Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


es ist erst ein paar Monate her, dass Martin Schulz der Kanzlerin einen "Anschlag auf die Demokratie" vorgeworfen und geschworen hat, nie in ihr Kabinett einzutreten. Angela Merkel wiederum hat es bis vor Kurzem tunlichst vermieden, den Namen des SPD-Chefs auch nur zu erwähnen.

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Heft 2/2018
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Nun müssen die beiden bei den laufenden Sondierungsgesprächen demonstrieren, dass sie doch miteinander können. Nicht nur, weil das Land eine Regierung braucht. Sondern auch, weil ihre Jobs nur in einer Großen Koalition gesichert sind. "Und es leuchtet hoch am Himmel auch für Dich ein heller Stern", heißt es in einem Lied der Sternsinger, die heute bei Merkel im Kanzleramt auftreten. Für die CDU-Chefin, so ist zu vermuten, trägt der Stern seit Kurzem: die Züge von Martin Schulz.

Junckers Chance

LECOCQ/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Jean-Claude Juncker hat es nicht leicht in diesen Tagen. Erst der Brexit, dann der Ärger mit den Regierenden in Polen und Ungarn wegen ihrer Verstöße gegen den Rechtsstaat. Und heute soll der Chef der EU-Kommission auf einer Konferenz europäischer Spitzenpolitiker auch noch erläutern, wie die Finanzlöcher gestopft werden sollen, die der Austritt Großbritanniens in der Gemeinschaftskasse hinterlässt.

Immerhin schlagen inzwischen einige von Junckers Kollegen vor, den renitenten Regimen in Warschau und Budapest den Zugang zu milliardenschweren EU-Subventionen zu kürzen - was wiederum den hübschen Nebeneffekt hätte, die Brüsseler Kassenlage zu verbessern. Wie lautet noch gleich das altbewährte EU-Prinzip? In der Krise liegt die Chance.

Der Abgrund der Arbeitgeber

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Wenn die IG Metall für kürzere Arbeitszeiten kämpft, antworten die Arbeitgeber gern mit Untergangsrhetorik. Beim Streit um die 35-Stunden-Woche Mitte der Achtzigerjahre sprachen sie vom "Weg in den Abgrund". Die aktuelle Forderung nach kürzeren Arbeitszeiten für Beschäftigte, die Kinder oder pflegebedürftige Angehörige betreuen, nennen sie "Stilllegeprämie für Fachkräfte".

Vielleicht sollten die Unternehmer-Funktionäre, die heute die ersten Warnstreiks der IG Metall erdulden müssen, mehr auf das eigene Verhandlungsgeschick vertrauen. Schließlich ist es ihnen in der Vergangenheit gelungen, im Gegenzug für kürzere auch flexiblere Arbeitszeiten durchzusetzen, was für die Branche meist zwei Effekte hatte: anhaltenden Exporterfolg und wachsende Beschäftigung.

Özdemirs Trost

DPA

Er ist der beliebteste Politiker der Grünen, doch spätestens bei der heutigen Vorstandsklausur in Berlin wird klar: In den Chefetagen der Partei ist bald kein Platz mehr für Cem Özdemir. Wegen der Frauenquote kann er Katrin Göring-Eckhardt nicht von der Fraktionsspitze verdrängen, und für den Vorsitzenden-Job sind bereits andere Vertreter des Realo-Flügels gesetzt. Er sehe für sich "keine Mehrheit" mehr, sagte Özdemir jetzt der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", der er zugleich anvertraute, dass er über die Weihnachtstage Trost bei einem Konzert der Schwabenrock-Gruppe Schwoißfuaß gefunden habe. Bekanntester Hit: "Oinr isch emmr dr Arsch".

Verlierer des Tages...

DPA

... ist der Balkon. Für viele Deutsche ist der luftige Fassaden-Vorsprung ein Sehnsuchtsort, an dem sie sich wahlweise als Kleingärtner, Kettenraucher oder Kampfgriller beweisen können. Für Koalitions-Verhandler dagegen ist er zum No-Go geworden, seit ihn die winkenden und grimassierenden Jamaika-Delegierten als politischen Ort gründlich diskreditiert haben. Auf keinen Fall, so betonen unisono die Vertreter von Union und SPD, werde es bei ihren heutigen Sondierungsgesprächen Terrassen-Fotos geben. Motto: Für die Große Koalition liegt die Zukunft in Europa, nicht in Balkonien.

