Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


es war einmal ein Land, das zur Fußballweltmeisterschaft einlud. 2006 war das, der Sommer war hell und blau. Wie im Zauber hat sich das Land in jenen Tagen neu erfunden, plötzlich war es auf lässige Weise selbstbewusst. Die Deutschen lachten endlich auch über ihr Land, das sie von nun an am liebsten "Schland" nannten. Es war der erste Sommer der ersten Bundeskanzlerin, und einen neuen Bundestrainer gab es bald auch, er hieß Joachim Löw. Die Bundeskanzlerin und der Bundestrainer verstanden sich gut, es sollte für beide eine lange und doch auch glückliche Regentschaft werden.

Fanmeile in Berlin bei der WM 2018
Florian Gaertner / Photothek.net / imago

Fanmeile in Berlin bei der WM 2018

Titelbild
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Heft 27/2018
Fußball, Politik, Wirtschaft

Bis in die heutigen Tage, bis in den Sommer 2018 hält diese Regentschaft an. Und auch dieser Sommer ist hell und blau. Doch die Stimmung im Land hat sich verdunkelt. Die Deutschen sind nicht mehr lässig. Wenn sie über sich selbst lachen, dann klingt dieses Lachen heiser, es klingt bitter. Die Kanzlerin hatte große Mühe, eine Regierung zustande zu bringen, mit dem Moment des Zustandekommens hat diese Regierung gegen sich selbst zu kämpfen begonnen. Und das, was Deutschland ausgemacht hat, eine Wirtschaftskraft, die auf Verlässlichkeit beruhte und in "Made in Germany" ihr Markenzeichen gefunden hat, ging verloren. Deutschland ist peinlich berührt von der Dieselaffäre, von einem Autokonzernchef, der in U-Haft sitzt, von einem Flughafen bei Berlin, von einem Bahnhof in Stuttgart, die nicht fertig gebaut werden. Und wäre das alles nicht scheußlich genug, ist am Mittwoch das erste Mal eine deutsche Fußballnationalmannschaft aus der Vorrunde einer WM geflogen. Schland unter.

Angela Merkel und Horst Seehofer
REUTERS

Angela Merkel und Horst Seehofer

Journalismus ist ja ein Rohentwurf der Geschichtsschreibung, und die Titelstory im neuen Heft liefert ein Stück Geschichtsschreibung. Sie rekonstruiert die Gründe für die neue deutsche Misere - die übrigens nicht allein dadurch behoben sein wird, dass sich eine Frau Merkel und ein Herr Seehofer an diesem Wochenende vielleicht doch zusammenraufen werden (was ihnen nach dem erfolgreichen EU- Gipfel nun wirklich möglich sein müsste). Es wird dunkel bleiben, erst einmal. Denn die Voraussetzung für eine Wendung zum Guten ist immer ein gelassenes Selbstbewusstsein. Und dass das jetzt fehlt, hat wiederum viel mit Merkel und Seehofer und ja, auch mit Herrn Löw zu tun.

Die Titelgeschichte erzählt vom Märchen, das 2006 begann, bei der WM 2014 den schönsten Moment hatte und nun zu Ende gegangen ist. Die Titelzeile lautet: "Es war einmal ein starkes Land". Das Titelbild zeigt eine zerlaufene Deutschlandfahne. Und da sich der SPIEGEL durchaus als nationale Institution begreift, haben wir, das erste Mal in unserer Geschichte, unseren roten Titelrahmen umgedreht: Der Schriftzug - DER SPIEGEL - hängt diesmal unten. Der neue deutsche Zustand: verdreht.

DER SPIEGEL

Der rechte Weg

Österreich: Verändern hohe Berge und enge Täler die Wahrnehmung?
DPA

Österreich: Verändern hohe Berge und enge Täler die Wahrnehmung?

