Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


heute setzt der Bundestag seine Generaldebatte fort, gestern sprach die Kanzlerin, und man konnte sehen, dass der Riss, von dem sie sprach, der die Gesellschaft spaltet, mitten durch die Union verläuft. Die Kanzlerin hat ihre bewährte Rolle als Moderatorin aufgegeben, in ihrer letzten Amtszeit wird sie sogar ein wenig zur Radikalen. Sie wird mutig. Sie, die Konflikte bisher rhetorisch wegmerkelte, bezieht jetzt klar Position: gegen Erdogan, gegen Putin - und gegen Seehofer. Für den Zusammenhalt ihrer Partei mag das schwierig sein. Aber es ist glaubwürdig.

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

Heute Nachmittag beginnt der EU-Gipfel in Brüssel. Eigentlich hatten Merkel und Macron einen gemeinsamen Plan zur Reform der Eurozone vorlegen wollen, aber daraus ist nichts geworden. Es gibt einfach keinen Plan, keine Einigkeit. Stattdessen stehen der drohende Handelskrieg mit den USA und der Giftangriff auf den ehemaligen Spion Skripal in England auf der Tagesordnung. Es wäre zu wünschen, dass Merkel den neuen Mut auch ein wenig auf Europa überträgt. Vor dem Bundestag gestand sie Fehler in der Flüchtlingspolitik ein, dass sie Gefahren manchmal nicht ernst genug nahm. Übertragen auf die Europapolitik hieße das: nicht wieder abzuwarten, zu hoffen, dass alles doch nicht so schlimm kommt.

Ausgerechnet Freiburg

DPA

In Freiburg wird heute das Urteil in einem Prozess gesprochen, der zum Politikum wurde: Im Oktober 2016 war die Studentin Maria L. nachts mit dem Fahrrad auf dem Heimweg von einer Party. Sie wurde gewürgt, vergewaltig und bewusstlos in die Dreisam gelegt, wo sie ertrank. Heute wird der Angeklagte Hussein K. voraussichtlich wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Ich habe auch ein paar Jahre in Freiburg studiert, fuhr auch nachts nach Partys mit dem Fahrrad an der Dreisam entlang. Freiburg war und ist eine wunderbare Stadt, voller Studenten, sonnig, gemütlich, liberal, voller Menschen, die an das Gute im Menschen glauben. Ich hoffe, das ändert sich nicht.

Gewinner des Tages...

REUTERS

...sind die Raucher. In Österreich stimmt das Parlament heute über ein Rauchverbot für Restaurants ab, das die Vorgängerregierung geplant hatte, die rechtskonservative Koalition aus ÖVP und FPÖ nun aber kippen wird. Ist das der Beginn eines Backlash? Wird jetzt das Rauchverbot rückabgewickelt, alles wieder wie früher, gehört auch das zur Sehnsucht nach der guten alten Zeit? Endlich wieder überall qualmen dürfen? Natürlich nicht. Schon formiert sich Widerstand gegen den Widerstand, werden Unterschriften für ein Volksbegehren gesammelt, dass das Verbot doch durchsetzen soll. Ein Riss geht durch die Gesellschaft. Auch beim Rauchen.

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Ich wünsche Ihnen einen gesunden Tag, jetzt, da vielleicht wirklich endlich der Frühling beginnt.

Herzlich

Ihre Christiane Hoffmann

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insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
erzengel1987 22.03.2018
1. Merkel und radikal?
Also nur weil sie ausnahmsweise eine Meinung vertritt und das außergewöhnlich ist, so macht sie das noch lange nicht zu einer radikalen. Erstens ein guter Politiker bezieht Stellung und zweitens wir wissen alle, dass sie ihre Meinung auch jederzeit ändern kann. Also noch sehr sehr weit weg von einem radikalen :-).
!!!Fovea!!! 22.03.2018
2. Naja, ich weiß nicht...
ob ich das glauben soll, dass die Bundeskanzlerin zur "Radikalen" wird?? Die diversen Vertrauensbrüche und Wendungen von Merkels Politik und vor allem unvisionäre Politik (Stichwort "auf Sicht" regieren), lässt mich vor alle zweifeln, dass man sich auf Merkels Politikgeplaudere verlassen kann. Im Falle eines Falles, wird die sich sowieso im Rahmen des politischen Machterhalts soweit verrenken, um an der Macht zu bleiben. In der Tat, nicht zu seinem Wort zu stehen, das ist in der deutschen Politik als Bundeskanzler/in neu, man kennt das eigentlich nur von Koalitionspartnern und Oppositionsparteien, und somit "radikal"... Vielleicht sollte der Journalismus seinen Blick darauf ausrichten, ob das nicht ein Bestandteil der Politikverdrossenheit in der Bevölkerung ist?!
Ezechiel 22.03.2018
3. Mut auf Europa übertragen ....?
damit kann ich nichts anfangen. Die europäischen Nachbarn wollen, dass wir Geld übertragen und den Mut aufbringen für ihre Schulden zu haften. An Mut weitere Schulden zu machen fehlt es ihnen nicht.
Kurt2.1 22.03.2018
4. .
Meine Güte, die Positionen, die Merkel nun genannt hat, sind lange überfällig. Welche Konsequenz beinhaltet es, dass der Überfall auf syrisches Gebiet mit der Option, nun auch den Irak anzugreifen, als inakzeptabel erkannt wird? Warum muss es zwingend durchgesetzt werden, dass D eine Zuwanderung von jährlich ca. 200.000 Menschen zulässt. Welchem Zweck soll das dienen?
tadano 22.03.2018
5. Merkel wird ein wenig zur Radikalen
Trotz „ein wenig“: das ist doch wohl stark übertrieben.
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