Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


die meisten Morde werden aufgeklärt. 95,5 Prozent waren es 2016. Im Fernsehen, beim "Tatort" zum Beispiel, sind es an die 100 Prozent - anders wäre das viele Morden für die Zuschauer nicht auszuhalten. Auf Schuld muss Sühne folgen. Jeder ungeklärte Mord setzt diese Regel aber außer Kraft. Die Angehörigen finden keine Ruhe. Endlos werden sie von den immer gleichen Fragen verfolgt: Wer hat das getan? Und warum?

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Heft 22/2018
Wie Fahnder nach Jahrzehnten rätselhafte Mordfälle lösen

Ungeklärte Morde heißen in den USA "Cold Cases". Dort hatten sich schon vor einigen Jahren erste Cold-Case-Einheiten gebildet. Das sind Sonderermittler, die die alten Fälle aufrollen und Spuren - Kleidungsreste, Hautpartikel - mit neuen Techniken überprüfen. In Deutschland gibt es jetzt ebenfalls solche Cold-Case-Einheiten. Meine Kollegin Annette Großbongardt beschreibt in unserer Titelgeschichte, wie diese Ermittler arbeiten und warum deren Arbeit so bedeutsam ist für all jene, die von den Morden mitbetroffen sind: für die Angehörigen.

Da wäre zum Beispiel die Familie von Birgit Meier. Die Fotografin ist im Jahr 1989 ermordet worden. Mehr als 27 Jahre dauerte es, bis die Polizei herausfand, wer sie getötet hat. In dieser Zeit verzweifelte ihre Tochter, ihr Ehemann wurde zu Unrecht beschuldigt, ihre Mutter zerbrach, und ihr Bruder, selbst Polizist, verlor fast den Glauben an seine Zunft. Und der Mörder hat sich unterdessen das Leben genommen.

Auf unserem Titelbild zeigen wir die Ermittler der Cold-Case-Einheit im Hamburger LKA. Die Titelzeile ist diesmal ein Zitat: "Kein Täter soll sich sicher fühlen"

Im Video: Steven Baack, der Leiter der Ermittlungsgruppe "Cold Cases", erklärt, wie die Spezialisten bisher ungeklärte Fälle angehen.

In der Chaosbehörde

Der Begriff der "Bande" ist ein wenig altmodisch - wer sagt schon noch "Räuberbande"? Bandenmäßiges Verhalten scheint aber durchaus nicht außer Mode gekommen zu sein, selbst bei Anwälten kann es - und sogar im Verbund mit Behördenleitern - vorkommen, wie meine Kollegen für den Deutschlandaufmacher im neuen Heft berichten. Meinen Kollegen liegen Akten vor, anhand derer sie nun die Geschichte einer Chaosbehörde nachzeichnen können, und zwar die der Bremer Außenstelle des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (Bamf). Der Behördenleiterin Ulrike B. war es gelungen, über Jahre ein System zu etablieren, in dem Entscheidungen nach Gutdünken möglich waren, bestimmte Asylbewerber und deren Anwälte sind bevorzugt behandelt worden. Die Überschrift unserer Sechs-Seiten-Story: "Bundesamt für Durchwinken".

Bamf-Zentrale in Nürnberg
Espen Eichhöfer/ Ostkreuz

Bamf-Zentrale in Nürnberg

Die Motive von Behördenleiterin B. sind noch nicht ganz klar. Selbst wenn sie aus guter Absicht gehandelt haben sollte, sind die Folgen unangenehm, sie belasten das Flüchtlingsbundesamt und erreichen die Politik: Merkel und Seehofer stehen unter Druck. Aus der gefährlichen Nähe von Gutem und Schlechtem sind schon immer die großen Stoffe der Weltliteratur entstanden, und auch in heutigen Zeiten hätte ein Shakespeare eine reiche Auswahl an Helden gehabt. Denn die Helden bei Shakespeare waren gebrochene Figuren.

Im Video: Was macht das Bamf?

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Im Silicon Valley

Mark Zuckerberg, Vorstandsvorsitzender von Facebook, wäre für Shakespeare sicher in die engere Auswahl gekommen. Zuckerbergs Behauptung war es immer, das Gute zu wollen: Menschen zusammenzubringen und zu Freunden zu machen. Der jüngste Datenskandal aber zeigt die Kehrseite. Eine Schlüsselszene im Königsdrama um Zuckerberg wäre bei Shakespeare sicher dessen Auftritt vor dem Europäischen Parlament am vergangenen Dienstag gewesen. Die Show ist live übertragen worden - und eben weil es eine Show war, hat unser Theaterkritiker Wolfgang Höbel sie im Kulturteil als eben solche rezensiert. Ein "höchst effektives Regiekonzept" sei hier aufgegangen, so Höbel: Der Hauptdarsteller habe sich zugleich als Regisseur der ganzen Veranstaltung erwiesen - und gewonnen.

Mark Zuckerberg
DPA

Mark Zuckerberg

Nun wollen wir aber nicht in Kulturpessimismus abdriften. Die Hauptfiguren des Silicon Valley sind ja deswegen so shakespearehaft, weil eben nicht alles schlecht, sondern das Gute gewollt ist. Mein Kollege Thomas Schulz hat jahrelang für uns aus dem Silicon Valley berichtet, im Wirtschaftsaufmacher im neuen Heft beschreibt er die Fortschritte der digitalen Medizin. Die meisten Krebsformen etwa sind heute schon behandelbar, viele sogar heilbar, jedenfalls dann, wenn sie früh genug erkannt werden. Deswegen sehen Technologen des Silicon Valley die größten Chancen für die Medizin zunächst nicht in der Behandlung, sondern in der Diagnose. Ein Start-up-Unternehmen sammelt zum Beispiel gemeinsam mit Universitäten gerade alle denkbaren Biodaten von 10.000 Menschen: genetische, molekulare, psychologische. Damit wollen sie Muster ausmachen, die in Zukunft Diagnosen erleichtern. Und hierin liegt eine wesentliche Chance im Kampf gegen Krebs. Technologen als Helden von heute? Ja, natürlich.

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