Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


Stabilität ist das Wort, das nach der Wahl in Bayern wohl am häufigsten gesagt wurde. Es soll die Stabilität fördern, wenn Markus Söder Ministerpräsident bleibt. Es soll die Stabilität fördern, wenn die CSU schnell mit den Freien Wählern eine Regierung bildet, nicht mit den Grünen. Es soll die Stabilität fördern, wenn erst einmal nicht darüber diskutiert wird, ob CSU-Chef und Bundesinnenminister Horst Seehofer seine Ämter behalten kann. Im Prinzip soll also möglichst viel so bleiben, wie es ist.

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Heft 42/2018
Warum die Deutschen so oft scheitern

Stabilität ist ein so schönes wie tückisches Wort, weil es mit einer Paradoxie behaftet ist. Nach politischen Erdbeben, wie der Wahl in Bayern, verheißt dieses Wort, dass kein Chaos ausbrechen wird. Also unbeirrt weitermachen. Das aber kann in die Instabilität führen, ins Chaos, weil es nun einmal neue Verhältnisse gibt, die sich nicht ewig ignorieren lassen. Nehmen wir die Bundestagswahl, die auch ein Erdbeben war. Nach dem Scheitern von Jamaika ließ sich die SPD davon berauschen, dass sie die Stabilität im Lande sichern muss, indem sie wieder in eine Große Koalition eintritt.

Haben wir seither stabile Verhältnisse? Es waren Monate von Streit (Flüchtlinge) und Chaos (Maaßen). Die SPD ist zudem auf dem Weg in die maximale Instabilität, in den Untergang. Manchmal ist es besser, vorübergehend Chaos auszuhalten, damit sich die Dinge erneuern können und sich die Lage nachhaltig stabilisieren kann.

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Die schlechtesten Revolutionäre der Welt

Gerade die SPD kennt das doch. Bei der deutschen Revolution, die vor ziemlich genau 100 Jahren in Wilhelmshaven und Kiel ausbrach, hatte sie die Chance, Deutschland wirklich zu erneuern. Aber dafür hätte sie sich von den alten Eliten des Kaiserreichs verabschieden und für längere Zeit eine Räterepublik in Kauf nehmen müssen. Stattdessen setzte sie auf Stabilität, paktierte mit dem Militär und ließ die alten Eliten weitgehend da, wo sie waren. Die verhalfen später Hitler an die Macht. Das waren andere Verhältnisse, schon klar, aber sie zeigen auch, wie tückisch der Stabilitätswahn sein kann. Hier hat er letzten Endes in die totale Katastrophe geführt.

Wenn Sie mehr über die Revolutionen von 1848, 1918, 1969 und 1989 erfahren wollen, lesen Sie dazu die Titelgeschichte im aktuellen SPIEGEL. Sie erzählt, warum wir so ziemlich die schlechtesten Revolutionäre der Welt sind. Warum? Hat mit dem fanatischen Wunsch nach Stabilität zu tun.

Vorbild Löw?

AP

Dem deutschen Reflex folgte auch der Deutsche Fußball-Bund nach der Weltmeisterschaft im Sommer. Möglichst wenig ändern, für stabile Verhältnisse sorgen, Bundestrainer Löw im Amt belassen, damit er die Nationalmannschaft neu aufbaut. Nun ist das Team zerstritten, die Abwehr instabil, der Sturm scheint das Ziel dieses Spiels nicht mehr zu kennen: Tore schießen. Heute Abend spielt Deutschland in der Nations League gegen Weltmeister Frankreich, und zwar gegen den Abstieg.

Wenn Löw verliert, sollte er zurücktreten, schon als Vorbild für die Politik. Der Druck auf Söder und Seehofer würde wachsen, ebenfalls den Platz freizumachen für das Neue (mehr ein Wunschtraum, ich weiß).

Das neue Dschungelbuch

DPA

Donald Trump hat seinen Außenminister Mike Pompeo auf diplomatische Tour geschickt. In Saudi-Arabien und der Türkei soll er helfen, das Verschwinden des Journalisten und Regimekritikers Jamal Khashoggi aufzuklären. Er wird vermisst, seit er in der Türkei die saudi-arabische Botschaft betrat. Man vermutet, er könne ermordet worden sein.

