Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


fünf Tage vor der Bayern-Wahl erklingt überall der Abgesang auf die CSU: Wie schlimm wird es für Bayerns Staatspartei? Wie wird die Schuld verteilt? Kann Seehofer bleiben? Und wie könnte man ihn loswerden?

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 41/2018
Vom richtigen Umgang mit der Generation Smartphone

Kaum beachtet wird dagegen die zweite Revolution im deutschen Parteiensystem, die sich am Sonntag vollziehen dürfte: der Aufstieg der Grünen zur Volkspartei. Sie sind inzwischen in Umfragen ziemlich stabil zweitstärkste politische Kraft in Deutschland. Seit dem Scheitern von Jamaika gibt es für sie nur noch eine Richtung: nach oben. Eine Große Koalition - das hieße nach jetzigem Stand nicht mehr Schwarz-Rot, sondern Schwarz-Grün. Die Grünen sind zur Projektionsfläche für die von der Großen Koalition enttäuschten Wähler der Mitte geworden, sie sind im Bund unverbraucht, zugleich in den Ländern regierungserfahren, sie haben den Generationswechsel, mit dem Union und SPD ringen, ziemlich gut hingekriegt.

Eigentlich wollten die Grünen die SPD als linke Volkspartei der Mitte beerben, aber sie wachsen bei Weitem nicht nur auf Kosten der Sozialdemokraten, sondern auch der Union. Die Grünen sind nicht die neue Sozialdemokratie, sie sind die neue Bürgerlichkeit. Die Union, die sich seit Monaten über die Frage zerlegt, was sie der AfD entgegensetzen kann, müsste daher dringend ihren Fokus ändern. Sie verliert nämlich nach der jüngsten Forsa-Umfrage prozentual mehr als doppelt so viele Wähler an die Grünen wie an die AfD. Das dürften die Wähler sein, die Merkels liberaler Mittekurs für die Union gewonnen hatte. Es sind viele.

Wer braucht den Europarat?

DPA

Beim Europarat in Straßburg geht es heute um Russland. Seit der Annexion der Krim 2014 haben die russischen Abgeordneten in der Versammlung kein Stimmrecht mehr, sie nehmen nicht mehr an den Versammlungen teil, inzwischen hat Russland auch seine Zahlungen an die Organisation eingestellt. Und nun sucht man einen Weg zurück zu einer "Normalität", die keine sein kann.

Die Regeln der Parlamentarier-Versammlung sollen so aufgeweicht werden, dass Russland künftig zumindest zum Teil wieder dabei sein kann. Den Russland-Kritikern ist das schon zu viel, den Russen immer noch zu wenig. In Wahrheit ist es totaler Murks. Entweder der Europarat ist ein Forum von Gleichgesinnten, die Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat achten. Oder er ist ein Forum, in dem über Demokratie und Menschenrechte gestritten wird, dann darf man aber nicht so tun, als teilten alle die gleichen Überzeugungen.

Leider ist der Europarat weder das eine noch das andere. Zudem gibt es seit Jahren Berichte über Stimmenkauf und Korruption, die politische Wirkung der kostspieligen Organisation geht gegen null. Brauchen wir ihn wirklich, diesen Europarat? Manche Organisation, die im Kalten Krieg und kurz danach ihre Berechtigung haben mochte, hat sich heute schlicht überlebt.

Das Schweigen der Männer

Getty Images

Vor einem Jahr begann mit dem Fall Weinstein die Bewegung #MeToo. Jetzt wird überall Bilanz gezogen, zumeist eine ziemlich gemischte. Was gut ist: Vieles, was unausgesprochen war, liegt jetzt offen, die neue Schärfe in der Geschlechterdebatte ist ehrlich, sie ist in der Politik angekommen. Nicht erst seit Kavanaugh ist klar, dass #MeToo eine Machtfrage ist und bleiben wird.

Was mich stört: dass auch in diesen Tagen fast ausschließlich Frauen die Frauenfrage diskutieren, Frauen Forderungen für Frauen aufstellen, Frauen über Frauen berichten, für Frauen kämpfen, über Frauen diskutieren.