Wann und wodurch gerät ein Land in die Schieflage? Österreich ist das liebste Urlaubsland der Deutschen, die Deutschen fühlen sich dem Land nahe - werden die Deutschen auch denselben Weg einschlagen? Österreich ist jedenfalls nicht auf dem rechten Weg, es ist auf dem Weg nach rechts. Fast alle Schlüsselressorts in der Regierung des jungen Bundeskanzlers Sebastian Kurz haben Rechtspopulisten von der FPÖ übernommen, sie beherrschen die öffentliche Debatte.

DER SPIEGEL

Im Video: SPIEGEL-Autor Ullrich Fichtner hat sich auch die Landschaft angeschaut, um zu verstehen, wie die populistische Politik in Österreich die Gesellschaft beeinflusst.

Mein Kollege Ullrich Fichtner ist in den vergangenen Monaten immer wieder nach Österreich gefahren, er hat 30 ausführliche Gespräche geführt und porträtiert auf zehn Seiten im neuen Heft ein Land, dessen gesellschaftlicher Friede in die Brüche geht - ein Unglück nicht nur für das Land selbst, sondern auch für seine Nachbarn, ja, für das ganze große Projekt EU. In dieser Woche übernimmt Österreich den Vorsitz im Rat der Europäischen Union.

Schnäppchen schlägt Angst

El Gouna am Roten Meer
Peter Bauza/ DER SPIEGEL

El Gouna am Roten Meer

Wenn Österreich das liebste Ferienland der Deutschen ist, dann liegt es ganz sicher an der Schönheit des Landes, aber auch daran, dass Urlauber es zuletzt für weniger gefährlich hielten als Ägypten zum Beispiel oder Tunesien oder die Türkei. Doch die Urlauber scheinen in diesem Sommer Terroranschläge weniger zu fürchten, als noch in den vergangenen Sommern, das jedenfalls legt eine aktuelle Studie der Welt-Tourismus-Organisation (WTTC) nahe. Demnach dauerte es nach einem terroristischen Anschlag früher knapp ein Jahr, bis die Gäste wiederkamen. Im Anschluss an den Ausbruch einer ansteckenden Krankheit waren bis zu 21 Monate nötig, bei einer Umweltkatastrophe fast zwei Jahre. Nach einem politischen Umsturz betrug die Karenzzeit sogar fast 27 Monate. Diese Zeiträume haben sich deutlich verkürzt. Der Wirtschaftsaufmacher im neuen Heft beschreibt, wie die Deutschen in diesem Sommer wieder nach Hurghada, Antalya oder Djerba stürmen. Vielleicht ist da immer noch Angst, aber die Freude am Schnäppchen ist größer: 440 Euro für zwei Wochen Ägypten all-inclusive. Die Mutigen, so das Kalkül der Reiseveranstalter, sollen die Solventen nach sich ziehen.

Gewinner des Tages...

Fanmeile in Berlin bei der WM 2006
DPA

Fanmeile in Berlin bei der WM 2006

...ist die Mannschaft. Nein, jetzt bitte nicht lachen, ich sage ja nicht "Nationalmannschaft", sondern "Mannschaft". Die Nationalmannschaft des Sommers 2006 hat den Deutschen beigebracht, dass es ein gutes Wir gibt, ein Gemeinschaftsgefühl, das einschließt, nicht ausschließt. Am Mittwoch mussten "wir" lernen, dass "wir" auf peinliche Weise verloren haben - aber es sind halt diese Momente, in denen sich so ein Wir dann mal bewähren muss. Wir hier im SPIEGEL haben uns Minuten nach der Niederlage zusammengesetzt, es war ja gar keine Frage, dass aus dem Zusammenkommen von Regierungskrise und Fußballkrise und Dieselkrise der Titel dieser Woche werden müsste. Rafael Buschmann und Gerhard Pfeil lieferten Recherchen aus der Sportwelt zu, Ullrich Fichtner und Isabell Hülsen Erkenntnisse aus der deutschen Wirtschaft, René Pfister Passagen aus der Berliner Politik, Lothar Gorris deutete die Symbolik der deutschen Krise aus, Markus Feldenkirchen schrieb das alles zusammen. 26 Stunden nach unserem Treffen gab es die erste Textfassung, sie wurde bearbeitet und produziert und kam vier Stunden später in den Druck - es war das schönste Mannschaftsspiel.

