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wenn vom dritten Golfkrieg die Rede ist, erinnert man sich nicht zuletzt an die bizarren Protagonisten auf irakischer Seite: an Saddam Hussein mit seinem großspurigen Spruch von der "Mutter aller Schlachten" und an seinen treuen Propagandaminister Muhammad as-Sahhaf alias "Comical Ali", der den baldigen Sieg der eigenen Truppen noch verkündete, als im Hintergrund schon die heranrollenden US-Panzer zu hören waren.

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Heft 37/2018
Warum die AfD so erfolgreich ist

Als sonderlich erfolgreich gelten die beiden nicht; doch nun scheint es, als hätten sich Innenminister Horst Seehofer und seine wichtigsten Beamten das Duo aus Bagdad zum Vorbild genommen. Erst sprach der CSU-Chef im Saddam-Stil von der Migration als "Mutter aller Probleme". Dann bezweifelte Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, dass die Berichte über Hetzjagden in Chemnitz echt seien, ohne auch nur einen einzigen Beleg für seine Behauptung vorzulegen. Geschichte wiederholt sich als Farce, heißt es oft. Die CSU dagegen, die sich heute zur Vorstandssitzung in München trifft, will offenbar einem anderen Motto folgen: Wir machen die Farce zur Geschichte.

Wo war Sahra?

Getty Images

Bei den Anti-Rechts-Kundgebungen der vergangenen Tage in Chemnitz ließen sich zahlreiche Politiker des bürgerlichen wie des linken Lagers sehen: von SPD bis CDU, von Grünen bis Linkspartei. Sahra Wagenknecht dagegen, die Gründerin der neuen linken Sammlungsbewegung, fand fürs Demonstrieren keine Zeit. Die bekennende Populistin hält es ohnehin für wichtiger, die Anhänger von Pegida und AfD "zurückzugewinnen" anstatt sie durch voreilige Urteile "nach rechts" zu treiben. Heute wirbt Wagenknecht auf einer Diskussionsveranstaltung in Berlin für ihr Projekt, das zumindest bei einem Thema inzwischen ein klares Profil aufweist. Wenn es gegen rechts geht, lautet die Parole nicht "aufstehen" - sondern "sitzenbleiben".

Kommt Zeit, kommt Middelhoff

DPA

Elon Musk hat es nicht leicht in diesen Tagen. Dem Tesla-Chef läuft ein Topmanager nach dem anderen davon, der Aktienkurs bricht ein, und im Netz kursieren Bilder, die den Konzernführer beim Kiffen während eines Interviews zeigen. Nun bekommt Musk Zuspruch aus berufenem Munde. Der frühere Bertelsmann-Boss Thomas Middelhoff, der wegen Untreue und Steuerhinterziehung im Gefängnis saß, hält Musk nicht nur für einen "großen Unternehmer". Er empfiehlt dem Tesla-Gründer auch, sich eine Zeitlang aus dem operativen Geschäft zurückzuziehen, in "eine Chairman-Rolle hineinzuwachsen" und zu sehen, wie sich "das weitere Geschäft entwickelt". Middelhoff ist heute bei einer Manager-Talkrunde in Köln zu Gast, die sich offenbar einer Erkenntnis des britischen Historikers Thomas Fuller verpflichtet fühlt: "Wenn der Rat gut ist, spielt es keine Rolle, wer ihn erteilt hat."

Putins zynisches Kalkül

AFP

Während russische und syrische Streitkräfte schwere Luftangriffe auf die syrische Rebellenhochburg Idlib fliegen, trifft sich Uno-Vermittler Staffan de Mistura heute in Genf mit Vertretern der Türkei, Irans und Russlands. In Idlib droht eines der schlimmsten Massaker des 21. Jahrhunderts; doch ob es dazu kommt, wird letztlich in Moskau entschieden, so argumentieren meine Kollegen Christoph Reuter und Christoph Sydow in einem Beitrag, den Sie heute auf SPIEGEL+ lesen können. So lange Präsident Putin mit einer Massenflucht aus Idlib drohen könne, heißt es darin, könne er "Druck ausüben, dass die Europäer wie von ihm gewünscht den Wiederaufbau im Land bezahlen".