Ich möchte Männer auf den Podien, als Leitartikler zur #MeToo-Debatte, zu 100 Jahren Frauenwahlrecht, als Gleichberechtigungsbeauftragte und Familienminister. Solange die Veranstaltungen ein Jahr nach #MeToo immer noch größtenteils von Frauen bestritten werden, haben wir nicht wirklich etwas erreicht.

Verlierer des Tages

Frederic Batier/ ARD-Degeto/ X-Filme/ Beta Film/ Sky/ dpa

Ich bin, zugegeben, ein großer Serienfan, phasenweise auch Serienjunkie, und vergangene Woche haben meine Tochter und ich schwer gesuchtet, wie das bei uns heißt, bis spät abends haben wir "Babylon Berlin" geschaut, die deutsche Großproduktion über das sündige Berlin der Zwanzigerjahre. Deutsche Geschichte spannend erzählt, die Abgründe der Zwischenkriegszeit, die so nah sind, dass es uns gruselt. Politik und Sex, Trotzkisten und Traumtänzer, Gold und Giftgas, ein Berlin, in dem alle versehrt sind und doch so lebenshungrig. Nun sind wir mit der ersten Staffel durch und mussten die zweite angesichts der anstehenden Leistungskursklausuren leider verschieben. Kurz: Ich bin auf Entzug. Grässlich.

DIE LAGE - der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier:

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Herbsttag.

Herzlich,
Ihre Christiane Hoffmann

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


insgesamt 35 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
klesig 09.10.2018
1. Die Grünen als Volkspartei?
Das wärs doch wohl noch! Welches Volk meinen Sie? Etwa das Deutsche?
dr.joe.66 09.10.2018
2. Gefährlich...
Bei einem Auftritt für #metoo kann Mann nur verlieren. Ein falsches Wort, eine abweichende Meinung, und Mann wird zerfetzt. Warum sollte er sich dem Risiko aussetzen? Als Mann kann ich auch ohne #metoo emanzipiert sein. #metoo ist wichtig - aber solange dort konträre Meinungen nicht erlaubt sind, werden Männer sich entweder raushalten oder nur konforme Meinungen äußern. Schade eigentlich...
florian29 09.10.2018
3. Fakenews Spiegel
Weder sind die Grünen in Umfragen zweitstärkste Partei im Land, noch sind die Grünen eine Volkspartei, wenn sie vor allem in Ostdeutschland ums Überleben kämpfen. Ich wünschte mir einen Journalismus, der die Menschen informiert und nicht für dumm verkauft.
lalito 09.10.2018
4. Packend
BB, also Babylon Berlin packt einen beim Schlafittchen, tatsächlich. Und das mulmige Gefühl bleibt lange. Die Zurückhaltung der Männer ist doch verständlich. Frauen zur Stärke zu fördern und Schwächen eben nicht für niedere Zwecke auszunutzen, das fällt vielen Männern schwer. Wie gesagt, verständlich - aber niemals akzeptabel, sage ich als Mann. Ihnen und den Leserinnen und Lesern einen schönen Tag!
Newspeak 09.10.2018
5. ....
"Solange die Veranstaltungen ein Jahr nach #MeToo immer noch größtenteils von Frauen bestritten werden, haben wir nicht wirklich etwas erreicht." Sorry, aber Frauenprobleme bleiben Frauenprobleme. Man muss sich schon selber darum kümmern, wenn man die Welt in seinem Sinne verändern will. Das nimmt einem keiner ab. Was nicht heisst, dass es nicht auch Gleichstellungsbeauftragte geben sollte. Aber Emanzipation ist halt anstrengend. Vielleicht verstehen Frauen dann auch mal, dass die privilegierten Rollen der Männer das z.T. auch mit sich bringen. Man schaut z.B. neidisch auf das Gehalt und die Macht des männlichen Chefs, sieht aber nicht die Opfer, die das auch mit sich bringt, den Stress, den Zwang, sich behaupten zu müssen, die männlichen Revierkämpfe mit Konkurrenten, die Arbeitsbelastung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.