Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,


ist Ihnen aufgefallen, dass man so gar nichts erfährt von Angela Merkel in diesen Tagen und Wochen? Also noch weniger als sonst. Das Land wartet gespannt auf eine neue Regierung, auf ein Programm, aber von Merkel ist kaum etwas zu hören. Wie geht es ihr? Was geht in ihr vor? Wo will sie hin? Setzt ihr zu, dass es so schwer ist, eine Regierung zu bilden; dass so viele darauf warten, dass sie abtritt?

Wir sind zuletzt verwöhnt worden mit Berichten aus dem Inneren der Politik. Mein Kollege Markus Feldenkirchen konnte Martin Schulz über Monate im Wahlkampf begleiten (hier lesen Sie seinen Bericht). Der amerikanische Journalist Michael Wolff klebte lange als "fly on the wall", wie eine Fliege an der Wand, im Weißen Haus. War einfach da, weitgehend unbemerkt, hörte zu und schrieb den grandiosen Insiderbericht "Fire and Fury".

Merkel würde so etwas nie zulassen. Man kann ihr das nicht unbedingt verdenken, Trump hat sicherlich nicht profitiert von Wolffs Indiskretionen. Aber eine gewisse Transparenz gehört dann doch zur Demokratie. Merkel bleibt unter dem Mindeststandard.

Sie hält alle Journalisten auf Distanz. Am meisten erfährt man von ihr auf längeren Reisen ins Ausland, weil sie dann längere Hintergrundgespräche gestattet und relativ offen antwortet. Das ist auch ein Grund für die gigantische Informationslücke dieser Tage. Die geschäftsführende Bundeskanzlerin reist kaum noch ins Ausland.

Heute allerdings macht sie eine Reise. Merkel besucht Macron in Paris, zum 55-jährigen Jubiläum des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags (ein gutes Alter übrigens). Europas Nummer eins trifft Europas Nummer zwei. Wer ist nochmal die eins, wer die zwei?

Stillstand und Tosen

DPA

Wenn ein Orkan brüllt, neigen selbst die Gottlosen dazu, die Existenz höherer Mächte für möglich zu halten. Bäume knicken, Autos rutschen von der Straße, Zeug fliegt durch die Luft, wird zum Geschoss. Großes Tosen, gleichzeitig Stillstand. Die Menschen bleiben daheim und schauen bangend hinaus, die Bahn fährt nicht, bei der Skiflug-Weltmeisterschaft in Oberstdorf wird die Qualifikation verschoben, um maßlose Weltrekorde der unfreiwilligen Art zu vermeiden. Niemand könnte solche Flüge überstehen.

Der Orkan "Friederike" hat Deutschland gestern beherrscht und wird heute noch zu spüren sein. Passen Sie auf sich auf.

Aber sind es denn höhere Mächte? Oder ist es der vom Menschen gemachte Klimawandel? Die Häufung solcher Unwetter ist auffällig, der letzte Beweis fehlt, aber bis der geliefert und vom Letzten akzeptiert ist, könnte es zu spät sein, etwas zu ändern. Lieber jetzt.

Gewinner des Tages

DPA

Als Pendler mit der Bahn fürchte ich nichts so sehr wie die Durchsage: "Personenschaden" oder "Notarzteinsatz". Auch die anderen Passagiere stöhnen auf. Ein Mensch hat sich vor den Zug geworfen, es wird ewig dauern, bis es weitergeht. Manchmal, wenn wir dort auf freier Strecke stehen, male ich mir aus, was diesen Menschen in den Tod getrieben haben könnte, welche Not, welches Schicksal. An den Lokführer habe ich bislang nicht gedacht.

Das ändert sich jetzt, seitdem ich die Geschichte meines Kollegen Hauke Goos über Stephan Kniest gelesen habe. Er ist Lokführer, er hat vier Menschen überfahren. Sie wollten sich von ihrem Leid erlösen und haben Kniest dabei großes Leid aufgebürdet. Er musste töten, weil sie sterben wollten. Nach einer langen Pause ist es ihm gelungen, sich in seinen Job zurückzukämpfen. Lesen Sie diese bewegende Geschichte heute von 18 Uhr an in der digitalen Ausgabe des neuen SPIEGEL.

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Freitag und einen guten Start ins Wochenende,

Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Remote Sensing 19.01.2018
1. Immer weiter so
für Fr Merkel ist die Welt in Ordnung. Die SPD ist eingeknickt, sie kann weiter ziel- und planlos vor sich hinwursteln, Raute zeigen und die Welt weiterhin nicht verstehen. Also kein Handlungsbedarf und abtauchen. Es soll tatsächlich Wähler geben, die das als unaufgregt und professionell ansehen. In einem seriösen Unternehmen wäre sie schon längst entlassen bzw. gar nie eingestellt worden.
krokodilklemme 19.01.2018
2. Richtig
in dieser Beziehung macht Frau Merkel ihre Sache richtig. Selbst wenn, wie im Fall Schulz, der Journalist offen, ehrlich und teils sogar verständnisvoll Schulz porträtiert hat, haben andere Medien Schulz daraufhin niedergemacht. Von Trump ganz zu schweigen. Ich persönlich brauche keine omnipräsente Medienkanzlerin, sondern eine die sich um ihre Aufgaben kümmert (auch wenn diese Zurückhaltung vielen Journalisten ein Dorn im Auge ist, die gerne Liveticker aus dem Kanzleramt und Homestories machen würden). Und die Sondierungen haben doch gezeigt, dass das restliche politische Personal in diesem Land an keinem Mikrofon vorbei gehen kann ohne irgendwas zu blubbern. Eine mediale Zurückhaltung wie bei der Kanzlerin würde den Politikern und Bürgern guttun. Im Idealfall ist gute Politik selbsterklärend.
gunpot 19.01.2018
3. Die Kanzlerin tut gut daran
jetzt, wo die Verhandlungen über die Groko laufen, der Presse aus dem Wege zu gehen. Wir haben ja gesehen, der vermeintliche Koalitionspartner SPD schmollte, als Unionspolitiker Details aus den Verhandlungen in die Öffentlichkeit hinausposaunten. Erst mal alles in die trockenen Tücher, weiter Arbeiten und dann mit dem fertigen Endprodukt an die Öffentlichkeit treten. So läuft das und nicht anders meine Damen und Herren von der Fresse.
StefanZ.. 19.01.2018
4. Höhere Mächte oder kurzsichtige Zuschauer?
Das alles ist erst der Anfang dessen was uns in diesem Jahrhundert noch bevorsteht. Und das hat ausschließlich mit Physik und menschlicher Blindheit und Ignoranz gegenüber der Realität zu tun. Da bringt es nichts sich Verstand- und Vernunftmäßig in virtuelle Realitäten zu verabschieden, weder in God’s greatest country noch in Wir-schaffen-das mit Gottes esoterischer Hilfe und das mit unseren Klimazielen war nicht ganz so ernst gemeint Deutschland. Wahrscheinlich werden nachfolgende Generationen auf unsere Grabsteine spucken.
i.dietz 19.01.2018
5. Wo ist Merkel ?
Es wird einsam um Frau Merkel - und zwar in der BRD und in Europa gehen die "vielen guten Freunde" aus bzw. machen sich rar ! Wer setzt noch auf ein "sinkendes Schiff" ?
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