Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


manchmal tut der Mensch ja Dinge, über die er erst hinterher wirklich nachdenkt.

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Heft 50/2017
Wie der Onlinehandel unser Leben revolutioniert

Was Sie nicht weiter interessieren muss: Vorvergangene Woche fiel meine Waschmaschine aus, und der via Google herbeiorganisierte Fachmann sagte: "Jahrzehnte alt, unreparierbar." Ich suchte, fand und kaufte in entspannten fünf Minuten per iPad einen Ersatz; als ich drei Tage später aus der Redaktion kam, stand daheim die neue Waschmaschine und wartete auf ihren Einsatz. Wie selbstverständlich so etwas 2017 ist, auch wie absurd, das fiel mir erst bei der Arbeit an unserem Titel auf.

Hochregallager des Musikhauses Thomann
Markus Hintzen/ DER SPIEGEL

Hochregallager des Musikhauses Thomann

Was Sie gewiss interessieren dürfte: die Veränderung unseres Lebens und unserer Welt. Wir alle können inzwischen per Mausklick einkaufen, Tag und Nacht und am Wochenende, mit riesiger Auswahl und Lieferung frei Haus. Es betrifft alle drei Kategorien des Einkaufens: die tägliche Besorgung, das klassische Shopping und längst auch die großen Anschaffungen. Seit es den Onlinehandel gibt, kaufen, reklamieren und schenken die Deutschen anders als zuvor. "Das gelieferte Fest" heißt darum unser Titel, meine Kolleginnen Simone Salden und Antonia Schaefer und mein Kollege Bernhard Zand beschreiben, wie Amazon und Co. Weihnachten revolutionieren, aber mehr noch: auch unsere Gewohnheiten, eben unser Leben.

Salden besuchte in Osnabrück den Spielwarenhändler Tobias Schonebeck, der sich mit einem ganz und gar persönlichen Lieferservice und anderen Angeboten gegen die Konkurrenz aus dem Netz stemmt. Letztlich sind natürlich wir Kunden die Gewinner des Onlinebooms, aber wir sollten uns schon auch darüber klar sein, was wir verlieren. Unsere Innenstädte zuallererst. Den digitalen SPIEGEL übrigens, den rasanten Zeiten entsprechend, produzieren Woche für Woche mit enormem Geschick mein Kollege Jens Radü und dessen Team.

Animation: Das Amazon-Prinzip

DER SPIEGEL

Wahrheit ist ein großes Wort. Wir SPIEGEL-Menschen suchen die Wahrheit, in jeder Woche. Unsere Redaktionen hatten auf dieser Suche ein spektakuläres 2017, wofür ich ihnen einmal auch öffentlich danken möchte: Gewichtige Enthüllungen wie die "Football Leaks"-Fortschreibung oder "Das Kartell" standen neben Erzählungen wie jener über die ewige Baustelle BER oder der "Schulz Story"; Gespräche wie jenes mit Emmanuel Macron folgten Titelbildern wie "America First" und "Das wahre Gesicht des Donald Trump". SPIEGEL ONLINE ist besser denn je und das Zusammenspiel zwischen SPIEGEL und SPON ebenfalls. In Zeiten des Strukturwandels, der oben genannten Digitalisierung, geht es nur so, und dafür Danke.

Zufälle, Fehler, böse Absichten

Zu den prägenden Geschichten im neuen Heft zählen gleich mehrere Enthüllungen und zwei Rekonstruktionen. Wir beschreiben, wie es in Hamburg zu jener fatalen G20-Nacht kam: Welche Zufälle, welche Fehler, welche bösen Absichten führten dazu, dass Teile der Stadt brannten und Bürger sich im Kriegsgebiet wähnten?

Gipfelgegner am 7. Juli
Robin Hinsch

Gipfelgegner am 7. Juli

Und wir haben recherchiert, wie die CSU funktioniert. Wie nachtragend. Wie blutgierig. Aber auch, wie kalkulierend und dann doch wieder professionell. Meine Kollegen Ralf Neukirch und René Pfister befragten dazu Horst Seehofer, den man sich nach der Lektüre durchaus als einsamen Mann vorstellen kann:

Seehofer: Meine Frau hat immer darauf geachtet, dass wir Freundschaften pflegen, aber das sind vor allem Leute außerhalb der Politik.

SPIEGEL: Warum?

Seehofer: Weil sich innerhalb der Politik ständig die Interessen kreuzen. Ich habe das jetzt wieder nach der Bundestagswahl erlebt, als die Debatten in meiner Partei anfingen.

SPIEGEL: Hat Sie das getroffen?

Seehofer: Ich leiste da keine Trauerarbeit. Aber es zeigt sich doch, dass alles Negative im Leben noch steigerungsfähig ist.

Im Video: Lautsprecher Söder

DER SPIEGEL

Außerdem möchte ich Ihnen eine Reportage ans Herz legen. In den amerikanischen Medien tauchten in den vergangenen Monaten immer wieder mal Berichte über einen verstörenden Suizid auf: Ein depressiver Junge hatte sich im Auto umgebracht, seine 17-jährige Freundin hatte ihn per SMS und am Telefon dazu aufgefordert, eher sogar angefeuert.

Angeklagte Michelle Carter
Charles Krupa / picture alliance / AP Photo / DPA

Angeklagte Michelle Carter

Kann man mit Worten töten? Kann man morden, ohne in der Nähe des Opfers zu sein? Wo endet, wo beginnt Verantwortung? Mein Kollege Claas Relotius hatte den Instinkt der besten Reporter: Er wollte wissen, was dort in Massachusetts wirklich geschehen war. Und er fand es heraus.

