscht. Aber ich frage mich mehr und mehr, warum sie eigentlich noch einmal Bundeskanzlerin werden wollte. Ein stilles Leben kann man auch mit weniger Aufwand bekommen als im Beruf der Bundeskanzlerin. Jetzt wirkt sie wie die erste Ex-Bundeskanzlerin, die noch im Amt ist.

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Heft 21/2018
Wie Verbrecher und Heilige eine Weltmacht schufen

In den vergangenen Wochen war es sehr still um sie, noch stiller als sonst. Die Koalitionspartner Union und SPD kämpfen gegeneinander, als wäre noch Wahlkampf oder schon wieder, Jens Spahn und Annegret Kramp-Karrenbauer versuchen sich für die nächste Kanzlerschaft zu empfehlen, genauso Sigmar Gabriel, aber vielleicht mischt der sich nur deshalb überall ein, weil er nicht anders kann, die CSU sucht rechts eine Überholspur, auf der sie an der AfD vorbeikommt, Martin Schulz äugt schon wieder nach einem Spitzenamt, Macron macht ununterbrochen alles, was Merkel auch machen müsste, und Donald Trump füttert unverdrossen seinen Twitteraccount. Alle sind irgendwie da. Nur eine fehlt (außer jetzt in China). Man muss ja nicht vier Jahre im Amt bleiben, wenn man keine Lust haben sollte.

I love Datenschutz-Grundverordnung

AP/dpa

Noch nie habe ich so viele erfreuliche Mails bekommen wie in diesen Tagen. Ständig kleine Glücksgefühle, ständig Erleichterung. Convoco zum Beispiel schrieb mir gestern dies: "Wir möchten uns von Ihnen verabschieden. In Zukunft erhalten Sie keine Einladungen und Informationen mehr von Convoco, da Sie uns Ihre Einwilligung nicht gegeben haben, und wir mit Ihnen ohne diese aufgrund der Datenschutz-Grundverordnung nicht mehr in Kontakt treten können." Und tschüss!

Ich habe nie um Einladungen und Informationen gebeten, nicht von Convoco und nicht von unzähligen anderen Organisationen, die meine Inbox mit Mails überfluten, sodass ich gar nicht nachkomme mit dem Wegspamen. Nun hilft mir und hoffentlich auch Ihnen die Datenschutz-Grundverordnung der EU, die morgen in Kraft tritt. Danke, Europa.

Mord und Politik

DPA

Die Ermittler im Fall MH17 geben heute eine Pressekonferenz in den Niederlanden und legen Zwischenergebnisse vor. Leider kündigt dpa schon an, dass die Namen von Verdächtigen nicht genannt werden. Das malaysische Passagierflugzeug wurde 2014 über dem Osten der Ukraine abgeschossen. Seither beschuldigen sich die ukrainische Regierung sowie die Russen und ihre Verbündeten in der abtrünnigen Ostukraine gegenseitig, das Massaker veranstaltet zu haben. 298 Menschen starben.

Die schlimmsten Mörder haben oft das Glück, dass sie politischen Interessen dienen und hinter diesen Interessen viel Macht steht. So bleiben sie einstweilen ungeschoren. Aber politische Interessen und Machtverhältnisse ändern sich. Es wird dauern, aber wir dürfen zuversichtlich sein, dass diese monströse Untat noch Angeklagte und Richter finden wird.

Verlierer des Tages...

... ist selbstverständlich wieder der Westen. Gestern hatte ich an dieser Stelle angekündigt, dass ich Sie mit weiteren Erkenntnissen aus Kishore Mahbubanis neuem Buch "Has the West lost it?" versorgen will. Ich konnte inzwischen 53 Seiten lesen, von 93 (ein schmales Buch). Die Grundthese des Politikprofessors aus Singapur geht so: Vom Jahr 1 bis zum Jahr 1820 waren stets China und Indien die größten Ökonomien der Welt. Dies sei also der Normalfall gewesen. Dann kamen 200 Jahre Abweichung, mit Vorteilen für Europa und Amerika. Nun kehre die Welt zum Normalfall zurück, weil Asien, Teile Afrikas und andere die größte Errungenschaft des Westens übernommen hätten: das vernunftgeleitete Nachdenken und Argumentieren. Das habe dort zu drei Revolutionen geführt:

Erste Revolution - Nach einer langen Ära der feudalen Herrschaft hätten die Anführer eingesehen, dass sie ihren Völkern verantwortlich sind.

Zweite Revolution - Die Menschen im Rest der Welt (so schreibt Mahbubani selbst) hätten begriffen, dass sie nicht einem Schicksal ausgeliefert seien, sondern ihr Leben selbst in die Hand nehmen müssten.

Dritte Revolution - Die Anführer hätten auch eingesehen, dass es auf good governance ankäme, auf gutes, rationales Regieren.

Mahbubani türmt eine Unzahl von Zahlen und Fakten vor allem aus China, Indien und Indonesien auf, welche die Folgen dieser Entwicklungen belegen sollen. Daraus leitet er eine euphorische Sicht auf die Zukunft ab: Das wahre goldene Zeitalter komme noch.

Und der Westen? Ist pessimistisch, trübsinnig und dabei immer noch überheblich, findet Mahbubani (Fortsetzung folgt).