Liebe Leserin, lieber Leser, nun sind Sie Teil dieser Mannschaft, Sie sind dran. Ob wir ein gutes Heft gemacht haben, entscheiden Sie.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ich jedenfalls wünsche Ihnen Freude an der Lektüre und ein schönes Wochenende,

Ihre

Susanne Beyer

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insgesamt 22 Beiträge
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karlnap50 30.06.2018
1. Methode Kohl
woran unser Land zerbrechen kann ist die Kultur des Nichtentscheidens. Durch Aussitzen verspielen wir die Zukunft unseres Landes.
i.dietz 30.06.2018
2. Moin
Europa wird zur Festung - ob mit oder ohne Merkel ! Und das ist gut so !
conrath 30.06.2018
3. Sie haben es gut beschrieben.
Es ist so, kein schöner Land als das unsrige. Dennoch, es hat sich über einen längeren Zeitraum eine behäbige und von sich selbst und der eigenen Überlegenheit und Kompetenz "überzuckerte" Einstellung entwickelt. Alles ist gut. Ein Wahlkampfslogan wurde daraus. Diese Einstellung und Grundhaltung habe ich für einen gefährlichen Irrtum gehalten. In der Luftfahrt nennen wir sie 'complacency' - ein sich darauf verlassen, dass die Systeme alles im Griff haben. Sie führt im Krisenfall zu Überforderung und kann zu katastrophalen Fehlentscheidungen führen. Es ist tatsächlich an der Zeit, aus diesem Zustand aufzuwachen. Es ist lsnge schon Zeit für einen neuen "Ruck" und einen straffen Aufbruch. Dieselgate und BER und... sind klare Symptome dieser Krise. Das die Berliner Republik es nicht erkennt, erkennen will, ist keine Hilfe. Fangen wir endlich an, uns aus den bequemen Sesseln - überall - herauszukatapultieren. Fangen wir an, den Laden umzukrempeln und zukunftsfähig zu machen. Überall!
echoanswer 30.06.2018
4. Deutschland
ist keine Nation mehr. Der Wohlstand und das Geld halten die Trümmer noch zusammen. Die Moral ist am Ende. Eine Nation, die sich nur noch über eine verkommene Nationalmannschaft im FB definieren will, soll und das von Staats wegen, hat ausgespielt. Der soziale Frieden ist dahin. Familie, Kinder, Alte ... alles nur noch lästige Kostenfaktoren ohne gesellschaftliche Akzeptanz. Deutschland hat fertig. Wenn der Wohlstand jetzt sinkt, dann ... ja was? Selbst dafür ist der Deutsche zu träge und zu dämlich. Endlich gegen diese selbstverliebten Nullen in Berlin zu rebellieren. Lieber wartet der Deutsche bis wieder Nazis das Ruder übernehmen.
cato. 30.06.2018
5.
"Österreich ist jedenfalls nicht auf dem rechten Weg, es ist auf dem Weg nach rechts." Nach Jahrzehnten des massiven Linksrucks, ist der Weg nach rechts selbstverständlich der rechte Weg. Die Union muss zu ihrem Profil vor Merkel zurückkehren, dieser Irrweg vollständig rückgängig gemacht werden und natürlich die Fehlplanungen von Rot-Grün beseitigt werden, insbesondere beim Staatsbürgerschaftsrecht hat sich gezeigt, dass Doppelstaatsbürgerschaften und automatische Staatsbürgerschaften für Migranten keine Integration garantieren, im Gegenteil diese verhindern. Bei Fußballern wurde das Scheitern dieser Politik nur besonders offenkundig.
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