Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


in der CSU läuft gerade ein atemberaubendes Experiment. Es ist noch nicht allzu lange her, da hat Horst Seehofer versucht, seine Partei an die Spitze der euroskeptischen Bewegung zu setzen - weshalb er Peter Gauweiler in die Parteiführung holte, der im Europawahlkampf des Jahres 2014 zusammen mit dem CSU-Urgestein Wilfried Scharnagl durch Bayern tourte und sich darum mühte, die AfD wie eine fade Kopie der CSU erscheinen zu lassen.

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Heft 22/2018
Wie Fahnder nach Jahrzehnten rätselhafte Mordfälle lösen

Die Operation Gauweiler/Scharnagl ging furios daneben, bei der Europawahl stürzte die CSU auf 40,5 Prozent ab - was Seehofer, den schon immer eine gewisse Flexibilität ausgezeichnet hat, zu einer neuen Strategie veranlasste: Geht es nach dem CSU-Chef, soll nun Parteivize Manfred Weber die europäischen Konservativen als Spitzenkandidat in die Europawahl führen, die für Mai 2019 angesetzt ist. Am Ende könnte ein CSU-Mann zum neuen EU-Kommissionschef aufsteigen. Absurd? Einerseits. Andererseits hat die CSU in Deutschland reichlich Erfahrung darin gesammelt, eine Regierung zu kritisieren, an der sie selbst beteiligt ist.

Madame Non

AFP

Von Angela Merkel weiß man derzeit vor allem, was sie nicht will. Sie mag nicht, dass sich Emmanuel Macron mit seinen Vorschlägen zur Reform der Eurozone durchsetzt. Sie will nicht den Eindruck erwecken, dass sich Deutschland dem Kreml andiene, nur weil im Weißen Haus ein Rumpelstilzchen sitzt. Donald Trump wiederum möchte Merkel nicht die Stirn bieten, weil das die deutsche Industrie teuer zu stehen kommen könnte. Bedenken alleine allerdings sind noch kein Plan, weswegen die Kanzlerin in der nächsten Woche die Spitzen der Koalition samt Minister Heiko Maas eingeladen hat, um einmal ganz grundsätzlich über die deutsche Strategie in der Außenpolitik zu sprechen.

Gaunerparadies Luxushotel

Es erscheint mir als speziell deutsche Hysterie, sich im Urlaub davor zu fürchten, um alle Habseligkeiten erleichtert zu werden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mich meine Eltern vor meiner ersten Frankreichreise mit Schulfreunden ermahnten, alles Geld in einem Brustbeutel zu verstauen und unter dem T-Shirt zu tragen ("Auf der Haut!"). Es war ein Ratschlag, den wir natürlich ignorierten, und es passierte auch nichts, was wahrscheinlich daran lag, dass die billigen Hostels, in denen wir wohnten, ohnehin kein lohnendes Ziel für Gauner waren. Wie mein Kollege Martin U. Müller nun recherchiert hat, sind es vor allem Luxushotels, die es Dieben besonders leicht machen. Zimmernummer, ein aufgeschnappter Name - mehr braucht es oft nicht, um sich Zutritt zu einer schönen Suite zu verschaffen. Gerade Fünf-Sterne-Häuser seien oft kaum sicherer als Jugendherbergen, weil man die Gäste nicht mit lästigen Nachfragen behelligen wolle, schreibt Müller.

Gewinner des Tages...

AFP

... ist Sigmar Gabriel. Die Freunde des ehemaligen SPD-Chefs sorgten sich schon, Gabriel würde nach seinem eher unfreiwilligen Abschied aus der Regierung in ein schwarzes Loch fallen. Aber ganz offenkundig gibt es keinen Anlass zur Beunruhigung. Nach einem Engagement bei der Uni Bonn und dem geplanten Einzug in den Verwaltungsrat von Siemens/Alstom wird der einstige Vizekanzler nun auch noch Gastdozent an der Universität Harvard. Gabriel, so scheint, ist überall, nur nicht in Goslar, wo sich die Tochter doch angeblich so gefreut hatte, dass er seine Zeit nun nicht mehr nur mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht verbringen muss.

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insgesamt 4 Beiträge
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scratchpatch 31.05.2018
1. Manfred Weber
Die CSU würde ich nicht wählen, aber Manfred Weber ist für mich so etwas wie eine Ausnahmeerscheinung. Sachlich immer bestens unterrichtet, mit Englischkenntnissen ausgestattet, aus denen man den Bayern kaum noch heraushört und anscheinend gut vernetzt nicht nur mit Konservativen. Die EU scheint die Welt zu sein, in der er sein Zuhause gefunden hat. Die Provinzialität, die viele CSU-Politiker offensichtlich in voller Absicht mit sich herumtragen, fehlt ihm völlig. Sein Blick geht über die Landesgrenzen hinaus. Also für mich wäre er nicht die schlechteste Wahl.
Akonda 31.05.2018
2. Welch ironischer Beitrag.....
Sehr geehrter Herr Pfister, ....kann es sein, dass Sie Herrn Gabriel nicht mögen? Ich dachte immer, die Menschen können sich Arbeit und Umgebung frei wählen. Gilt das dann doch nicht für alle? Und was, bitte, hat das mit der Tochter zu tun? Nicht besonders objektiv, so zu berichten, und ich glaube, Familie Gabriel kommt schon ganz gut ohne derlei Kommentare zurecht. Eine Schippe Objektivität täte manchen Artikeln (wie z. B. besonders diesem hier) sehr gut.
franz.v.trotta 31.05.2018
3.
Die Freunde sorgten sich schon, Gabriel würde in ein schwarzes Loch fallen. Aber ganz offenkundig gibt es keinen Anlass zur Beunruhigung. Nach einem Engagement bei der Uni Bonn und dem geplanten Einzug in den Verwaltungsrat von Siemens/Alstom wird der einstige Vizekanzler nun auch noch Gastdozent an der Universität Harvard. Die SPD hat so viele TOP-Leute und -Charismatiker, dass sie auf einen Gabriel nun weiß Gott nicht angewiesen ist. Die 15Prozent-Schwelle kann man auch mit Nahles, Scholz und Steger meistern.
vubra 31.05.2018
4. Sehr geehrter Herr Pfister
danke für die unparteiische Berichterstattung der wichtigsten Themen des Tages, sachlich und kurz gehalten genau das was man zum Morgenkaffe braucht um up to date zu sein. Eine angenehme Art den Tag zu beginnen.
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