Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser,


Angela Merkel spricht heute auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos, dessen etwas umständliches Motto "Für eine gemeinsame Zukunft in einer zersplitterten Welt" lautet. Doch Merkel muss erst gar nicht den Blick schweifen lassen, wenn sie Gesellschaften betrachten will, die auseinanderdriften.

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Heft 4/2018
Warum sich SPD, Grüne und Linke neu erfinden müssen

Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung besitzen die 45 reichsten deutschen Haushalte die Hälfte des deutschen Vermögens. Die Verteilung des Wohlstands gestaltet sich demnach nicht nur weit ungleicher als bisher angenommen - Deutschland schneidet bei diesem Thema auch im europäischen Vergleich deutlich schlechter als etwa Frankreich oder Spanien ab.

Gut möglich also, dass die Zahlen nicht nur die Debatte in Davos anregen - sondern auch die anstehenden Koalitionsgespräche mit der SPD.

Eine Frage der Chemie

DPA

Ob ein Bündnis gelingt, hängt oft an der simplen Frage, ob sich die Spitzenleute verstehen. Dass die Große Koalition zwischen 2005 und 2009 recht reibungslos funktionierte, lag auch an der Freundschaft zwischen Peter Struck und Volker Kauder, den Fraktionschefs von SPD und Union. Worte wie "Wildsau" oder "Gurkentruppe" fielen erst später, als die Union zusammen mit der FDP regierte.

Heute stellt Kauder das Buch "Die Fraktion. Zwischen Machtzentrum und Fegefeuer" vor, es ist vor allem eine Verneigung vor dem im Jahr 2012 verstorbenen Struck. Mit dabei ist auch Andrea Nahles, die aktuelle Chefin der SPD-Fraktion. Befreundet ist sie mit Kauder nicht; aber Nahles genießt großen Respekt, nicht nur bei Kauder, sondern auch bei der Kanzlerin. Für ein Bündnis ist das immerhin ein Anfang.

Mut zur Müdigkeit

Getty Images

Erschöpfung ist das politische Thema dieser Tage. Wer Martin Schulz gesehen hat, wie er sich am vergangenen Wochenende erst über den SPD-Parteitag quälen musste und sich dann noch in eine abendliche Talkshow schleppte, der wird nicht mehr so schnell das Klischee des faulen Politikers bemühen.

Wer wissen will, wie sich die Politik in den vergangenen Jahrzehnten beschleunigt hat, der muss nur einmal in die Kalender der früheren Kanzler schauen. Als Konrad Adenauer im Sommer 1959 den amerikanischen Präsidenten Dwight D. Eisenhower in Bonn empfing, war das für ihn kein Anlass, auf sein obligatorisches Mittagsschläfchen zu verzichten.

Bei den Sondierungsgesprächen für die Große Koalition hatten Merkel und Schulz schon Angst, es würde ihnen als Schwäche ausgelegt, wenn sie um Mitternacht abbrechen, um sich schlafen zu legen. Stattdessen verhandelten sie bis in den Morgen und traten mit leichenblassen Gesichtern vor die Kameras. Im Moment wünscht man der Politik vor allem den Mut zur Müdigkeit.

Verlierer des Tages...