Die Meldungen der Nacht:

Die SPIEGEL-Plus-Empfehlungen für heute

Verlierer des Morgens...

... ist der Leistungssport. Es fällt mir schwer, dies zu schreiben, weil ich selbst Leistungssportler war und, in etwas veränderten Formen, bis heute bin. Ich liebe Mannschaftssport. Aber der Leistungssport beschädigt sich, er zerstört sich auf zweierlei Weise selbst. Die groteske Kommerzialisierung des Fußballs führt zu Langeweile und Wettbewerbsverzerrung; das schöne Spiel interessiert mich kaum mehr - und das hätte ich noch vor zehn Jahren für unmöglich erklärt. Sehr viel schlimmer: Der Kampf gegen Doping ist verloren und vorbei. Die Idealisten haben kapituliert. Die Verbände und das IOC kaschieren das noch, aber sie haben keine Chance mehr, weil die meisten von ihnen von Anfang an gar keine Chance haben wollten.

Die Idee des Leistungssports war der physische Wettstreit von Menschen innerhalb der Grenzen des Regelwerks. Wenn der Betrug gewonnen hat, lebt diese Idee nicht mehr; und wenn die Idee nicht mehr lebt, sollten Eltern ihre Kinder womöglich nicht mehr zum Leistungstraining bringen. Der Mediziner Perikles Simon hat den Antidoping-Kampf aufgegeben und erklärt seinen Schritt im SPIEGEL-Gespräch: "Dieses grandiose Scheitern auf allen Ebenen."

Es muss ja übrigens nicht Leistungssport sein. Eine Tennisstunde? Eine Radtour?

Ich wünsche Ihnen ein vielleicht bewegliches und jedenfalls erholsames Wochenende und sowieso eine anregende SPIEGEL-Lektüre,
herzlich aus Hamburg

Ihr Klaus Brinkbäumer

Chefredakteur
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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
i.dietz 09.12.2017
1. Die Angebote
der "Steuervermeidungsunternehmen" wie Amazon können noch so verlockend sein: ich werde bei diesen Firmen keinen Cent Umsatz machen !
So Nebenbei 09.12.2017
2. Doppelmoral
Da ist sie wieder, die gelebte Doppelmoral. Online bestellen, liefern lassen, aber dann später nachdenken und was merken. Dann die große Keule auspacken und verurteilen. Wieso das hier auf SPON so läuft, wurde mir jetzt mit diesem Briefing von Herrn Brinkhäuser klar. Der Fisch stinkt vom Kopf her, insofern sollten Sie mal in sich gehen, Hr. Brinkhäuser.
boxxxer6 09.12.2017
3. In der Stadt wollen Sie mich doch gar nicht mehr
Mit meinem Stinkediesel darf ich bald nicht mehr in die Stadt. Parken in München kostet ca. 6 Euro/h, Stau und Hektik gibts frei dazu. MVV für den Einkauf bepackt mit Taschen und co. unpraktisch und auch nicht billiger. Außerdem geht bei mir im Ort am WE nur ein Bus. In den Bekleidungsläden gibt es für meine Größe nur wenig Auswahl. Wenn ich bei Saturn den Verkäufer nach den Eigenschaften eines Gerätes frage, dreht der die Verpackung um und liest mir das vor, was ich eh grad gelesen habe. Den kleinen Händler in der Stadt gibt es eh fast nicht mehr. Überall Ketten, Apotheken, Optiker, Douglas, C&A, H&M und co. Die machen eh genug Geschäft. Bei Lebensmitteln nehmen wir im Ort die regionalen Händler, damit die genügend Umsatz machen. Da landet das Geld auch nicht bei einer großen Kette. Bei Kleidung ebenfalls, da gibt es komischerweise auch mehr Auswahl in meiner Größe. Parken kein Problem, die meisten Geschäfte sind aber eh zur Fuß erreichbar. Wozu dann den Stress machen, wenn ich den Rest bequem von der Couch bestellen kann, Rezessionen über das Produkt lesen und Fragen stellen kann. Als Hobby Schrauber z.B. bekomme ich Werkzeuge, die der Baumarkt gar nicht führt und für die ich weit fahren, müsste per Versand in allen möglichen Qualitätsstufen. Am nächsten Tag liegt das Paket bei uns auf der Terrasse, auch wenn ich nicht da bin. Gefällt es mir nicht, kann ich es einfach zurück schicken. Die Zusteller kenne ich auch meist und kann denen zu Weihnachten was zustecken, dann klappt es auch mit der Lieferung. Die Steuerproblematik bei Amazon, Apple und co sollte man eher unseren Politikern anlasten die so etwas zulassen.
Tonicek 09.12.2017
4. Das machen Sie richtig, Frau Dietz!
Zitat von i.dietzder "Steuervermeidungsunternehmen" wie Amazon können noch so verlockend sein: ich werde bei diesen Firmen keinen Cent Umsatz machen !
Ich übrigens auch nicht - habe dort auch noch nie etwas gekauft oder bestellt!
tomnitzer 09.12.2017
5.
Das Bild mittig, welches eine Szene der Krawallen mit Links- Chaoten zeigt, mit "Gipfelgegner" zu beschreiben ist schon sehr verniedlichend.
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