Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,


als ich neulich eine Freundin traf, die in der Regierung arbeitet, hatte sie eine interessante Erklärung für den Irrsinn parat, der gerade in Berlin grassiert. Nicht allein die AfD sei schuld an der Krise der Unionsschwestern oder das zerrüttete Verhältnis zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer, sondern der Umstand, dass alle Beteiligten wegen Urlaubsmangel unter chronischer Überreizung leiden. Je mehr ich darüber nachdenke, umso plausibler erscheint mir die Theorie.

Angela Merkel, Horst Seehofer
Getty Images

Angela Merkel, Horst Seehofer

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 27/2018
Fußball, Politik, Wirtschaft

2017 war Bundestagswahl, weswegen die meisten Politiker höchstens ein paar Tage frei nehmen konnten. Danach Koalitionsverhandlungen, Regierungsbildung, Ärger mit Trump - keiner hatte Zeit, einmal durchzuatmen. Überall, wo sie hinblicke, sehe sie in übermüdete Gesichter, meinte die Freundin - was ich nur bestätigen kann. Viele Kollegen in den Redaktionen sehnen sich gerade nach dem guten alten Sommerloch, als es noch ein Aufreger war, wenn ein Hinterbänkler gefordert hat, Mallorca zum 17. Bundesland zu erklären.

Auch die Schnecke findet ins Ziel

Wobei: Vielleicht hat der Streit zwischen CDU und CSU dann doch noch eine gute Seite. Gestern traf sich der Koalitionsausschuss, und neben der Umbenennung von "Transit-" in "Transferzentren" hat er auch beschlossen, dass noch in diesem Jahr ein Einwanderungsgesetz geben soll. Es war ein langer Weg vom "Gastarbeiter" bis hin zur Einsicht, dass Deutschland qualifizierte Migration braucht. Der Fortschritt ist eine Schnecke, aber auch die nähert sich, wie man sieht, irgendwann dem Ziel.

Cash only

In der kommenden Woche findet in Brüssel der Nato-Gipfel statt, und nicht nur in der Berliner Regierung fürchtet man, dass das Treffen in einem Desaster endet. Wie meine Kollegen für den neuen SPIEGEL (digital ab 18 Uhr) recherchierten, hat Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg von seinen Leuten schon Szenarien entwerfen lassen, sollte Donald Trump das Treffen mit einem ähnlichen Knall enden lassen wie den G7-Gipfel in Kanada, als der Präsident seine Zustimmung zum Abschlussdokument per Twitter zurückzog.

Donald Trump (r.) beim G7-Gipfel
REUTERS/ Bundesregierung/ Jesco Denzel

Donald Trump (r.) beim G7-Gipfel

Deutschland ist, wie bei vielen anderen Punkten, ganz oben auf der Wutliste Trumps. Als Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen kürzlich dessen Sicherheitsberater John Bolton besuchte, versicherte sie ihm, dass Deutschland alles dafür tue, die Rüstungsausgaben zu steigern. Ob das Trump beruhigt, ist äußerst ungewiss. Denn von dem versprochenen Ziel, zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes für die Verteidigung auszugeben, ist Berlin immer noch weit entfernt. Trump, erwiderte Bolton, interessiere "nur cash".

Gewinnerin des Tages...

... ist meine Kollegin Melanie Amann. Sie hat sich nach dem Streit der Unionsparteien in der bayerischen AfD umgesehen. Was sie im neuen SPIEGEL beschreibt, ist eine Partei im Glück. "Die machen unsere Arbeit", sagt Landeschef Martin Sichert über Horst Seehofer und Angela Merkel. Noch bei der Landtagswahl 2013 ist die AfD gar nicht angetreten, nun verfügt sie über ein Wahlkampfbudget von mehreren Millionen Euro. Wenn es das Ziel der CSU war, die AfD mit dem Asylstreit zu schwächen, dann läuft der Plan nicht gerade optimal. Im Moment sieht es so aus, als könnte die Partei im Oktober die zweitstärkste Partei im Münchener Landtag werden. Es gibt an dieser Stelle Gewinner, mit denen man sich nicht freuen mag.

DIE LAGE - der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier:

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen schönen Start in den Tag.

Ihr René Pfister

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
StefanZ.. 06.07.2018
1. Verliererin des Tages
Hatte Frau von der Leyen gegenüber Herrn Bolton tatsächlich gesagt, dass DEUTSCHLAND alles dafür tue, die Rüstungsausgaben zu steigern? Dann sollte sie in Zukunft besser auf ihre Wortwahl achten. Sie kann durchaus sagen, dass sie persönlich, oder die Bundesregierung in ihrer gegenwärtigen Konstellation alles zur Beschleunigung des Rüstungswettlaufes tun wollen. Dann sollte sie allerdings auch erwähnen, dass dies gegen den ausdrücklichen Wunsch der deutschen Bevölkerung passiert, die nämlich um bei Trumps Worten zu bleiben kein zusätzliches Cash für Unsinnigkeiten verplempern will.
r.voelckel 06.07.2018
2. Verwundert?
Zwischen 2013-2017 war das Unosono Thema im Bundestag: wie können wir besser integrieren und wie können wir die 20 % Dumpfbacken, die keine Flüchtlingsintegration wollen überzeugen, daß genau diese gut für sie ist. Andere Überzeugungen nicht ernst zu nehmen, schlimmer noch , sie als pathologisch darzustellen, rächt sich vorhersehbar
ciruela 06.07.2018
3. Was denn nun?
Was mich irritiert und verwundert, in fast allen überregionalen Medien wird Merkel als die große Siegerin gefeiert. In einigen Regionalzeitungen sieht das aber ganz anders aus. Auf dem Höhepunkt des Konflikt beschlossen die Unionsabgeordneten über Seehofer Punkt 27 abstimmen zu lassen. Kauder fand heraus, dass wohl eine Mehrheit für Seehofers Punkt 27 stimmen würden und überbrachte diese Hiobsbotschaft Merkel, die daraufhin einknickte und Schäuble um Rettung bat, der dann den Hasen "Lager" aus der Rumpelkiste zauberte. Was macht Merkel also zur Siegerin, dass sie der Abstimmung aus dem Weg ging und weil sie bei der quasi abgewählt worden wäre?
fb83 06.07.2018
4. Wer ist hier urlaubsreif?
Zwei Artikel weiter oben wird geschrieben, dass die AfD in Bayer verliert und hier sind sie die Gewinner des Tages. Bin irritiert und hoffe, dass unsere Regierung professioneller arbeitet als Spiegel Online.
ideologiefreier-Realist 06.07.2018
5. Ja, ist das so?
"Wenn es das Ziel der CSU war, die AfD mit dem Asylstreit zu schwächen, dann läuft der Plan nicht gerade optimal. Im Moment sieht es so aus, als könnte die Partei im Oktober die zweitstärkste Partei im Münchener Landtag werden. Es gibt an dieser Stelle Gewinner, mit denen man sich nicht freuen mag." Kann man so sehen. Werden die meisten Leser hier sowieso so sehen, da die Seite hier sehr linkslastig ist und dem entsprechend Leser anzieht. Aber man muss es Gottseidank nicht so sehen. Ich tue es beispielsweise nicht. Aber ich war ja auch noch nie Mainstream.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.