Uncredited/YPG Press Office/DPA

... sind die Kurden. Sie waren es, die die Last des Kampfes gegen den IS trugen, der Westen hat sie dazu ermutigt und mit Waffen beliefert - auch Deutschland schickte Sturmgewehre, Handgranaten und panzerbrechende Raketen. Nun, da der IS weitgehend niedergerungen ist, geht die Türkei gegen die Kurden in Syrien vor, auch mithilfe von Panzern, die in Deutschland gebaut wurden. "Die Geschichte der Kurden ist von Verrat geprägt", schreibt mein Kollege Hasnain Kazim, und er hat recht damit. Vom Selbstbestimmungsrecht der Völker, das in Artikel 1 der Uno-Charta niedergelegt ist, durften die Kurden immer nur träumen.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
bmvjr 24.01.2018
1. Wer weiss
wie Jamaika oder auch die Sondierungsgespraeche zwischen SPD und CDU/CSU ausgefallen waeren, wenn die Teilnehmer sich tatsaechlich zu gegebener Zeit ausreichend Schlaf gegoennt haetten? Wen wollten sie denn mit dem voellig uebermuedeten Marathon beeindrucken? Wer nicht ausgeruht in wichtige, schwere Verhandlungen geht, macht Fehler, wird unaufmerksam, fahrig und nachlaessig. Das scheint in Bezug auf die Ergebnisse der Sondierung, die ja besonders die SPD nachbessern will, offenbar voll zuzutreffen.
Alias iacta sunt 24.01.2018
2. Neue Koalitionsarchitektur CDU/SPD/GRÜNE
Neue Koalitionsarchitektur CDU/SPD/GRÜNE Nachdem der ganze Stress mit Koalition Ja/Nein mit knappem Ja sind viele Dinge klar geworden und ganz viele sicher eintretende Konflikte bekannt. CSU wird weiterhin sperren und provozieren um im Fernsehen gesendet zu werden. CDU/CSU wird mit ausreichender Mehrheit alles aussitzen und versanden lassen, was nicht genehm ist oder wofür man sich ins Zeug legen müsste. Deshalb müssen SPD, Jusos, Bürgern einfordern, dass eine ausgeglichene und arbeitsfähige Koalition CDU/SPD/GRÜNE diskutiert und beschlossen wird. Die Bürger werden es den Politikern mit Stimmen in 4 Jahren danken.
123Valentino 24.01.2018
3. Diese Typen...,
kennt man auch aus dem beruflichen Umfeld. Bei einigen glaubte man , dass sie auch im im Büro nächtigen, nicht schlafen. Sie waren immer am Schreibtisch, stöhnten über die viele Arbeit . Ein typischer Spruch, „man kommt zu nichts“ . Ich habe Leute kennengelernt, die nachts im Hotel ihre ppp erstellt haben . Das Ergebnis dieser arbeits Orgien , gleich null. Es sind auch die Leute, die fest an ihre Unabkömmlichkeit glauben, sind aber nicht erstaunt, dass die Firma , auch nach längerer Abwesenheit, noch funktioniert. Wer vorgibt, bis morgens früh für die Zukunft unseres Landes zu kämpfen der lügt. Aber welche Politiker ist schon ausgeschlafen, eher sind sie alle angeschlagen.
Flari 24.01.2018
4.
Zitat von Alias iacta suntNeue Koalitionsarchitektur CDU/SPD/GRÜNE Nachdem der ganze Stress mit Koalition Ja/Nein mit knappem Ja sind viele Dinge klar geworden und ganz viele sicher eintretende Konflikte bekannt. CSU wird weiterhin sperren und provozieren um im Fernsehen gesendet zu werden. CDU/CSU wird mit ausreichender Mehrheit alles aussitzen und versanden lassen, was nicht genehm ist oder wofür man sich ins Zeug legen müsste. Deshalb müssen SPD, Jusos, Bürgern einfordern, dass eine ausgeglichene und arbeitsfähige Koalition CDU/SPD/GRÜNE diskutiert und beschlossen wird. Die Bürger werden es den Politikern mit Stimmen in 4 Jahren danken.
Gedanken kann man sich zu allem machen, Frage ist nur, welchen Sinn etwas macht. Sollte die CDU es wagen, ohne die CSU eine Regierung zu bilden, dürfte die CSU zu ihren Plänen zurückkehren, sich deutschlandweit aufzustellen, wobei sie ausserhalb BY der CDU (aber auch der AfD) bedeutend mehr Stimmen abnehmen dürfte, als eine CDU in BY gewinnen könnte. Also wird die CDU nichts ohne die CSU machen...
interessierter Laie 24.01.2018
5. oh nein...
Höher als in Italien oder Spanien? Wie kann das sein? Deutschland boomt seit vielen Jahren. Spanien und Italien haben gerade erst oder noch nicht mal die Kurve gekriegt. Das ändert an der Verteilung der Vermögensgegenstände wenig, aber sehr viel an deren Bewertung! Ergo: Wir brauchen nur eine ordentliche Finanz-, Immobilien- und Wirtschaftskrise und schon sieht die Statistik wieder viel gerechter aus. Ob das glücklicher macht steht allerdings auf einem anderen Blatt.
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