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
StefanZ.. 24.05.2018
1. Kluge Einsichten aus dem Fernen Osten
Da ich nun seit einiger Zeit auch im östlichen Asien lebe und unterwegs bin, kann ich es mir nicht verkneifen dazu auch ein paar Zeilen zu schreiben. Dass speziell China dabei ist die neue einzige Weltmacht zu werden steht objektiv außer Zweifel. Das ist nicht gleichbedeutend damit, dass hier die vorbildlichste Form der Staatsführung stattfindet. Es wird noch einige Zeit dauern, bis China in diesen Belangen das Niveau von vielen westlichen Staaten erreicht hat. Deshalb bleibt es durchaus noch angebracht Menschenrechtsfragen bei Staatsbesuchen anzusprechen. China ist durchaus ganz vorne dabei beim erwähnten vernunftgeleitetem Nachdenken, Zweite Revolution. Das kann in dieser Weise allerdings nicht von vielen anderen Staaten außerhalb Europas gesagt werden. Solange unvernünftiges und irrationales Denken in Form von diversen Glauben an Religiöses (Indien, Indonesien, …) oder Wirtschaftsdogmatisches herrschen, kann man nicht behaupten, dass der Westen gegenüber Asien, Afrika, Nahem/Mittlerem Osten, Lateinamerika überholt wurde. Und für die Dritte Revolution ist ja wohl noch sehr viel Wunschdenken im Spiel. Die Liste der autokratischen Langzeitherrscher quer durch Afrika, Nahen Osten und Asien ist leider sehr lange. Wer hat hier die wissenschaftliche good-governance Definitionshoheit? Und was Herrn Mahbubanis Prophezeiungen angeht, das wahre goldenen Zeitalter hat gemäß anderen Prophezeiungen bereits Mitte des 19 Jahrhunderts in seiner Übergangsphase angefangen die noch bis 2028 dauert. Danach stehen uns noch Jahrhundertelange weitere große Umwälzungen bevor, bis zum fernen Happy End. Je nachdem wie klug oder fahrlässig wir die Verhältnisse ändern wären nach diesen Prophezeiungen allerdings noch 1-2 grausamste Weltkriege zu durchleben. Kein Selbstläufer also.
Bananenschale 24.05.2018
2. DSGVO versus Microsoft
Es ist doch skuril! Die DSVG macht Firmen, die Windows 10 einsetzen, erheblichen zusätzlichen Aufwand, damit prüfbar Kundendaten nicht abfließen. Doch an der Spyware Windows ändert sich selbst nichts. Wenn es korrekt liefe, müßte Windows geändert werden oder aber M$ wird der Marktzugang zur EU verammelt. Passiert aber nicht. Für Privat-Personen ändert die DSVGO an der Misere nichts. Flankierend zu dererlei Gesetzgebung müßte festgelegt werden, daß das Format von Dokumenten open ist also öffentlich einsehbar spezifiziert ist. Dann nämlich würden andere Anbieter alternative Software zur Bearbeitung von Dokumenten anbieten und der Zwang Windows zu nutzen, weil nur dort die einschlägen Office-Anwendungen laufen, entfiele. Windows wäre nämlich schon lange Gschichte, gäbe es nicht die proprietären Datenformate die jede Institution zur Nutzung der Spyware aus dem Hause M$ zwingt. So, wie an der Steckdose 230 V Wechselspannung mit 50 Hz anliegen, Gewinde metrisch sind und ein Blatt Papier typischerweise ein DIN-Format hat ( in Dtl. ), sollten auch Datenformate Normen entsprechen. Die Frage ist nur: Wie setzt man entsprechende Kontrollen um? Wer beurteilt wie mit welcher Legitimation?
Kopf-Tisch 24.05.2018
3. Datenschutz-Grundverordnung
Nein, ein "I love..." kommt bei mir nicht auf. Sportvereine machen ihre Websites zu, weil sie dort Fotos fröhlicher Mitglieder auf Veranstaltungen ebenso wie z.B. Mannschaftslisten haben. Ein rechtssicherer Betrieb eines Sportvereins ist derzeit kaum möglich. Danke, Europa. Die bisherigen Regelungen waren deutlich ausreichend. Jetzt brüstet man sich, dass man endlich Facebook & Co etwas entgegen setzen kann. Aber die, die es treffen soll, werden sich effektiv einen Dreck darum scheren. Und der Spaß fängt erst an: Die z.T. hurtig erstellten Datenschutzhinweise sind so lang wie ein Roman und voller juristischer Fallstricke. Niemand wird das zum Informieren verwenden: "Oh, guck ich doch mal, wie hier mit meinen Daten umgegangen wird". Wer hat sich diesen Blödsinn ausgedacht...
frank-xps 24.05.2018
4. Ja unsere Verbalmoralartisten
Mal sehen wie die Meinung kippt wenn als einziger Effekt Abmahnanwaltskanzleien die kleinen Firmen drangsalieren. Sie lieben sicher auch die EU weil sie bei der Italienreise 2 mal im Jahr den Stopp an der Grenze sparen. Und den Euro weil sie das Währungsumrechnen herausgefordert hat. Die Zuwanderungsriesenchance weil die dann später alle ihre Rente einzahlen und den Sozialismus weil die immer so tolle Ideale haben. Nur eines sollten sie bedenken immer mehr Leistungsträger außerhalb von Medienschaffenden & Künstlerkreisen reduzieren grade die Leistung! Das sind jene deren Leistungen sie und alle ihre Sozialisten immer so gerne umverteilen, und sich moralisch selbst befriedigen. Aber selber gehören ja relativ wenige der Verbalmoralapostel zu den Hochproduktiven. naja wies denn auch sei, bald müssen sie selber an die Arbeitsfront. Venzeremos
mswr 24.05.2018
5. Dsg-vo
Die Datenschutzgrundverordnung ist bereits 2016 (!) in Kraft getreten - gilt aber erst ab Freitag (Art 99 DSG-VO)
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