Es ist löblich, dass sich Trump kümmert, aber folgt man einer These von Robert Kagan, ist er nicht ganz schuldlos an Khashoggis Verschwinden. In seinem neuen Buch "The Jungle grows back" (ungefähr: Der Dschungel breitet sich wieder aus) argumentiert Kagan, dass Trumps freundschaftlicher Umgang mit den Diktatoren dieser Welt, dass sein Desinteresse an Menschenrechtsfragen, eben jenen Diktatoren Mut macht, alle möglichen Schweinereien zu begehen. Mir leuchtet diese These ein.

Gewinner des Tages...

DPA

... ist ein Mann, der sehr viel verloren hat: der ehemalige Polizist Daniel Nivel, den deutsche Hooligans bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich brutal zusammengeschlagen haben. Seither ist Nivel schwer behindert. Ich war damals in Lens, wo Deutschland gegen Jugoslawien spielte.

Außenminister Heiko Maas wird Nivel heute in Paris das Bundesverdienstkreuz überreichen. Eine Stiftung, die seinen Namen trägt, kämpft gegen Gewalt im Fußball und setzt sich für die deutsch-französische Freundschaft ein. Nivel und seine Familie waren stets versöhnlich, obwohl sie allen Grund hätten, es nicht zu sein. Sie sind große Vorbilder für uns alle.

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Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Freidenker10 16.10.2018
1.
der "Stabilitätswahn" steht eindeutig für die CDU, nur keine Veränderungen! Die stehen geistig in den 50 zigern und sind wahrscheinlich noch Stolz drauf. Deshalb besteht nach CDU Regierungen i.d.R. auch immer ein riesiger Reformstau!
isikat 16.10.2018
2. Stimmt
Selbst die Groko wurde uns mit diesem Schlagwort Stabilität aufgedrängt, obwohl keiner sie mehr wollte. Dabei lief es in Deutschland besser und ruhiger ohne Regierung. In dieser Zeit konnte auch Merkel keine Alleinherrscherentscheidungen treffen, so dass man regelrecht durchatmen konnte.
angelobonn 16.10.2018
3. Demokratie
Es gab in Bayern kein politisches Erdbeben, sondern leichte Verschiebungen innerhalb der konservativen Parteien, die in Summe aber dazugekommen und auch ohne die AfD weiterhin eine klare Mehrheit haben. Die bereits zuvor sehr schwachen linken Parteien haben hingegen nochmal an Stimmen verloren, es hat lediglich Verschiebungen zwischen SPD und Grünen gegeben, d.h. es hat auch im linken Lager eine stärkere Polarisierung gegeben. Hinzukommt, dass Bayern in allen Belangen ganz hervorragend da steht. Selbst die Kreuz-Aktion wird in Bayern von einer klaren Mehrheit befürwortet. Aus welchem rationalen und demokratischen Grund sollte die CSU bei dieser Ausgangslage eine Koalition mit den Grünen eingehen, mit der sie und die Bevölkerungsmehrheit in fast keiner Sachfrage übereinstimmt. Dabei käme eine Politik gegen den Mehrheitswillen heraus. Ich fände dies undemokratisch.
Dengar 16.10.2018
4. Stabilität
Was für eine Heuchelei! Nachdem Lindners FDP in den Koalitionsverhandlungen von der Fahne gegangen war, haben die Leitmedien - ja, auch Spiegel und Spon - in vorderster Front gestanden und nach "Stabilität" geschrieen und vor dem Untergang des Abendlands gewarnt, wenn die SPD jetzt nicht in den sauren Apfel bisse und Regierungsverantwortung übernähme. Ihr - auch Sie, Herr Kurbjuweit - habt die Sozialdemokraten in die Groko gedrängt und geschrieben. Und jetzt ist das auf einmal vergessen, weil die "Stabilität", der ihr vor einem dreiviertel Jahr noch gehuldigt habt, den Ausschluss der Grünen von der Macht bedeutete? Haltet eure Leser doch bitte nicht für Subjekte mit dem Gedächtnis einer Amöbe; ihr seid unglaubwürdig.
a.n.ontario 16.10.2018
5. Was ist mit der SPD, was ist mit Natasha Kohnen
Ich vermisse Beiträge zur SPD. Interessiert das bei SPON plötzlich niemanden mehr? Eine mutige Kämpferin für soziale Gerechtigkeit wurde von der CDU runtergezogen. Wird sie jetzt journalistisch plötzlich Fallen gelassen?
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