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insgesamt 16 Beiträge
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keine Zensur nötig 08.01.2018
1. Balkonien -
das ist da, wo sich die weniger Betuchten ihren Urlaub gestalten. Auch sie sind Verlierer. Insofern ein guter Vergleich. Nur das mit dem Europistan des Martin Schulz lassen wir mal besser. Die Linie der Eurokraten um Herrn Juncker ist ja bekannt - immer neue Tatsachen schaffen bis das Ganze kollabiert. Statt nach neuen Finanzzierungsmöglichkeiten zu suchen, - wie wäre es mit Einsparungen? So vorallem bei sinnlosen Dingelchen? Oder bei den Gehältern? Tolle Sache - die NSU-Bewältigung klappt wenigstens filmisch, wenn schon nach massivem Zeugensterben, unerklärlichen Aktenschwund und Totalversagen deutscher Justiz vorher schon die Anstalt uns erklären musste, was da schieflief bei der Aufarbeitung. Was unsere Groko betrifft - wozu das Theater? Die SPD vollführt die nächste Wende, um Posten und Pfründe ihrer Parteibonzen zu sichern, deren Basis kommt das vollkommen alternativlos vor und dem Wähler ist davon so schwindelig, dass er das Kreuzchen nicht mehr bei Sozen macht. Nahziel der SPD - 18%, Fernziel raus aus dem Bundestag. Der rechte Flügel in die CDU, der linke zu den Linken, der Rest zu den Grünen. Schön, wenn Herr Özdemir endlich einsieht, dass ihn keiner mehr mag. Damit verschwindet dieser Transatlantiker endlich, der deutsche Soldaten weltweit in den Tod schicken will.
lumpazivagabundus2017 08.01.2018
2. Widerliches Schmierenstück
Selten wurde eine Bevölkerung so hinters Licht geführt wie bei den jetzigen "Koalitionsverhandlungen". Eine Kanzlerin, die selbstgefällig, unbelehrbar und realitätsfern vor sich hinwurschtelt. Ein CSU-Mann, der wie die Vasallen von der CDU jeden Tag neu aufgepumpt werden muss, damit er nicht umfällt. Eine SPD-Riege, die auf der einen Seite Minister bleiben will aber nicht regieren mag.. Sie werden sich einige und es als große Leistung verkaufen. Wir werden uns noch wundern. Es ist entsetzlich, wie feige die deutsche Bevölkerung geworden ist, eingelullt von einer schlafenden Kanzlerin und einer willfährigen Presse. DAFÜR müsste man auf die Straße gehen, nicht wegen irgendeines unwichtigen Quatsches.
dirk1962 08.01.2018
3. Schulz irrt sich
wenn er glaubt er könne der SPD Basis mit einem guten Ergebnis bei den Sondierungen dazu bewegen die gescheiterte Merkel erneut zu tragen. Der Basis ist sicher eine GroKo zu vermitteln, aber nicht weitere 4 Jahre im Merkel Koma.
peter.hummler 08.01.2018
4. Für manche Journalisten und Medienquellen ....
scheint es eine Sensation zu sein Kompromisse einzugehen , anstatt sich nur bis zum bitteren Ende zu streiten und sich am besten noch Schlamschlachten zu liefern ! Das würde vermutlich mehr und "bessere" Schlagzeilen geben .. ich finmde es immer gut wenn Politiker sich bei alle den unterschiedlichen Meinungen durch Kompromisse zu verständigen können , die haben meinen ganzen respekt verdient !
wasistlosnix 08.01.2018
5. Özdemir lebt in der Vergangenheit
Die Gruppe Schwoisfuaß gibt es seit Ende der Siebziger nicht mehr. Er scheint gedanklich stehen geblieben zu sein.
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