Verlierer des Tages...

AFP

... ist Stefan Löfven. Der schwedische Premier, der in der Flüchtlingskrise 2015 zunächst der Willkommenspolitik von Angela Merkel gefolgt war, hatte schon in den vergangenen Jahren auf harte Abschottung geschwenkt. Trotzdem fügten ihm seine Landsleute bei der gestrigen Parlamentswahl eine schwere Niederlage zu: Den vorläufigen Ergebnissen zufolge gewannen seine Sozialdemokraten zwar - allerdings mit dem schlechtesten Ergebnis seit mehr als 100 Jahren. Und während Löfvens Partei an Stimmen verlor, legten die fremdenfeindlichen Schwedendemokraten deutlich zu. Die Regierungsbildung in Stockholm wird nun extrem schwierig.

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insgesamt 18 Beiträge
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eunegin 10.09.2018
1. Sahra Wagenknecht, SPON und Veränderungen
SPON ist leider auch diesmal destruktiv, wenn es um etwas Neues geht. Ich finde es ungehörig, reflexhaft bösartig über den Versuch (!) zu schreiben, aus den gewohnten politischen Bahnen auszubrechen. Vielleicht ist es im konkreten Fall gar nicht angezeigt, einmal mehr den Berufsdemonstranten zu geben. Ich finde die Vorgänge in Chemnitz auch schockierend, nur muss ich dann nicht gleich hin. Das geht nämlich auch anders. Mir kommt SPON langsam immer (verwaltungs)konservativer vor; Tenor: alles schlimm und wird schlimmer, lieber den schon vergangenen Status quo verteidigen und gegen alles andere anstänkern. Ich lese seit 30 Jahren (da war ich 14) Spiegel, nur wird es immer schwieriger.
StefanZ.. 10.09.2018
2. Zweiter Versuch zur Mutter aller Probleme
Mein Beitrag vom Freitagmorgen schaffte es nicht an den wachsamen Augen der SPON Qualitätskontrolle vorbeizukommen. Landete wohl in der Verschwörungstheorie-Schublade. Ich kann das nachvollziehen, schließlich wird landein landaus besonders von Ökonomieprofessoren, Kirchen und Wirtschaftslobbyisten seit Jahrzehnten das Märchen erzählt, daß die Klimawandel, Hungersnöte, Armut, resultierende Migration etc. in wachsenden Teilen unserer Welt nur mit noch schnellerem Wachstum zu bekämpfen sind. Die Überbevölkerung anpacken? Nicht nötig, die Fortpflanzungsbeliebigkeit der Eltern steht über den Lebensperspektiven der Kinder, das pendelt sich von ganz alleine ein. Soweit das Märchen, das sich niemand öffentlich getraut zu hinterfragen, auch Herr Seehofer und seine CSU nicht. Nun, seit letzter Woche gibt es allerdings eine neue Studie, die die bisherigen Ökonomie Modelle in die Mülltonne der Geschichte entsorgt, zusammen mit Saddam Husseins Märchen, wo sie auch hingehören. Ich würde mir wünschen, daß der Spiegel mal ein Gespräch mit einem der beiden Koautoren sucht, Professor von Cramon-Taubadel, er ist ganz in der Nähe in Göttingen zu finden: https://www.coralcoe.org.au/media-releases/can-sustainable-development-co-exist-with-current-economic-growth
ip2018 10.09.2018
3.
".....Die CSU und "Comical Ali"....." Man kann Seehofer ins Lächerliche ziehen. Man kann aber auch, wie Erwachsene, die Realität sehen und erkennen, daß er recht hat.
zeisig 10.09.2018
4. Nein, muß sie nicht.
Sarah Wagenknecht kämpft FÜR Etwas, nicht gegen Etwas. Warum sollte sie sich in Chemnitz zur Gegendemonstration zeigen?
Das Pferd 10.09.2018
5.
wenn Wagenknecht versucht Leute ins demokratische Spektrum zurückzuziehen, statt sie einen rechten Rand zu verlieren, hat sie das erste Mal meine Zustimmung.
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